“Europarente”: Kommt die Riester-Revolution aus Brüssel?

Quelle: Dimitris Vetsikas auf Pixabay

Letztes Jahr hat die EU mit der Verordnung über ein Pan-European Personal Pension Product (kurz: PEPP) die Grundlage für die Schaffung eines europäischen Binnenmarktes für Altersvorsorge und damit die „Europarente“ gelegt. Mitte August wird die zuständige EU-Behörde, die European Insurance and Occupational Pensions Authority (EIOPA), nun einen Gesetzesentwurf zur Umsetzung veröffentlichen. Mit Inkrafttreten des Gesetzes – voraussichtlich Ende 2021 – entsteht dann erstmals ein europäischer Binnenmarkt für private Altersvorsorge.

PEPP: Mehr Transparenz und Zukunftsgewandtheit in der Altersvorsorge

Dieser Binnenmarkt wird Vorteile für sowohl für Anbieter als auch – und das ist noch viel wichtiger – für Verbraucher*innen bringen. Der sogenannte „Produktpass“ gewährt Banken, Versicherungen und anderen Anbietern mit einer einmaligen Produktregistrierung auf der Grundlage einheitlicher Vorschriften Zugang zum gesamten EU-Markt. Aber auch Verbraucher*innen, insbesondere die Menschen, die in einem anderen EU-Land arbeiten oder wohnen, können dann erstmals ihre Altersvorsorge über Grenzen hinweg nutzen bzw. mitnehmen.

Daneben könnte die EU mit der Europarente neue Maßstäbe im Verbraucherschutz setzen. So ist zu erwarten, dass folgende Punkte im Gesetzentwurf enthalten sind:

  • Einführung eines Basisinformationsblatt, das vor Vertragsabschluss für ein hohes Maß an Transparenz sorgt sowie Einführung einer jährlichen Leistungsinformation
  • Obligatorische Beratung inklusive Bedarfsermittlung vor Vertragsabschluss, die ausdrücklich auch komplett oder teilweise digital erfolgen kann
  • Recht für Verbraucher*innen, alle fünf Jahre den Anbieter und/oder die Anlagestrategie zu wechseln
  • Berücksichtigung von ESG-Nachhaltigkeitskriterien sowie Schaffen von notwendiger Transparenz bei diesem Thema

Alle PEPP-Anbieter werden dann verpflichtet sein, eine einfache und erschwingliche Standardoption anzubieten, das sogenannte „Basis-PEPP“. Für das Basis-PEPP sind die Kosten und Gebühren per Kostendeckel auf ein Prozent des angesparten Kapitals pro Jahr begrenzt. Das Basis-PEPP soll auch einen Kapitalschutz bieten, um sicherzustellen, dass die Sparer*innen das eingezahlte Kapital zurückerhalten. Dabei sind neben klassischen Garantien auch explizit alternative Ansätze zur Risikoreduktion vorgesehen, die vergleichbare Sicherheit zu deutlich niedrigen Kosten bieten.

Devise für die Politik: Chance erkennen und Druck standhalten

Wenn der Gesetzentwurf auf dem Tisch ist, liegt es in der Hand der EU-Kommission, die Europarente über die Ziellinie zu bringen. Dabei wird es meiner Meinung nach auf zwei Themen ankommen:

  • Erstens besteht eine große Gefahr, dass die EU-Kommission vor der Versicherungslobby einknickt, die gegen den Ein-Prozent-Kostendeckel für das Standardprodukt Sturm laufen wird.
  • Zweitens hätte die EU-Kommission hier eine riesige Chance, dem Thema nachhaltige Investitionen im Rahmen des „Green Deals“ zum Durchbruch zu verhelfen, indem sie die Berücksichtigung von ESG-Kriterien verpflichtend macht.

Auch für Deutschland ist die Europarente eine riesige Chance, endlich einen Rahmen für eine moderne private Altersvorsorge zu schaffen. Angesichts von Niedrigzinsen und einer veränderten Arbeitswelt ist insbesondere die Riester-Rente nicht mehr zeitgemäß: zu teuer, zu unflexibel, zu bürokratisch. Selbst Jörg Asmussen, designierter Hauptgeschäftsführer des GDV, forderte zuletzt eine „Riester-Revolution“. Mit dem Basis-PEPP würde endlich das von der Politik und den Anbietern geforderte Standardprodukt kommen.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor wird jedoch die steuerliche Behandlung sein, die den Mitgliedstaaten überlassen ist. Es ist zu hoffen, dass die Europarente gegenüber anderen Produkten steuerlich nicht benachteiligt wird und mindestens die gleichen Steuervorteile wie für die Riester- und Rürup-Rente gelten. Gerade in Hinblick auf die deutsche EU-Ratspräsidentschaft muss der Appell an die deutsche Politik lauten, diese Chance für ein wirklich zeitgemäßes Altersvorsorgeprodukt nicht verstreichen zu lassen – für Deutschland und für Europa.

Autor: Til Klein ist Gründer und CEO des Altersvorsorge-Startups Vantik. Zuvor war er als Partner & Managing Director bei der Boston Consulting Group (BCG) für das Retail- und Private-Banking-Geschäft in Deutschland verantwortlich und hat die Vertriebsentwicklung für Privat- und Geschäftskunden bei der UBS in Zürich geleitet. Er ist Mitglied des Expertenrats für die neue Europarente bei der europäischen Versicherungsaufsicht EIOPA.

Autor: VW-Redaktion

2 Kommentare

  • Wie soll das gehen? Die alten Fehler von Riester wie eine verpflichtende 100% Kapitalgarantie werden wiederholt. Warum sollte darüber hinaus ein deutscher VN einer Gesellschaft aus den Südstaaten der EU beispielsweise mehr Vertrauen schenken?

    Wir brauchen nicht noch mehr bürokratische „Lösungen“ aus Brüssel…

  • Hallo Andy, schau dir das mal genauer an. Die Europarente sieht explizit alternativen zur Kapitalgarantie vor; ausserdem deutlich weniger Bürokratie als Riester. Da legt die EU wirklich was ordentliches vor. Hier gibt es mehr Info dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Europarente VG Til

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