Jürgen Cramer über Insurtechs: “Statt aufzubauschen würde ich die Kirche ein bisschen mehr im Dorf lassen“

Jürgen Cramer. Quelle: S-Direkt

Insurtechs stoßen in der Branche nicht unbedingt immer auf Gegenliebe. Jürgen Cramer, Vorstand der Sparkassendirektversicherung, kritisierte unlängst den Hype um die “jungen Wilden” der Versicherungsbranche. Warum diese “stupid money” versenken und Blockchain ein “totes Pferd” ist, erläutert er im Exklusiv-Interview mit VWheute.

VWheute: Jüngst gingen Sie in Ihrem Gastbeitrag für die Versicherungswirtschaft recht hart mit den InsurTechs ins Gericht: Sie sprachen in diesem Zusammenhang von Hyper, Hysterie und Hybris. Was kritisieren Sie konkret an den Start-ups und was haben die etablierten Player, was die Jungunternehmer nicht haben?

Jürgen Cramer: Die Start-ups kritisiere ich gar nicht so sehr. Wenn ich Start-up wäre und möglichst viel Geld über Finanzierungsrunden einsammeln wollte, würde ich meine Story vielleicht auch so aufbauen. Allerdings würde ich nicht aufbauschen, ich würde „die Kirche ein bisschen mehr im Dorf lassen“. Wenn ich von einem der InsurTechs lese, nachdem man ein paar Millionen eingesammelt hat,  dass man in fünf Jahren Axa, Allianz und Ping An in Bedrängnis bringen wird, bin ich – gelinde gesagt – erstaunt.

Zur Erinnerung: Ping An ist der weltgrößte Versicherer; sein Markenwert liegt mehr als doppelt so hoch im Vergleich zum Markenwert der Allianz. Ping An beschäftigt fast 30.000 ITler und mehr als 700 Data Scientists und bewegt sich in einem Markt mit 1,4 Mrd. potentiellen Kunden. Also: Meine Kritik geht dann eher in Richtung der Investoren, die ja augenscheinlich diese Stories blauäugig kaufen. Wie sagte mir mal ein Start-up-Geschäftsführer unter vier Augen: „Meine Investoren wissen gar nicht, worein sie investiert haben.“ Das klingt doch eher nach Realsatire – oder? – Und – zweiter Teil der Frage – was ist also der Unterschied zwischen den etablierten Playern und den Jungunternehmen?

Die Antwort in aller Kürze: Die Etablierten haben Kunden, Marke und Legacy-Systeme und – hier kann ich dann natürlich nur für mein Unternehmen sprechen – müssen mit ihren finanziellen Mitteln rational haushalten. Die „jungen Wilden“ haben augenscheinlich z.T. „stupid money“, das sie dann nicht nur in IT, sondern auch in Marketing, und dazu gehört abenteuerliches Pricing, versenken können. Das ist für die Markthygenie im Sinne eines risikogerechten Pricings natürlich nicht gut. Disruptive Ansätze sehe ich im Übrigen nicht – Vergleichsportale nehme ich dabei aus, deren Entstehen war natürlich disruptiv.

VWheute: Glaubt man verschiedenen Beratungsunternehmen, steigen die Investitionen in InsurTechs auf immer neue Rekordhöhen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Jürgen Cramer: Es gibt einen Trend in Richtung weniger Deals, dafür bei den weniger Deals dann höhere Summen. Das ist ja ein genereller Trend in der Internet- bzw. Plattform-Ökonomie: „The winner takes it all.“ Schauen wir mal, wie sich die Dinge entwickeln. Das Blöde an Prognosen ist bekanntlich, dass sie in die Zukunft gerichtet sind. Ich würde jedenfalls kein Geld investieren.

VWheute: In der Branche bestimmen Begriffe wie Blockchain oder KI immer wieder die Schlagzeilen. Wer kann sich diesen Herausforderungen besser stellen: InsurTechs oder etablierte Player?

Jürgen Cramer: Blockchain ist aus meiner Sicht für unsere Branche ein „totes Pferd“, bei dem die Dakota-Indianer ja empfehlen, es nicht weiterzureiten. KI ist als Thema natürlich ungleich spannender. Das Trainieren erfolgreicher „Deep-learning-Algorithmen“ erfordert drei Dinge: Computing Power, technisches Talent, und Daten, jede Menge Daten. Wie Kai-Fu Lee in seinem Buch „AI  Superpowers“ sehr schön ausführt, sind die beiden Faktoren Computing Power und technisches Talent eher mit abnehmendem Grenznutzen zu sehen. Also: „Data makes all the difference.“ Und wer hat mehr Daten? Das InsurTech mit 20.000 Nutzern oder der Versicherer mit Millionen Kunden?

VWheute: Eine Umfrage ergab jüngst, dass 60 Prozent der Entscheider in der Versicherungsbranche keinen strategischen Nutzen in der Zusammenarbeit mit InsurTechs sehen. Wie ist Ihre Ansicht dazu?

Jürgen Cramer: Das sehe ich nicht dogmatisch, sondern eklektisch. Ich nehme das, was mir Nutzen stiftet. Das können natürlich externe Dienste sein.

VWheute: Blicken wir in die Zukunft in die berühmt-berüchtigte Glaskugel von VWheute: Wir schreiben das Jahr 2025. Wird die Branche dann überhaupt noch über InsurTechs diskutieren? Und welche Rolle werden Direktversicherer in den kommenden Jahren spielen?

Jürgen Cramer: Diese Bezeichnungen werden keine Rolle mehr spielen. Dem Kunden ist das doch alles egal. Und wenn wir – richtigerweise – Customer Centricity predigen, dann müssen wir unsere Leistungen digitalisiert immer und überall für den Kunden UX-optimiert im Zugriff haben. Dabei sehen wir durchaus, dass der Omnikanal-Kunde hybrid sein kann und persönliche Beratung nachfragt.

Direktversicherer wie eine S-Direkt werden mit überlegenen Produkten und guten Kostenquoten punkten und weiter Marktanteile gewinnen. Direktversicherer mit unbefriedigenden Kostenquoten und fehlendem oder schlechtem Service werden verschwinden. Es gab ja schon einige Pleiten und Rückzüge vom Markt.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.