Regionale Unwetter prägen weltweite Schadenbilanz 2023

Das Erdbeben in der Türkei und in Syrien im Februar 2023 war Munich Re zufolge die teuerste und die tödlichste Naturkatastrophe des Jahres 2023. (Bildquelle: adra/EU Civil Protection and Humanitarian Aid/ https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/)

Das vergangene Jahr verschaffte den Rückversicherern eine Verschnaufpause: Die weltweiten Gesamtschäden, die durch Naturkatastrophen verursacht wurden, verharrten nach Angaben der Munich Re gegenüber dem Vorjahr bei 250 Mrd. US-Dollar. Davon waren 95 Mrd. versichert – deutlich weniger als im Katastrophenjahr 2022, das die Branche mit 125 Mrd. Dollar belastete. Sorge bereiten den Fachleuten neue Rekordschäden durch Gewitter, ungewöhnlich viele Todesopfer und dass der Klimawandel immer mehr Extremwetterereignisse begünstigt.

Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re hat auch in diesem Jahr wieder eine umfassende Schadenbilanz gezogen – und diese fiel vergleichsweise glimpflich aus: Die weltweiten Gesamtschäden durch Naturkatastrophen entsprachen im Jahr 2023 mit 250 Mrd. US-Dollar dem Fünfjahresdurchschnitt, wie das Unternehmen mitteilte. Die versicherten Schäden lagen mit 95 Mrd. leicht unter dem Durchschnitt von 105 Mrd. Dollar – wohlgemerkt branchenweit, nicht nur auf Munich Re bezogen.

Für Entwarnung sieht Munich Re-Vorstand Thomas Blunck indes keinen Anlass: „Das Jahr 2023 war erneut von sehr hohen versicherten Schäden aus Naturkatastrophen geprägt – obwohl es keine extremen Einzelschäden gegeben hat“, schaut Blunck zurück. So erwiesen sich diesmal keine Mega-Katastrophen in Industrieländern als Schadentreiber, wie etwa 2022 mit Hurrikan Ian, der Gesamtschäden von 100 Mrd. Dollar (davon 60 Mrd. versichert) hinterließ, sondern viele regionale Unwetter.

Große Gewitterschäden in Europa und USA

So seien in Nordamerika und in Europa noch nie derart hohe Gewitterschäden aufgetreten, wie die Schadenchronisten von Munich Re betonen: In Europa betrugen die entsprechenden Schäden 10 Mrd. Dollar, wovon 8 Mrd. versichert waren. Zu den Rekordschäden aus Gewittern trugen demnach insbesondere Unwetter im Alpenraum und am Mittelmeer bei. In Nordamerika wurden durch Gewitter Werte von rund 66 Mrd. zerstört, versichert waren 50 Mrd. Dollar.

Von derlei Versicherungsquoten sind andere Regionen der Welt weit entfernt, wie etwa der Blick auf die Erdbebenserie zeigt, die sich im Februar im Südosten der Türkei und in Syrien ereignete. Diese war laut Munich Re „die verheerendste Naturkatastrophe des Jahres“: Rund 58.000 Menschen starben, unzählige Gebäude stürzten ein, die Infrastruktur wurde massiv zerstört. Mit einem Gesamtschaden von rund 50 Mrd. war es auch die teuerste Naturkatastrophe des Jahres. Der versicherte Schaden betrug trotz einer obligatorischen Wohngebäudeversicherung (Turkish Catastrophe Insurance Pool, TCIP) aber nur rund 5,5 Mrd.

Die Beben in der Türkei, Syrien oder auch in Marokko, wo 3.000 Menschen umkamen, führten dann auch dazu, dass die Zahl der Todesopfer durch Naturkatastrophen 2023 mit 74.000 deutlich höher ausfiel als noch in den Vorjahren. Rund 63.000 Menschen kamen allein durch derartige geophysikalische Gefahren ums Leben – so viele wie seit 2010 nicht mehr. Im Durchschnitt der letzten fünf Jahre lag die Zahl der Todesopfer infolge von Naturkatastrophen bei 10.000.

Quelle: Munich Re

Ein erhebliches Missverhältnis zwischen Gesamtschäden und Versicherungsschutz zeigt sich auch am Beispiel der zweitteuersten Katastrophe des Jahres: Taifun Doksuri. Der Sturm streifte im Juli die Philippinen und traf mit Windgeschwindigkeiten von rund 180 km/h bei Jinjiang in der Provinz Fujian auf das chinesische Festland, wo er verheerende Überschwemmungen auslöste. Die Gesamtschäden durch Doksuri betrugen Munich Re zufolge 25 Mrd. US-Dollar – doch nur rund zwei Mrd. waren versichert. Hier werde „die nach wie vor sehr große Versicherungslücke bei Naturkatastrophen in China“ deutlich, kommentieren die Schadenanalysten.

Doch eine Entspannung an der globalen Schadenfront scheint nicht in Sicht: „Die seit Jahren beschleunigte Erderwärmung verstärkt in vielen Regionen die Wetterextreme und damit auch das Schadenspotenzial“, sagt Munich Re-Chef-Klimatologe Ernst Rauch. Seine Prognose begründet Rauch damit, dass bei höheren Temperaturen mehr Wasser verdunste – und mit der zusätzlichen Feuchtigkeit steige in der Atmosphäre die potenzielle Energie für starke Unwetter. Zu besichtigen war dieser Effekt zuletzt vor allem in Norditalien: Dort verursachten im Juli und August Hagelsteine mit vereinzelt bis zu 19 cm Durchmesser Milliardenschäden. „Sie sind eine Folge der hohen Temperaturen und der damit einhergehenden Gefahr für starke Unwetter durch stärkere Verdunstung. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen begünstigt der Klimawandel solche Bedingungen“, heißt es im Schadenbericht der Munich Re.

Gesellschaft und Wirtschaft müssten sich an die veränderten Risiken anpassen, mahnt Munich Re-Experte Rauch – „andernfalls steigen die Schadenlasten“. Trotzdem sei der Rückversicherer auch künftig in der Lage, „stabilen Versicherungsschutz gegen Naturkatastrophen anzubieten – und diesen sogar auszubauen“. Dadurch könne Munich Re „einen Teil der Notlagen und Schäden abpuffern“, so der Chef-Klimatologe.

Autor: VW-Redaktion

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