Verspielt die Assekuranz ihre Poleposition?

GDV-Präsident Norbert Rollinger auf dem SZ-Versicherungstag 2023. Quelle: lie

Auf Nachhaltigkeit sollte sich die Assekuranz laut GDV fokussieren. „Wenn wir das Thema schön spielen, können wir uns gesellschaftlich gut positionieren“, sagte Norbert Rollinger auf dem „SZ-Versicherungs­Tag 2023“. Eine Vorreiterrolle sieht er vor allem in der Finanzierung der ökologischen Transformation, die europaweit fünf Billionen Euro kosten soll. Der GDV-Präsident und Chef der R+V-Gruppe warnte aber auch: „Wir haben Felder, wo wir aufpassen müssen, dass wir nicht in die Irrelevanz abzugleiten drohen.“

Wenn Kohlekraftwerke aus Umweltschutzgründen nur noch Versicherungsschutz von ausländischen Versicherern bekämen, gehe Deutschland Wertschöpfung verloren – und dies sei in diesem Fall besonders viel, weil die Prämien für das bis 2038 erlaubte Geschäft hoch seien. Im Hinblick auf den Einsatz von im Ausland gefraktem Gas in Deutschland sprach er von „Neokolonialismus“ und einer widersprüchlichen Debatte. Offen ließ er aber, ob die Branche beispielsweise Gebäude in einem deutschen Explorationsgebiet tatsächlich versichern würde.

Staatlicherseits sein allenfalls zehn Prozent der nötigen Investitionen zu stemmen, so Rollinger. „Der Klimawandel ist eine Gemeinschaftsaufgabe.“ Bislang beteilige sich die Assekuranz an deutschen Nachhaltigkeitsprojekten aber kaum, weil sie sich bei zwei Prozent Zins nicht rechneten und überdies zu bürokratisch seien. Laut dem kürzlich vorgelegten zweiten GDV-Nachhaltigkeitsbericht kann die Branche inzwischen für 20 Prozent der gelisteten Aktien und Anleihen die CO₂-Emissionen messen. Dieses Volumen von 310 Mrd. Euro beinhalte 22 Millionen Tonnen CO₂ (in Scope 1 und 2). Der gemäß Offenlegungsverordnung ermittelte CO₂-Fußabdruck betrage damit 71 Tonnen je investierter Million Euro. Das bedeute aber auch, dass die Branche bei 80 Prozent ihrer Assets die Klimabelastung noch nicht berechnen könne, räumte er ein.

Carsten Schildknecht, Deutschlandchef der Zurich, fordert eine „intelligentere“ Berechnungsmethode, weil die so ermittelte CO₂-Intensität von der Marktentwicklung abhängig sei. Er verwies auf einen neuen Ansatz dazu von der Net Zero Asset Managers-Initiative.

Der Begriff Nachhaltigkeit sei 80 Prozent der Deutschen inzwischen bekannt und 70 Prozent persönlich wichtig. Aber nur sieben Prozent verbänden damit auch Werbung und sechs Prozent Information ihres Versicherers, zitierte Rollinger Studienergebnisse. Die Branche müsse besser und mehr kommunizieren. Man dürfe aber nicht nur auf „einen Zug aufspringen“, sondern es brauche viel mehr eine „kluge (Kommunikations-)Politik“. Kritik, dass die Offenlegungsverordnung im Vertrieb nicht ausreichend angewendet wird, will der Verband in diesem Monat per Umfrage überprüfen.

Schildknecht berichtete für den eigenen Lebensversicherer von einer Nachhaltigkeitsquote von 80 Prozent im Neugeschäft 2022. Konkret hätten 80 Prozent der neuen Leben-Kunden in SFDR Artikel 8 und 9-Fonds angelegt. Hinsichtlich der Übererfüllung der eigenen Zielmarke zeigte er sich vorsichtig: „Die Taxonomie wird sich noch verändern und verschärfen. Für uns ist sie ein Moving Target.“ Folgten die Fondsmanager den Änderungen der Taxonomie nicht, verlören diese Fonds das Nachhaltigkeitslabel. Unter anderem berichtete Schildknecht noch, dass man die bisher stark mit Sport assoziierte Marke Zurich nun mit Nachhaltigkeit aufladen wolle. Statt Profi-Sport zu sponsern, finanziere man NGOs.

Autorin: Monika Lier

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