IT-Struktur: Versicherer investieren viel Geld, häufig aber am Ziel vorbei

Michal Jarmoluk auf Pixabay

Versicherer in Deutschland leiden unter veralteten IT-Anwendungen. Kein Wunder, dass jetzt so viel Geld in neue Hard- oder Software investiert wird wie nie zuvor. Etwa 4,7 Mrd. Euro und damit 4,5 Prozent mehr als im Jahr zu vor, so die Bilanz des GDV. Bei der Implementierung gibt es jedoch immer wieder Widerstände aus dem Inneren der Firmen und es mangelt weiterhin an IT-Fachkräften.

Dementsprechend kletterte die IT-Kostenquote leicht auf 2,3 Prozent. Allerdings seien die Kosten für die digitale Transformation in den Fachbereichen darin nicht berücksichtigt, heißt es beim GDV weiter. Allerdings genießen derzeit häufig IT-Projekte hohe Priorität, die im Kern nichts mit der Digitalisierung zu tun haben. So gehe es vielmehr um die Erfüllung regulatorischer Vorgaben, etwa durch die Datenschutzgrundverordnung.

Quelle: GDV

„Das Wachstum unterstreicht, dass die Ablösung der Altsysteme schnell voranschreitet.“

Patrik Maeyer, Leiter Betriebstechnik, Digitalisierung und IT beim GDV

Sorgen bereitet den Versicherern allerdings der Fachkräftemangel. Zudem reichten die Absolventenzahlen in IT-Fachberufen und -studiengängen nicht aus, um den Bedarf zu decken, so der GDV weiter. Daher blieben auch in der Versicherungsbranche wichtige Stellen unbesetzt. „Der seit Jahren schwelende IT-Fachkräftemangel und die Demografie hat sich inzwischen zu einem chronischen Problem entwickelt“, bewertet Patrik Maeyer, Leiter Betriebstechnik, Digitalisierung und IT beim GDV, die aktuelle Situation. 

Strukturelle Schwierigkeiten in der IT sind gravierender als vermutet

Jedenfalls scheinen die hohen Investitionen in eine moderne IT-Struktur notwendiger denn je zu sein, sind die strukturellen Schwierigkeiten in IT und Organisation gravierender als vielfach vermutet. So kämpfen die Versicherer bereits seit langem einen Krieg, für den sie nur unzureichend gerüstet sind.

Das Problem: Sie leiden unter veralteten IT-Anwendungen, die den Anforderungen mit Blick auf Digitalisierung, Flexibilität und Zukunftssicherheit mittlerweile kaum mehr gewachsen sind. Dabei scheinen die Probleme in diesem Bereich oftmals hausgemacht.

Innere Widerstände schwellen an, Fragen nach dem warum-ausgerechnet-jetzt fehlt eine simple Antwort. „Oft werden IT-Transformationen so lange aufgeschoben, bis die Druckpunkte in der Entwicklung und Umsetzung nicht mehr hinnehmbar sind. Bis dahin wurde bereits viel Zeit und Geld investiert, um die Defizite der alten Systeme zu kompensieren“, kritisierte Christian Kinder, Partner bei Bain & Company und Leiter der Praxisgruppe Versicherungen bereits im Juli 2019 gegenüber der Versicherungswirtschaft.

Dabei seien IT-Budgets vor allem darauf ausgerichtet, bestehendes Geschäft am Laufen zu halten und den Status quo aufrecht zu erhalten. Insiderinformationen zufolge stecken Versicherer bislang nur zehn bis 30 Prozent ihres tatsächlich dafür vorgesehenen Geldes in Innovationen. Andere Akteure, die Vorreiter, haben den komplexen und teuren Prozess dagegen schon vor Jahren eingeleitet.

Und dennoch scheinen die Versicherer die Probleme erkannt zu haben: Player wie Allianz, Axa, Aviva, Ergo oder Zurich haben in den vergangenen Jahren Anstrengungen unternommen, um die in die Jahre gekommenen Host-Systeme durch neue Standardsoftware zu ersetzen.

Versicherer nehmen viel Geld für die IT-Transformation in die Hand

Jüngstes Beispiel: Im Juli 2019 gab die Talanx bekannt, in den kommenden Jahren verstärkt auf Modernisierung und Effizienz. Neben Kosteneinsparungen von rund 240 Mio. Euro will der Versicherungskonzern aus Hannover nun auch seine IT entrümpeln. „Wir wollen in den kommenden Jahren rund 20 bis 25 Prozent unserer internen Anwendungen beerdigen“, betonte Vorstand Jan Wicke gegenüber dem Handelsblatt. Dabei sollten mehr als 60 Altsysteme noch im gleichen Jahr abgeschaltet werden.

