Corona beschert Kfz-Versicherern das wohl beste versicherungstechnische Ergebnis der letzten 15 Jahre

Quelle: Porsche

Mit ca. 28,5 Mrd. Euro Brutto-Beitragseinnahmen für das jüngst abgelaufene Jahr 2019 wies die Kfz-Versicherung einen neuen Rekordwert auf. Nachdem die Einnahmen über viele Jahre hinweg nominal um 20 Mrd. Euro (bzw. 40 Mrd. D-Mark) zirkulierten, zeigt sich seit 2010 ein beachtlicher kontinuierlicher Anstieg um mehr als acht Mrd. Euro, von denen nur ungefähr ein Viertel auf inflationäre Anpassungen zurückzuführen ist. Unter vollständiger Berücksichtigung relativiert sich der Erfolgskurs der Kfz-Versicherer.

Unter vollständiger Berücksichtigung der Euro-Inflationskomponente in allen Jahren relativiert sich der absolute Einnahmenrekord aus 2019 allerdings erheblich, da dieses Niveau inflationsbereinigt bereits 2003 schon einmal erreicht wurde. Auch das inflationsbereinigte Allzeithoch der letzten 30 Jahre ist nicht der heutigen Zeit, sondern dem lange zurückliegenden Jahr 1995 zuzuschreiben.

In Summe ist der Kfz-Versicherungsmarkt daher eher einem stagnierenden Marktumfeld zuzuordnen – vielleicht sogar mit volkswirtschaftlich leicht rückläufiger Tendenz. Alles andere als stagnierend entwickelt sich die Anzahl der Risiken. Jahr für Jahr wächst die Zahl versicherter Kraftfahrzeuge um nahezu stabile plus 1,5Prozent an. In absoluten Zahlen betrachtet kommen jedes Jahr ungefähr eine Million Risiken in das Versichertenkollektiv hinzu, sodass der Bestand an Fahrzeugen im Jahr 2019 insgesamt auf über 64 Mio. Stück angestiegen ist.

Dieses Wachstum resultiert keineswegs aus neu hinzugekommenen Risikogruppen wie beispielsweise jüngst die Elektro-Kleinstfahrzeuge, vielmehr wächst auch die Anzahl klassischer Pkws in gleicher Relation, sodass alleine aus diesem Segment Jahr für Jahr mehr als 500.000 Fahrzeuge neu hinzukommen.

Kulant beim Kunden

Im aktuellen Jahr wird der Zuwachs an Risiken und Beitragseinnahmen in üblicher Höhe allerdings ausbleiben. Dies ist weniger auf eine Trendwende als auf die Covid-19-Pandemie zurückzuführen. Sowohl der mehrwöchige „Lockdown“ als auch die andauernde unsichere wirtschaftliche Situation in den kommenden Monaten dürfte die Anzahl an Fahrzeug-Neuzulassungen erheblich reduzieren.

Hinzu kommen gewerbliche Fahrzeug-Stilllegungen bedingt durch die sich abzeichnende Rezession sowie temporäre Außerbetriebsetzungen während der Lockdown-Phase. In Summe dürfte der relativ stabile Ausbau des Versicherungsbestands in seiner Dynamik erheblich einbüßen, sodass anstelle der üblichen 1,5 Prozent zusätzlichen Risiken in diesem Jahr nur ungefähr die Hälfte hinzukommen dürfte – in Vollkasko wohl noch weniger, in Teilkasko etwas mehr.

Auch bei den Beiträgen scheinen Versicherer ihren Kunden kulant entgegenzukommen, sei es durch beitragsfreie Ruheversicherungen, durch nachträgliche tarifrelevante Kilometerkorrekturen oder durch in Aussicht gestellte Beitragsrückerstattungen. Im Wesentlichen dürften diese Effekte allerdings die zu Beginn dieses Jahres vorgenommenen Beitragsanpassungen lediglich reduzieren. Damit würden die Beitragseinnahmen unter Einrechnung aller Sondereffekte in der Summe noch ungefähr um weitere 100 Mio. Euro ansteigen.

„Welt nach Covid-19“

Die Covid-19-Situation verbunden mit den ausbleibenden Schäden wird wahrscheinlich zum besten versicherungstechnischen Ergebnis der letzten 15 Jahre führen. Allein durch das erste Halbjahr dürfte 2020 ein versicherungstechnisches Ergebnis von plus fünf Prozent als Summe aller Kraftfahrtsparten nahezu garantiert sein. Sollten die Auswirkungen von Covid-19 auch in das zweite Halbjahr ausstrahlen, ist ein Ergebnis von bis zu neun Prozent plus bei durchschnittlicher Elementarbelastung zu erwarten.

Damit bricht das Ergebnis bedingt durch den einmaligen Sondereffekt aus dem langjährig anhaltenden Trend aus, nur leicht positive Erträge zu erwirtschaften, deren Höhe in den letzten sieben Jahren hauptsächlich aufgrund der Elementarbelastungen variierten. Im Übrigen hätte das Jahr 2020 ohne Covid-19 ein lediglich ausgeglichenes Ergebnis nahe einer schwarzen Null erwirtschaftet, da die Durchschnittsbeiträge bereits stagnierten und damit die langfristige Schadeninflationen das Ergebnis um zwei Prozentpunkte verschlechtert hätten.

Diese „as-if“-Betrachtung für das Jahr 2020 ist äußerst wichtig für die zukünftige Positionierung in der Kfz-Versicherung, da dieses die Ausgangssituation für eine „Welt nach Covid-19“ darstellt. Sollten Versicherungsunternehmen mit dem Gedanken spielen, derzeitige positive (Einmal-)Erträge in Form abgesenkter Tarife an Kunden weiterzugeben, hätte dieses große Verluste zur Folge, sofern das Schadenaufkommen auf Deutschlands Straßen nach Covid-19 der Situation vor Covid-19 gleicht.

Autor: Marco Morawetz, Leiter des Bereichs Consulting bei der Gen Re in Köln

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Quelle: VVW GmbH

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