D&O-Experte Held im Interview: „Für die Manager haben die Leute während des Lockdowns auf den Balkonen nicht geklatscht“

Franz Held, Prokurist VOV GmbH. Quelle: VOV

Manager in Deutschland haben in der Öffentlichkeit keinen guten Stand, obwohl sie überwiegend einen guten Job machen, sagt Franz M. Held. Laut dem Juristen und Prokuristen beim Anbieter VOV geht das oft genutzte Bild der „geldgierigen Elite“ völlig an der Realität vorbei. Weshalb er Unternehmenslenkern zu einem D&O-Schutz rät, erklärt der Expert und Buchautor zum Thema D&O im Interview.

VWheute: Sie kritisierten einmal: „Manager haben keine Lobby“. Was meinen Sie damit?

Franz M. Held: Mein Eindruck ist, dass Manager in Deutschland keinen guten Stand haben, obwohl sie überwiegend einen guten Job machen. Viele übersehen, wie viel Verantwortung gerade die Geschäftsführungen in mittelständischen Betrieben jeden Tag wahrnehmen. In der aktuellen Krise stehen sie mit hohem persönlichen Risiko dafür grade, dass die Türen offen bleiben. Aber für sie haben die Leute während des Lockdowns auf den Balkonen nicht geklatscht.

VWheute: Hinkt der Vergleich nicht etwas. Immerhin haben die Menschen in Krankenhäusern oder Supermärkten bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus gearbeitet.

Franz M. Held: Deren Leistung will ich nicht schmälern, ganz und gar nicht. Mir geht es darum, dass unter dem klassischen Manager häufig die geldgierige Elite verstanden wird, obwohl die Realität gerade hier in Deutschland völlig anders aussieht. Wir leben vom Mittelstand, von ganz normalen Leuten, die kleine Unternehmen führen. Und dafür gehen sie gravierende Risiken ein. Denn Manager in Deutschland haften gemäß §§ 43 GmbH-Gesetz und 93 Aktiengesetz bereits bei fahrlässig begangenen Pflichtverletzungen, und zwar unbegrenzt, mit ihrem gesamten Privatvermögen. Eine Frist zu verpassen, kann die finanzielle Existenz kosten. Darüber hinaus haften sie gesamtschuldnerisch und müssen bei einer Inanspruchnahme den Entlastungsbeweis führen, dass sie sich nichts haben zuschulden kommen lassen. Diese teils drakonischen Regeln finden sich zwar in der einschlägigen Fachpresse wieder. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung überwiegt jedoch das Bild des überbezahlten Managers, der abkassiert, scheinbar ohne etwas dafür zu tun. Das wird den allermeisten Entscheidungsträgern in den Unternehmen überhaupt nicht gerecht.

VWheute: Bräuchte diese Gruppe nicht eher einen Rechtsanwalt statt noch mehr Aufmerksamkeit? Die Skandale in der Finanzwirtschaft nehmen nicht ab, oft sind die Manager prominent vertreten, siehe Wirecard.

Franz M. Held: Wirecard hat den traurigen Rekord aufgestellt, als erstes DAX-Unternehmen Insolvenz angemeldet zu haben. Das ist wahrlich kein Ruhmesblatt. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, haben wir es bei Wirecard jedoch mit kriminellem Verhalten zu tun. Das ist nicht nur ein akademischer Unterschied, weil wir es dann mit einem mutwilligen Verhalten zu tun haben. Darauf würde auch ein D&O-Versicherer hinweisen. Wer wissentlich gegen Pflichten verstößt, kann keinen Versicherungsschutz in Anspruch nehmen. Gerade im Mittelstand sind jedoch eher -manchmal auch aus Unwissenheit begangene- fahrlässige Pflichtverletzungen die Regel, nicht Straftaten von einzelnen Managern, die zuvor auch noch Millionenbeträge kassiert haben. Und das war mal, Manager vor dem finanziellen Ruin zu bewahren, wenn ihnen eine Pflichtverletzung vorgeworfen werden kann.

VWheute: Ganz konkret, welchen Änderungsbedarf in der D&O Versicherung sehen Sie, was sollte angepasst werden?

Franz M. Held: Unternehmens-D&O-Bedingungen enthalten nicht nur Deckungselemente, die dem Vermögensschutz der verantwortlich handelnden Organmitglieder dienen, sondern auch solche, die unmittelbar zugunsten der versicherungsnehmenden Gesellschaft wirken. Wer hier als Manager eine D&O-Police mit ausschließlich zu seinen Gunsten ausfallenden Deckungsinhalten als erste Wahl ansieht, der sollte unbedingt über den Abschluss einer persönlichen D&O-Versicherung nachdenken. Wir bieten auch hier sehr gute Lösungen an.

