Moonshot Insurance Manager Serceau: „Wir befinden uns am Beginn der Versicherung der Zukunft“

Nicolas Serceau ist Co- Founder und CMO von Moonshot-Insurance. Quelle: Benoit Billard.

Deutschland ist nach Großbritannien der größte Markt für kontextbezogene Versicherungen, sagt Nicolas Serceau, Co-Founder des französischen Versicherungsmaklers Moonshot Insurance. Er sieht einen Boom bei den Kontextangeboten voraus, da der Anwendungsbereich „sehr breit gefächert“ ist. Die Versicherungsbranche komme durch neue Angebote und expandierende Unternehmen in Bewegung: „Große Insurtechs müssen jetzt in Europa operieren, nicht nur in ihrem lokalen Markt“.

VWheute: Warum sind kontextbezogene Versicherungen (KV) den eingebetteten Versicherungen überlegen?

Nicolas Serceau: Die kontextuelle Versicherung ist nicht nur eine Alternative zu marktüblichen Angeboten, sondern erfüllt alle Anforderungen der Verbraucher in Bezug auf Einfachheit, Flexibilität und Personalisierung dank genutzter Daten. Ein vollständig digitales und personalisiertes Kundenerlebnis vom Abschluss bis zur Entschädigung. Die  Entschädigung erfolgt automatisiert, ohne dass ein Anspruch begründet werden muss, zum richtigen Zeitpunkt, genau dann, wenn der Kunde sie braucht. Dabei helfen parametrische Mechanismen und der Einsatz von KI. Wir schaffen so intuitive Erlebnisse, die sich leicht in die Einkaufsreise des Kunden integrieren lassen. Kontextuelle Versicherungen können Marktplätze und E-Händler mit Lösungen unterstützen, die den branchenspezifischen Herausforderungen gerecht werden. Eine kontextbezogene Versicherung kann beispielsweise auf Reise-Webseiten sowie auf mobilen Anwendungen zur Bekämpfung von Cybermobbing oder anderen neuen Risiken eingesetzt werden. Der Anwendungsbereich der kontextbezogenen Versicherung ist sehr breit gefächert, aber wenn es einen Dienst oder ein Produkt gibt, das Schutz benötigt, können wir es auf innovative Weise versichern und vollständig in die Nutzung des Kunden integrieren.

VWheute: Welche Entwicklungen sehen Sie in der KV, welcher Marktanteil ist realistisch?

Nicolas Serceau: Wir sehen mehrere Entwicklungsbereiche für kontextbezogene Versicherungen, insbesondere im parametrischen Bereich, wo der Ansatz weiterhin datenbasiert ist. Die Auslösung einer Reise-Entschädigung erfolgt beispielsweise automatisch dank konkreter Parameter, die in Echtzeit mit meteorologischen oder Luftfahrtdatenbanken abgeglichen werden. In der Reisebranche haben wir bereits eine ganze Reihe parametrischer Lösungen für Flugausfälle, verpasste Anschlüsse, Verspätungen oder verlorenes Gepäck entwickelt, sodass die gesamte Reiseversicherung bereit ist, auf kontextuelle Versicherungen umzustellen. Wir sehen die gleichen Anwendungen im Bereich der touristischen Aktivitäten und Unterhaltung mit Deckungen, die an das Wetter gekoppelt sind. Überall dort, wo offene Daten verfügbar sind, werden sich kontextbezogene Versicherungen entwickeln.

Daten sind auch das Herzstück unseres täglichen Lebens, wenn wir das Internet nutzen. Deshalb glauben wir, dass die Cyber-Versicherung für Privatpersonen, die noch unterentwickelt ist, durch kontextbezogene Deckungen ganz natürlich zunehmen wird.

Wir haben vor kurzem eine einzigartige Lösung zur Bekämpfung von Cybermobbing entwickelt, die eine parametrische Erkennung von Hate-Speech bietet und es uns ermöglicht, Cybermobbing zu verhindern und es zu begleiten, wenn es denn doch auftritt. Das Gleiche gilt für die frühzeitige Erkennung von Identitäts-Diebstahl durch die Verfolgung von Lecks in persönlichen Daten, um das Risiko zu verringern. Da dieser Markt „neu“ ist, ist er darauf bedacht von Anfang an kontextbezogene Versicherungen zu nutzen. Die Einführung kontextbezogener Versicherungen ist auf den historischen Märkten aufgrund des Gewichts der etablierten Marktteilnehmer fortschrittlicher, aber wir beobachten, dass die Nachfrage steigt, vor allem bei den neuen Marktteilnehmern, die immer mehr Marktanteile erobern. Dies gilt insbesondere für den Zahlungsverkehrs-/Neobankensektor und beginnt auch im E-Commerce zu wachsen. Die Nachfrage der Verbraucher nach einem relevanteren Versicherungsmodell wird weiterhin schneller wachsen. Und wir werden mitwachsen.

