Ökosysteme und IT: „Die meisten vorhandenen Sensorikansätze der Versicherer wirken eher halbherzig“

Paul Henri Degrande auf Pixabay

Sensoren bilden die „Sinnesorgane“ für Anwendungsfälle des IoT und erbringen die digitale Erfassung der analogen Welt. Privatpersonen sowie Unternehmen setzen sie auf viele Arten ein – von Fitnesstracker über Rauch- und Wassermelder bis hin zur Produktionsüberwachung. Riesige Datenmengen entstehen, die bislang aber kaum genutzt werden. Ansätze zur Schließung von Lücken für Versicherer.

Versicherern fehlt das Gesamtkonzept

Versicherer haben IoT-Funktionen bisher nur vereinzelt eingesetzt. Diese werden meist zur Verbesserung der Risikoeinschätzung im Zusammenhang mit der Prämienkalkulation eingesetzt – prominentestes Beispiel hierfür sind nutzungsbasierte Kfz-Tarife. Zunehmend setzen Versicherungen auch Anwendungsfälle mit Sensoren zur Schadensminimierung und -vermeidung ein. Solche Sensoren finden sich nicht nur im Bereich Smarthome mit beispielsweise Wasserstopsensoren wieder, sondern auch bei gewerblichen Transportversicherungen, die auf Konzepte wie „intelligente“ Container zurückgreifen.

Kein Erfolg in der Telematik

Im Privatkundengeschäft sind für Versicherer insbesondere drei Märkte attraktiv: Kfz, Gesundheit und Wohnen. Diese Märkte unterscheiden sich hinsichtlich Marktstrukturen (z.B. relevante Player), Marktverbreitung, Reifegrad der Sensorik-Technologie und regulatorische Anforderungen. Im Bereich „Kfz-Versicherungen“ bieten eine Vielzahl der deutschen Versicherungen bereits einen Telematiktarif an. Trotz einer Vielzahl von Marketingaktivitäten ist es aber noch nicht gelungen, sich relevante Marktanteile zu sichern. Nichtsdestotrotz sind vor allem die Marktführer im Bereich Kfz-Versicherung hier immer stärker aktiv und sehen erste positive Effekte.

Das Ausbleiben von großen Erfolgen liegt aktuell noch an der Unsicherheit des Kunden, zu viele Daten von sich preiszugeben und dass dies im schlimmsten Fall sogar zu einem Nachteil für ihn führen könnte. Hinzu kommen die Zusatzkosten für den nachträglichen Einbau, die im wettbewerbsstarken Kfz-Versicherungsmarkt eine Hürde bilden.

Jedoch haben Untersuchungen von Versicherungen nachgewiesen, dass sich vor allem aufgrund des verbesserten Unfallmeldedienstes diese Zusatzkosten rechnen. Als weitere Herausforderung kommt hinzu, dass OEMs die benötigte Sensor-Technik im Rahmen ihrer Connected Cars zukünftig standardmäßig in Neuwagen zur Verfügung stellen werden. Damit besetzen die OEMs die Schnittstelle zum Kunden und können ihre Marktmacht gegenüber dem Versicherer ausspielen, indem sie nur ausgewählten Versicherern die benötigten Sensordaten zur Verfügung stellen.

Problem Gesundheitsdaten

Im „Gesundheitsbereich“ nutzen aktuell nur wenige Anbieter Sensordaten. Die notwendigen Informationen werden dabei durch Wearables bereitgestellt. Allerdings sind die meisten Kunden nicht bereit, ihre persönlichen Gesundheitsdaten mit den Versicherungen zu teilen. Hinzu kommen die hohen regulatorischen Hürden bei der Verarbeitung sensibler personenbezogener Daten.

Potenziale für das Smarthome

Im Bereich „Wohnen“ zeigt sich ein anderes Bild. Hier existieren vereinzelt erste Ansätze zur Einbindung von Sensoren – die meisten Ansätze der Versicherer fokussierten sich bisher größtenteils auf die Rabattierung von Smarthome-Sensoren, welche aber oft noch nicht einem Standard entsprechen, um umfassende Schäden minimieren oder gar vermeiden zu können.

Aufgrund der geringeren Datenschutzbedenken sowie des stark fragmentierten Anbietermarkts für Sensor- und Haustechnik, in dem sich bis jetzt noch kein Marktführer etablieren konnte, wird der Markt „Wohnen“ für Versicherer aber nichtsdestotrotz zum attraktiven Einsatzgebiet für Sensoren. In den letzten Jahren sind die Verkaufszahlen von Smarthome-Produkten in Deutschland stetig gestiegen. Dabei gehören Sensorlösungen für Gebäudesicherheit mit einem Umsatzwachstum von mehr als 20 Prozent p.a. zu den Spitzenreitern. Hinzu kommt, dass 40 Prozent der Abnehmer von Smarthome-Produkten unter 35 Jahre alt sind. Für Versicherer bieten sich unzählige Chancen. Richtig eingebunden, ergeben sich positive Effekte auf alle drei Kernbereiche von Versicherungen: Schaden, Produktentwicklung bzw. Tarifierung und Vertrieb.

Die meisten vorhandenen Sensorikansätze indes spiegeln die noch vorherrschende Zurückhaltung der Versicherer wider und wirken eher halbherzig. Ein echter Durchbruch am Markt lässt noch auf sich warten. Damit bleiben für Versicherer attraktive Potenziale durch den Einsatz von Sensorik meist noch ungenutzt. Dies mag zwar noch daran liegen, dass die aktuell angebotenen Sensoren noch nicht das volle Potenzial aufweisen, um Schäden umfassend vermeiden zu können.

Nichtsdestotrotz sammeln diese aber bereits eine Vielzahl an wertvollen Daten, weshalb es sich bereits jetzt für Versicherungen lohnt, das Thema anzugehen und erste Ansätze zu verproben. Zukünftige Versicherungs- sowie Sensorikprodukte können im Zusammenspiel ihr volles Potenzial entfalten und machen das aktuell bestehende Angebot vor allem im Bereich Wohnen nicht nur besser, sondern auch für den Kunden attraktiver. Die Kombination aus Versicherungsleistung und Sensortechnik bietet eine umfassende Lösung, von der der Kunde, der Hersteller und der Versicherer profitiert – quasi ein Win-Win-Win, den es jetzt zu nutzen gilt.

Autoren: Philip Franck, Senior Manager; Gregor Morin, Manager; Christine Utendorf, Consultant; alle bei zeb tätig.

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