Nord Stream 2: Auch unter Biden drohen den Versicherern Sanktionen

Die "Pioneering Spirit" gilt als das größte Schwerlast- und Pipeline-Verlegeschiff der Welt. Quelle: Nord Stream / Axel Schmidt

Nach wie vor will die US-Regierung Nord Stream 2 auf den letzten Metern verhindern. Derzeit ruft sie bei beteiligten Unternehmen an, droht und macht zweifelhafte Vorschläge. Zudem haben sich die Senatoren darauf verständigt, Versicherer gezielt unter das Sanktionsregime zu nehmen – unabhängig davon, wer im Oval Office sitzt.

Ende Dezember 2019 hat die Schweizer Firma Allseas ihr Verlegeschiff “Pioneering Spirit” abgezogen – unmittelbar, nachdem US-Präsident Donald Trump das Gesetz “Zum Schutz von Europas Energiesicherheit” unterzeichnet hatte. Aus Angst vor Sanktionen hat sich die Allseas-Gruppe komplett aus dem Projekt verabschiedet.

Für diese restliche Strecke von 150 Kilometern holten die Russen aus dem Japanischen Meer ihr eigenes Verlegeschiff, die “Akademik Tscherski”. Seit Monaten liegt der russische Rohrleger im Fährhafen Sassnitz-Mukran auf der Insel Rügen, wo die für die Fertigstellung benötigten Stahlrohre lagern. Dort wird das Schiff für die Pipeline-Arbeiten gerade umgebaut werden. Sollte es jedoch auslaufen, drohen dem Hafen Sanktionen von der US-Seite. Deutschland stuft dieses exterritoriale Vorgehen der USA als völkerrechtswidrig ein, kann aber ansonsten nichts unternehmen – geschweige denn mögliche Gegensanktionen.

Ferner hat die US-Regierung eine Anzahl Unternehmen und Personen identifiziert, denen nach dem Sanktionsgesetz gegen Nord Stream 2 erste Strafmaßnahmen drohten. Die Betroffenen würden derzeit kontaktiert und über die drohenden Sanktionen informiert. “Die USA wollen keine Sanktionen gegen europäische Unternehmen verhängen müssen. Wir machen diese Anrufe, um sie zu warnen und ihnen Zeit zum Aussteigen zu geben”, sagte ein Regierungsvertreter. “Anstatt mehr Geld in die Nord-Stream-2-Pipeline und damit zusammenhängende Aktivitäten zu stecken, wären Unternehmen besser beraten, Klauseln über höhere Gewalt anzuwenden, um ihre Beteiligung an Nord Stream 2 rückgängig zu machen.”

Deutsche Versicherer könnten betroffen sein

Gut möglich, dass auch Versicherer solche Anrufe erhalten. Mitglieder des US-Repräsentantenhauses und des Senats haben sich darauf geeinigt, bis Ende des Jahres ein Gesetz zu verabschieden, dass gezielt Versicherer und technische Zertifizierungsunternehmen sanktioniert. Und das ist nicht nur ein Vorhaben der Trump-Regierung. Auch Joe Biden sieht die Pipeline kritisch. Noch in seiner früheren Rolle als US-Vizepräsident unter Barack Obama hatte Biden die Pipeline “einen fundamental schlechten Deal für Europa” genannt.

Wer die am Projekt beteiligten Versicherer sind, wollen die Nord-Stream-Betreiber nicht verraten. Auch auf direkte Anfragen reagieren die großen Erst- und Rückversicherer nicht. Es könnte jedoch durchaus sein, dass der weltweit größte Rückversicherer Munich Re involviert ist. Zumal die Münchener bereits mehrere Offshore-Bauprojekte versicherten und Nord Stream 1 laut eigener Website “das größte fakultative Einzelrisiko” in den Büchern von Munich Re war. Fragt man nach der Position des GDV, so heißt es schlicht: “Der Verband unterstützt das Vorgehen der Bundesregierung gegen die extraterritorialen Sanktionsdrohungen der USA gegen deutsche Unternehmen in Verbindung mit Nord Stream 2.”

Alternativen Versicherungsdeckung ist möglich

Wenn westliche Versicherer abspringen, dann muss sich Gazprom nach alternativen Deckungen umschauen. Zwar könnte Sogaz Insurance, zu 25 Prozent zu Gazprom gehörend, zusammen mit anderen russischen Versicherern das Nordstream-2-Risiko alleine übernehmen, aber vielerorts bedarf es lokaler Policen. Überdies würden die Versicherungssummen die Selbstbehaltskapazität eines rein russischen Konsortiums sprengen.

Auch Cat-Bonds kommen als Alternative in Frage. Die Zeichner eines solchen Cat Bonds dürften wohl unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle von US-Sanktionen segeln und im Gegensatz zu professionellen Rückversicherern nicht leicht identifizierbar sein und keine Folgen für ihre US-Geschäfte befürchten müssen.

Grundsätzlich zählen die Errichtung und der Betrieb von Pipelines zu den “Perils of the sea” ausgesetzte Aktivitäten, die in der Sparte Offshore gedeckt werden. Zu den Risikoszenarien gehören technische Störungen, Verschiebungen des Seebetts, das Explodieren versenkter Munition aus dem Ersten Weltkrieg, noch herumtreibende alte Seeminen und die Folgen von Naturgefahren.

Autor: VW-Redaktion

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

drei × 1 =