Hannover-Rück-Chef Henchoz exklusiv: „Am Ende setzt sich durch, was erfolgreicher macht“

Jean-Jacques Henchoz, CEO Hannover Rück

Mehr als fünf Milliarden Menschen haben während der Coronakrise weltweit ihren Alltag, ihr Sozialleben und ihr Arbeitsumfeld zum Schutz der Bevölkerung und ihrer Gesundheit umgestellt. „Eine ungewöhnliche Premiere in der menschlichen Geschichte“, sagt Jean-Jacques Henchoz, Vorstandsvorsitzender der Hannover Rück. In der Folge wurden gesellschaftliche Transformationsprozesse verstärkt, die sich auch auf die Rückversicherungsbranche auswirken. Einblicke eines Experten.

Verstärktes mobiles Arbeiten, die Entwicklung digitaler Versicherungsideen sowie Ansätze für branchenübergreifende Partnerschaften beschleunigen den digitalen Aufbruch in vielen Bereichen. Als die Hannover Rück Mitte März innerhalb kürzester Zeit für den größten Teil ihrer weltweit mehr als 3.000 Mitarbeiter das mobile Arbeiten möglich machen musste, war das eine Herausforderung; sie verlief jedoch ausgesprochen gut.

Hybride Arbeits- und Kommunikationsformen

Die vorhandene technische Ausstattung, bereits früh digitalisierte Kommunikationswege sowie sichere Netzwerkstrukturen haben die Ausweitung standortunabhängiger Arbeitsplätze auf alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ermöglicht. Der Austausch ist besser als zu Beginn erwartet. Trotz weitreichender Beschränkungen und Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie erhalten unsere Kunden und Vertriebspartner weiterhin alle Expertise, Beratung und Services.

Ihre Reaktionen auf die virtuelle Ansprache fallen bisher positiv aus. Je komplexer und schwieriger ein Sachverhalt jedoch ist, desto wichtiger wird der persönliche Kontakt. Dennoch werden wir überlegen, ob manches Meeting persönliche Präsenz erfordert oder an welchen Stellen auch digitale Formate geeignet sind, Inhalte zu besprechen oder zu präsentieren.

Wir sammeln noch Erfahrungen, wie innerbetriebliche Strukturen sowie hybride Arbeits- und Kommunikationsformen in die Arbeitswelt von morgen kundenorientiert und ökologisch miteinander in Einklang zu bringen sind. Für die Zukunft erwarte ich, dass es noch selbstbestimmter und teamorientierter zugehen wird, dass Zeit- und Arbeitsortsouveränität eine größere Rolle spielen werden. Am Ende setzt sich durch, was erfolgreicher macht.

Aktuelle Krise als Treiber für die Konzeption digitaler Lösungen

Erfreulicherweise ist schon viel Innovationskultur und digitale Neugier in der Hannover Rück vorhanden. Das ist eine starke Basis, um die Nutzung von Digitalisierung und auch künstlicher Intelligenz (KI) in vielen Bereichen zukünftig noch zu intensivieren. Exemplarisch steht hierfür der Lösungsansatz unserer Tochtergesellschaft E+S Rück im Bereich Kraftfahrzeug-Telematik, anwendbar als Applikation (App) über das Smartphone.

Anfang kommenden Jahres werden wir unseren Versicherungskunden die es|Tmatik-App marktreif anbieten, zunächst in Deutschland. Sie fußt auf einer objektiveren Datengrundlage und legt den Schwerpunkt auf die Tarifmerkmale Fahrleistung und Regionalklasse statt – wie sonst üblich – dem bewerteten Fahrverhalten des Fahrers.

Verfahren zur Datennutzung mittels KI sind also für die (Rück)-Versicherungsbranche ein wesentlicher Aspekt, da sehr komplexe Felder und Fragen auf diese Weise miteinander zu verbinden sind: Klimamodelle, Agrar- und Landschaftsinformationen, Ernährung, Gesundheitsdaten und ihre Deutung sind Themen, die ohne jeden Zweifel zukunftsrelevant sind.

Obgleich solche Methoden auch noch heranreifen und robuster werden können. Wir haben ja erst begonnen, die noch recht junge Disziplin digitaler Systeme und den Bereich Big Data miteinzubeziehen. In dem Zusammenhang dürften auch parametrische Schutzdeckungen an Bedeutung erlangen. Basierend auf messbaren meteorologischen und geophysikalischen Indizes oder durch Über- oder Unterschreiten vorher festgelegter Schwellenwerte erfolgen bei diesen Versicherungen Schadenauszahlungen.

Die Verfügbarkeit von Datensätzen – auch über Satelliten – erleichtert es, neue digitale Deckungskonzepte für eine Vielzahl von Geschäftssparten weltweit zu konzipieren. Über solche Ansätze ließe sich auch in Entwicklungs- und Schwellenländern die Versicherungsdurchdringung erhöhen. Wir arbeiten daran, unser Angebot global zu erweitern und unterstützen unsere Versicherungskunden verstärkt bei der Produktentwicklung als auch bei der Implementierung mittels neuer Ansätze von Data Analytics und Automatisierung.

Partnerschaften für wachsende Gefahren

Und gleichzeitig dürfen wir, wo wir von Digitalisierung und dem Umgang mit (Kunden-)Daten und Datenanalysen sprechen, die Gefahren von Cyberkriminalität nicht unterschätzen. Schad- oder Spionageprogramme spähen Unternehmensdaten aus oder kapern komplette Systeme. Oft sind damit Lösegeldforderungen verbunden. Solche Cyberangriffe stellen eine ernsthafte Bedrohung dar. Infolgedessen werden nicht nur bessere Schutzmaßnahmen aufgrund von sogenannten Social Engineering notwendig, auch die Nachfrage von entsprechendem Versicherungsschutz wird weiter steigen.

Die Hannover Rück arbeitet z. B. aktuell an einem Analysetool, das es den Erstversicherungskunden leichter machen soll, das maximale Cyber-Schadenpotenzial in ihren Portfolies zu erkennen. Allerdings handelt es sich sowohl bei Cyberattacken als auch bei Pandemien um systemische Risiken. Wegen ihrer globalen Natur sind die Kosten, die weltweit entstehen können, immens. Dazu bedarf es heute mehr denn je auch partnerschaftlicher Lösungsansätze, um die häufigeren Erschütterungen in der Welt bewältigen zu können. Wie eine solche partnerschaftliche Lösung für Pandemierisiken konkret aussehen könnte, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch ungewiss.

Aber wir können hier mit unserer Expertise unterstützen und an der Entwicklung neuartiger Deckungskonzepte mitwirken. Die digitale Transformation sichert unter den aktuellen Gegebenheiten also nicht nur den Geschäftsbetrieb der Hannover Rück, sondern birgt viel Innovationspotenzial, auch mit Blick auf Risikomanagement und Risikoprävention.

Herausgefordert zu sein mit Themen wie Gesundheit und Demographie, Globalisierung und Klimaresilienz, betrachten wir als Chance. Ich möchte die Krise aber nicht schönreden, denn es gibt viele Menschen, die Angehörige oder Freunde verloren haben. Doch wenn wir die richtigen Lehren ziehen, können die daraus entstehenden Möglichkeiten dieser globalen Umstellung die Hannover Rück sinnvoll ergänzen.

Autor: Jean-Jacques Henchoz, Vorstandsvorsitzender der Hannover Rück

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der aktuellen September-Ausgabe des Magazins Versicherungswirtschaft.

Quelle: VVW GmbH

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