Was Bäte aus China mitbringt

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Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel nach China reist, geht es oftmals mehr als nur einen reinen Höflichkeitsbesuch mit protokollarischen Ehren. Mit im Regierungsflieger war am vergangenen Wochenende auch eine hochrangige Delegation führender Unternehmenschefs – darunter auch Allianz-CEO Oliver Bäte. Dieser nutzte die Gelegenheit, eine Vereinbarung mit der Bank of China über eine vertiefte Zusammenarbeit im Finanz- und Versicherungsbereich unterzeichnet.

Dabei sind die Reisen der Kanzlerin in das Reich der Mitte meist ein politischer Drahtseilakt zwischen Menschenrechten und engeren Wirtschaftsbeziehungen. Überschattet wurde der Besuch zudem durch den schwelenden Handelsstreit zwischen China und den USA sowie die Unruhen in Hongkong. Anlass auch für den sonst eher bedächtig agierenden Allianz-Chef, sich vor wenigen Tagen seinem Ärger über die globale Politiklage entsprechen Luft zu machen: “Ich kann nicht mit Bilanzkorrekturen auf einen Tweet von Trump reagieren”.

So gehören vor allem China und Indien derzeit zu den wichtigsten Versicherungsmärkten, die Bäte für den Münchener Versicherungskonzern erschließen will. So investierte die Allianz erstmals 2017 in Indien und gründete mit einem lokalen Partner ein Gemeinschaftsunternehmen, um Büroprojekte zu entwickeln. 2018 folgte ein Logistikentwicklungsprojekt.

Im Reich der Mitte konnte die Allianz gar als erster ausländischer Versicherer überhaupt bereits im vergangenen Jahr eine Holding gründen, an der kein einheimisches Unternehmen beteiligt ist. Für Bäte immerhin ein “signifikanten Meilenstein” auf seinem Eroberungszug ins Reich der Mitte. Allerdings ist der Konzern bereits seit über 100 Jahren in China aktiv. In der Lebensversicherung ist die Allianz an einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem staatlichen Finanzriesen CITIC unter dem Namen Allianz China Life beteiligt. In der Schaden- und Unfallsparte hatte sie im Juli 2018 eine Partnerschaft mit dem chinesischen Internet-Händler JD.com angekündigt.

Chinas Versicherer auf dem Weg zur digitalen Vorherrschaft

Doch die heimische Konkurrenz schläft nicht – im Gegenteil: So sind dessen Versicherungsunternehmen gerade dabei sind, die Führerschaft in der Digitalisierung zu übernehmen, wird deutlich, dass die dortigen erfolgreichen Digital-Player die Strategie konsequent umsetzen, bei der die Schaffung von neuartigen Kundenerlebnissen das Ziel und eine strikte Außenorientierung die Prämisse sind. Die Ping An, die derzeit als wertvollstes Unternehmen der Welt gilt, hat bereits 2016 ihren strategischen Leitfaden für die Digitalisierung in einem Weißbuch mit dem Titel „Kundenerlebnisse der chinesischen Finanzbranche“ vorgestellt.

2017 hat sich Ping An selbst als „die größte chinesische Service-Gruppe für Finanzerlebnisse“ definiert. Mit innovativen Technologien hat der Marktprimus eine Plattform mit vielfältigen, Kundengruppen gerechten Produkten aufgebaut, und somit die so genannte szenariobasierten und individuell angepassten Serviceleistungen eingeführt. Konkrete Beispiele: Der „Hyperschnelle Kfz-Unfallservice“, bei dem ein Kfz-Schadengutachten binnen 10 Minuten erledigt und die Schadensleistung noch an demselben Tag ausgezahlt werden können; die „Blitzleistung für die Lebensversicherung“, mit diesem Service kann der Kunde online Leistungen beantragen und die Leistungsauszahlung innerhalb von 30 Minuten überwiesen bekommen. Eine Technik namens „Plus-Hilfe“ kann in Realtime die Bedienungen eines Systems durch Kunden mit Anwendungsszenarien analysieren, um gezielt den Kunden zu führen. 

Das zweite Beispiel ist Zhong An. Der in Schanghai residierende Onlineversicherer sieht den größten Wert des Einsatzes von künstlicher Intelligenz in der Optimierung von Kundenerlebnissen. Für Zhong An soll die Digitaltechnik nicht nur die Prozesse vereinfachen, sondern die Prozesse für Kunden „individuell und human“ erlebbar machen. Mit dem Gedanken der Außenorientierung werden die Prozesse konsequent von außen nach innen gestaltet, damit am Ende eine IT-Architektur entsteht mit der besonderen Befähigung, schnell und einfach Prozesse von Dritten anzubinden.

Beispiel drei ist die ebenfalls von Schanghai aus agierenden Pacific Insurance. Bei der Gestaltung ihres Digitalisierungsprogramms für die Kfz-Sparte vollzieht sich ein Wandel weg von der Fokussierung auf das Kfz hin zu einer Fokussierung auf die Kfz-Kunden, und damit auf die Erlebnisse der Menschen. Die Pacific erklärt das Umdenken so: Die Risiken des Kfz-Geschäftes werden meistens von Menschen bedingt, darstellbar z.B. in Szenarien der Kfz-Nutzung, Lebensumfelder und dem Nutzungsverhalten der Kunden. Auf der anderen Seite lassen sich Menschen (und nur diese) durch Schaffen besonderer Erlebnisse beeindrucken und gewinnen.

Konsum als Wachstumstreiber

Auch für Allianz-Chef ist die Digitalisierung längst zum Gradmesser seines eigenen Erfolges geworden. Dabei gilt gerade das Reich der Mitte längst nicht mehr als billige Werkbank der Welt. Vielmehr befindet sich die Volksrepublik selbst zu einem Transformationsprozess, bei dem die Nachfrage der Chinesen nach Produkten und Dienstleistungen stetig steigt.

Nach Ansicht von Anthony Wong, Fondsmanager des Allianz China A-Shares, werden dabei vor allem die kleineren Städte zum Wachstumstreiber: “Ähnlich wie die Bewohner größerer dürften sich auch die Bewohner kleinerer Städte mehr für Premiumprodukte interessieren und größeren Wert auf Erlebnisse legen. Wir glauben, dass diese Entwicklung weitsichtige Konsumgüterunternehmen in Chinas kleinere Städte lockt”, wird er beim Finanzportal Finanzen.net zitiert.

Die neue Übereinkunft mit der Bank of China dürfte der Allianz jedenfalls neue Möglichkeiten eröffnen, vom Wirtschaftsboom der neuen Weltmacht zu profitieren.

Autoren: VW-Redaktion und Heng Yan