Ein anderes Beispiel dafür ist natürlich die Ergo: Bereits 2016 hatte der Düsseldorfer Versicherungskonzern angekündigt, rund eine Milliarde Euro in die digitale Transformation investieren zu wollen. Bis 2021 will Konzernchef Markus Rieß jährliche Kosteneinsparungen von bis zu 540 Mio. Euro erreichen. Die Kehrseite: Bis zu 1.800 Stellen sollten dafür geopfert werden.

Einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg: Die 2018 gegründete Partnerschaft mit IBM, um die eigenen Bestandsverträge in der Lebensversicherung künftig auf einer modernen IT-Plattform verwalten zu können. Dabei schielt die Ergo darauf, auch die Bestände von Drittanbietern verwalten zu wollen.

Ein wesentlicher Grund für diese Entscheidung: Die IT der Munich Re-Tochter galt lange als veraltet. Dabei sollen sich die Computer sogar bei der Höhe der Auszahlungsbeträge verrechnet haben, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters.

Immerhin sollen noch in diesem Jahr „erste Ergo-Bestände auf die neue Plattform übertragen werden. Unser Fokus liegt zunächst auf der Migration der eigenen Bestände. Aber ja, sobald wir diese erfolgreich auf der neuen Plattform verwalten, haben wir grundsätzlich die technischen Voraussetzungen, dies auch für andere Versicherer zu tun“, betonte Deutschlandchef Achim Kassow im August 2019 gegenüber VWheute.

Ähnliches gilt auch bei der Allianz: So verglich Konzernchef Oliver Bäte einst die hauseigene IT mit dem Schloss Neuschwanstein. Die Konsequenz: Bis 2025 will der Münchener Versicherer die letzten Altsysteme stilllegen. Zudem schloss die Allianz eine Partnerschaft mit dem Softwarekonzern Microsoft und will künftig wesentliche Teile seines hauseigenen Software-Systems ABS auch anderen Unternehmen auf Microsofts Cloud-Servern anbieten.

Unternehmen setzen auf digitale Schnittstellen

Zudem sollen Kunden und Vermittler über digitale Schnittstellen stärker in die Kernprozesse integriert werden. Der Name Guidewire fällt in diesem Zusammenhang besonders oft. Allein in Europa werden komplette IT-Systeme bei 75 Schaden- und Unfallversicherern von dem US-amerikanischen Unternehmen betrieben oder eingeführt.

„Im letzten Jahr hat sich die Versicherungsbranche durch die digitale Transformation, neue Technologien und innovative Software-Plattformen stark gewandelt. Im kommenden Jahr werden sich diese Trends noch weiter ausdifferenzieren“, kommentiert René Schoenauer, Director Product Marketing EMEA bei Guidewire Software die neuesten Trends der Branche.

Dabei zeichne „sich in diesem Jahr ein neuer Trend ab, der die Spreu vom Weizen in der Versicherungsindustrie trennen wird: Eine radikale Abkehr von veralteten On-Premise-Systemen hin zu cloudbasierten Standardsystemen spezialisierter Anbieter. Um Kapazitäten für ihr Kerngeschäft freizumachen, befinden sich die meisten Versicherer auf dem Weg, ihre IT deutlich zu verschlanken und zu vereinfachen. Der erste Schritt wurde schon durch die Digitalisierung eingeläutet“, ergänzt der Experte.

Und dennoch: „Echte Transformation stellt jede Organisation vor eine große Herausforderung. Die alten Strukturen stecken als ‚Silo- Denken‘ noch in den Köpfen. Auch die besten Tools ändern allein keinen Prozess. Wer mehr Agilität will, muss geeignete Methoden und Tools systematisch einführen. Das braucht eine klare Strategie und natürlich Zeit. Beispiel Portfoliomanagement: Hier können alle Versicherer noch effizienter werden“, konstatierte Joachim Ullerich, Head of Insurance and Public Services NTT Data Deutschland, gegenüber der Versicherungswirtschaft.

Autor: VW-Redaktion

Ein Kommentar

  • Ridschie Blanko

    Die Überschrift sagt doch alles. Man stelle sich vor die Vertriebsvorstände der desorientierten Versicherungsgesellschaften würden ihre Medikamente absetzen oder es käme zu einem Engpass im Bereich der berauschenden Mittel. Dann wäre die Überschrift hier völlig harmlos. Das Chaos heute ist in jedem Fall steigerungsfähig. Leider werden die Mitarbeiter, Kunden, Unterstützer derart verheizt. Nun möchte man alles heimlich versteckt im www. erledigen. Diese krankhaft gestörten und hilflosen Anstrengungen dem Kunden alles mögliche aufs Auge zu drücken was noch geht. Großes großes Kopfschütteln. Weiter so kann nur die Devise lauten. 😄😄

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