Zu spät? Finanzverbände kämpfen vereint gegen Deutschlandfonds

Bundestag, der Ort der Entscheidung über den Deutschlandfonds. Bild von Peter Dargatz auf Pixabay

Die deutsche Finanzindustrie ist in heller Aufregung. Der Deutschlandfonds mit dazugehöriger Rente ist nahe der Realisierung. In der Not haben sich die Finanzverbände d zusammengerauft und einen Gegenplan entwickelt, doch kommt das zu spät?

Ende der Woche entscheidet die CDU auf ihrem Parteitag über die Einführung einer Deutschland-Rente und den dazugehörigen Deutschlandfonds. Die genau Form des Vehikels ist noch nicht klar, doch es soll in den Grundzügen ein einfaches, kostengünstiges Standardprodukt für jedermann sein. Einzahlen kann jeder Arbeitnehmer über seinen Arbeitgeber. Verwaltet wird der Anlagetopf vom Staat, die Investmententscheidungen übernehmen Fondsmanager. Der Clou ist, dass der Fonds im Gegensatz zu privaten Anbietern zum Selbstkostenpreis arbeitet, es fallen also wohl nur minimale Verwaltungskosten an. Der Staat Norwegen unterhält ein ähnliches Modell.

Riester-Reform oder Fonds?

Die Idee kommt wohl aktuell wieder ins Gespräch, weil die Riester Rente stetig  Kritik auf sich zieht. Zu kompliziert, zu teuer, zu wenig fruchttragend, schallt es von Politik und Verbraucherschützern. Aber auch die Finanzindustrie kritisierte die Rentenform als zu kompliziert und wollte nachbessern.

Nun haben sich die Verbände BVI (Fonds), GDV (Versicherung), LBS (Bausparkassen der Sparkassen) und der Verband der Deutschen Bausparkassen zusammengerauft und gemeinsam einen „Fünf-Punkte-Plan zur Stärkung der privaten Altersvorsorge“ aufgestellt.

Der Vorschlag wurde bereits in Berlin vorgestellt und sieht unter anderem folgende Aspekte vor.

  • die Ausgestaltung von Standardprodukten ohne komplizierte Wahlmöglichkeiten, die einfach zu beraten sind und entsprechend kostengünstiger angeboten werden können.
  • eine attraktive und transparente Förderung, die für alle intuitiv verständlich ist: Jeder selbst gezahlte Euro wird mit mindestens 50 Cent gefördert.
  • eine Öffnung der geförderten privaten Altersvorsorge für alle – also auch für Selbstständige.
  • eine Lockerung der Bruttobeitragsgarantie, um die Ertragschancen für die Sparer zu erhöhen.
  • insgesamt vereinfachte Zulageverfahren (erst prüfen, dann zahlen), um die rund 800.000 Zulagenrückforderungen pro Jahr um über 90 Prozent zu reduzieren.

Angst vor dem großen Fonds

Dass der Vorschlag jetzt kommt, ist kein Zufall, die Finanzbranche fürchtet das Konstrukt. „Er brächte eine Wettbewerbsverzerrung nicht nur für die Anbieter von Riester-Produkten, sondern für den gesamten Anlagemarkt mit sich“, wird Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des Fondsverbands BVI, in der FAZ zitiert, die als erstes von dem Plan der Verbände berichtete. Eine mit den Vorgängen vertraute Person bestätigte gegenüber VWheute, dass die Einigung und Präsentation der Vorschläge „kein Zufall sei“ und direkt mit dem Deutschlandfonds in Verbindung stehe.

Vielleicht lässt man den Verbänden aber an dieser Stelle Unrecht zu Teil werden, der BVI schreibt, dass er der Politik schon vor rund einem Jahr Riester-Reformvorschläge vorgelegt hat. Dieses Angebot werde „nun im Schulterschluss mit weiteren Verbänden erneuert“, weil die Politik den „versprochenen Dialog nicht begonnen hat“.

Wie dem auch sei, die Verbände bitten die Bundesregierung, „zeitnah“ zu dem im Koalitionsvertrag vereinbarten Dialog mit den Anbietern einzuladen, um die dort vorgesehene Stärkung der privaten Altersvorsorge noch im ersten Halbjahr 2020 umzusetzen. Die vorgelegten Reformansätze bieten „erhebliches Potenzial, um Kosten zu senken“. Dafür sei ein enges Zusammenspiel von Anbietern und Staat unverzichtbar.

Kritik an der Idee

Den Deutschlandfonds und -rente bezeichnen die Verbände als risikobehaftet. Eine durchgreifende Weiterentwicklung des aktuellen Systems sei „deutlich überzeugender“ als ein risikobehafteter Systemwechsel. Vorschläge etwa für eine quasi-obligatorische „Deutschland-Rente“ aus Hessen oder die „Extrarente“ des vzbv belasten die Arbeitgeber. Sie ignorieren zudem, dass 70 Prozent der Arbeitnehmer bereits mit Riester-Verträgen oder betrieblicher Altersversorgung vorsorgen und auf die „Nachhaltigkeit dieser Altersvorsorgesysteme vertrauen“, schreiben die Verbände.

„Ein System abzureißen und neu zu bauen, schafft kein Vertrauen, dass es für mehr als 15 Jahre hält“, sagt Peter Schwark, Mitglied der Geschäftsführung des Versicherungsverbandes GDV, gegenüber der FAZ.

Der Verband der Bausparkassen schreibt: „Wie bei kaum einem anderen Thema erwarten die Menschen beim Thema „Altersvorsorge“ zu Recht Verlässlichkeit und einen langen politischen Atem. Erst rein in die Kartoffeln, dann raus den Kartoffeln, das kann es doch nicht sein! Verlässlichkeit – darauf vertrauen auch fast zwei Millionen Menschen, die sich mittlerweile für die Eigenheimrente, den Wohn-Riester, entschieden haben.“

Alles schaut nach Leipzig. Dort wird die CDU am 22. und 23. November auf dem Parteitag unter anderem über den Deutschlandfonds abstimmen. Gibt die Partei grünes Licht, wird er wohl kommen, denn SPD und Grüne sind mehrheitlich für die Idee.

Die Auswirkungen auf die Finanzindustrie wären immens. Ein zum Selbstkostenpreis arbeitender Fonds muss zins- und kostentechnisch erst einmal geschlagen werden, zudem würde er die Unternehmen bei den Kosten zu Zugeständnissen gegenüber den Kunden zweingen. Was in der Folge mit der Riester- und ähnlichen Renten geschieht, wäre eine weitere Frage. Doch so weit sind wir an dieser Stelle (noch) nicht.

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