VWheute: Wie steht die Branche derzeit in der D&O-Versicherung da, welche Entwicklungen sehen Sie?

Franz M. Held: Die Branche ist angeschlagen. Das zeigen die GDV-Geschäftsstatistik und zahlreiche Beiträge, die auch in der Fachpresse erschienen sind. Einige Anbieter verknappen deshalb die Kapazitäten, weil sich das Geschäft aus ihrer Sicht kaum noch lohnt, der Markt verhärtet sich spürbar. Zudem dürften die Prämien bei exponierten Risiken in den nächsten Jahren teils kräftig steigen. Dazu leistet auch die Corona-Krise ihren Beitrag. Zwar sind die Insolvenzantragspflichten unter bestimmten Voraussetzungen derzeit ausgesetzt, doch das dürfte in vielen Fällen nur dazu führen, dass die Zahlungsunfähigkeit später einsetzt. Nicht in allen Branchen ist es ohne weiteres möglich, die über mehrere Monate ausgefallenen Erträge zu kompensieren.

VWheute: Müssen die Versicherer ihr Angebot verbessern oder anpassen?

Franz M. Held: Ich glaube, dass wir durch kluges Underwriting und eine faire Schadenregulierung nach wie vor in die Lage versetzt sind, auch künftig Managerhaftungsrisiken versicherbar gestalten zu können. Wir befinden uns aber auch in einer Phase der Marktverhärtung, so dass „Verbesserungen“ im Sinne von „Deckungserweiterungen“ wohl eher nicht zu erwarten sind. Und was mögliche Anpassungen betrifft, so werden diese wie schon immer auch in Abhängigkeit zu den Veränderungen des Umfelds stehen.

VWheute: Warum werden aus ihrer Sicht einige Fälle wie Wirecard prominent verfolgt – von Medien wie Politik – doch andere verschwinden aus dem Blickfeld, siehe Cum-Ex?

Franz M. Held: Das scheint mir ein Zeitphänomen zu sein. Je aktueller die Nachricht und je prominenter oder schillernder die Betroffenen, desto mehr Aufmerksamkeit. Der Vorwurf des Bilanzbetrugs in Fernost mit einem Schaden von 1,9 Milliarden Euro lässt sich als Geschichte auch viel leichter erzählen als ein zu spät eingereichter Subventionsantrag eines mittelständischen Infrastrukturanbieters, der nun zu einem Anspruch gegen einen Geschäftsführer führt. Hinzu kommt, dass der überwiegende Anteil der Inanspruchnahmen von Managern auf dem Vergleichswege geregelt wird, um die Reputation von Unternehmen und Betroffenen zu schützen. Das bedeutet dann aber gleichzeitig auch eine fehlende Medienaufmerksamkeit. Selbst wenn es dabei ebenfalls um hohe Beträge geht, sind es eher selten so plakative Vorwürfe wie bei jetzt Wirecard oder vor kurzem bei VW.

VWheute: Welche Lehren ziehen Sie aus der Entwicklung der letzten Monate in der D&O, persönlich und als Unternehmen?

Franz M. Held: Es sollte selbstverständlich sein, Managern in Deutschland den ihnen gebührenden Respekt entgegenzubringen und sie auch im Falle einer persönlichen Inanspruchnahme fair zu behandeln. Ein professionelles Underwriting und Schadenmanagement auf Seiten der D&O-Anbieter dürften zukünftig erst recht die Garanten für bedarfsgerechte D&O-Versicherungslösungen sein. Und jede kritische Situation birgt ja auch wieder Chancen für die Zukunft – wie auch immer sie aussehen mag. Johann Wolfgang von Goethe soll gesagt haben: „Wer neue Antworten will, muss neue Fragen stellen.“ Insofern freue ich mich schon jetzt auf wiederum neue Fragestellungen.

Herr Held hat im Verlag Versicherungswirtschaft mit Carsten Laschet ein Buch zum Thema D&O verfasst.

Quelle: Ratgeber Geschäftsführer-Haftung und D&O-Versicherung.
Mit Beiträgen von Dr. Lutz Martin Keppeler und Jerome Nimmesgern . Quelle: Verlag Versicherungswirtschaft.

Sie können das Buch hier erwerben.

Die Fragen stellte Maximilian Volz

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