VWheute: Was machen Sie anders und besser als Ihre zahlreichen Wettbewerber in diesem Bereich?

Nicolas Serceau: Wir sind die Pioniere der kontextbezogenen Versicherung, wir sind in ganz Europa tätig und wir sind in allen Marktsegmenten der Affinitätsversicherung aktiv: Wir wandeln nach und nach historische Versicherungsprodukte um, indem wir sie mit Daten verknüpfen, um die Leistung für den Kunden zu verbessern oder indem wir neue Deckungen für neue Risiken vorschlagen, die durch neue Nutzungsarten entstehen. Nicht alle unsere Konkurrenten sind in der Lage, Innovationen in all diesen Marktsegmenten anzubieten und paneuropäisch zu begleiten.

Kontextualisierung ermöglicht Versicherern eine Rolle bei der Entwicklung von Trends zu spielen. Sie reagiert sofort und personalisiert auf neue Konsummuster und ermöglicht neue Lösungen wie die Erstattung einer nicht zustande gekommenen Fahrgemeinschaft und die Unterstützung von Soft Mobility. Sie kann alle Momente des Lebens absichern und ist damit der perfekte Partner für Akteure, die Produkte und Dienstleistungen online vertreiben.

Bei Moonshot Insurance haben wir es so strukturiert, dass der Schaden vorweggenommen und die Entschädigung im Bedarfsfall sofort geleistet werden kann, was es sogar ermöglicht, auf wirksame Weise gegen bestimmte soziale Probleme wie Cybermobbing zu kämpfen oder eine Rolle im Umweltbewusstsein zu spielen. Wir sind dazu in der Lage alle Risiken zu versichern, gehen aber selbst keine Risiken ein und sind zum richtigen Zeitpunkt mit dem richtigen Produkt und zum richtigen Preis zur Stelle.

VWheute: Wo steht Deutschland im europäischen Vergleich?

Nicolas Serceau: Deutschland ist nach Großbritannien der größte Markt für Technologie. Viele Fintechs wurden in Deutschland geboren, haben sich entwickelt und sind jetzt auf dem Kontinent anerkannt, wie unser Partner Stocard, um nur einen zu nennen.

Wir beobachten die deutsche Insurtech-Szene sehr genau, da hier zahlreiche Insurtech-Konzepte entstanden sind. Vor fast 10 Jahren angefangen bei Versicherungsaggregatoren und -vergleichern und in jüngster Zeit die ersten Neo-Versicherer, denen eine Versicherungslizenz erteilt wurde.

Jetzt ist die Zeit der Internationalisierung gekommen, deutsche Akteure expandieren in Europa, dasselbe gilt für andere europäische Märkte: große Insurtechs müssen jetzt in Europa operieren, nicht nur in ihrem lokalen Markt.

In den letzten sechs Monaten gab es auch in Frankreich, Großbritannien und Deutschland erste Anzeichen für eine Konsolidierung des Sektors mit zahlreichen Fusionen, Übernahmen, Kapitalbeschaffungen und Partnerschaften im Ökosystem mit US-Akteuren, was ein starkes Interesse an der europäischen Szene zeigt. Der Insurtech-Markt wird global.

VWheute: Warum wird die krude Politik der Versicherer in Zukunft nicht mehr funktionieren?

Nicolas Serceau: Wir befinden uns an einem Wendepunkt der Branche und am Beginn der Versicherung der Zukunft. Die Pandemie hat den Weg zur Erneuerung der Versicherungsbranche unterbrochen und die neuen Prioritäten der Verbraucher umverteilt und bestätigt. Digitalisierung, Kundenerfahrung und Personalisierung werden die grundlegenden Voraussetzungen für die Umwandlung der traditionellen Versicherung in ein relevantes Modell sein, das ständig auf den Markt hört und bereit ist, sich mit ihm weiterzuentwickeln. Bis 2030 wird es nicht mehr darum gehen, einfach nur zu stören, sondern sich dringend an die neue Wirtschaft anzupassen, um ein nachhaltiges Modell zu schaffen, das nicht unter der digitalen Entwicklung leidet, sondern sie begleitet und unterstützt.

VWheute: Warum sind die Rückversicherer (RV) bei ihren neuen Modellen so „unglaublich innovativ“, wie sie sagen?

Nicolas Serceau: In einem schwierigen Marktumfeld versuchen die Fachleute, sich abzuheben und neue Chancen zu nutzen. Die Rückversicherer konzentrieren sich auf die spezifischen Risiken, die die Versicherer nicht gerne eingehen. Indem sie die Versicherer unterstützen, übernehmen sie Risiken und Situationen, die oft neu sind, was ihnen letztlich einen Vorsprung bei der Verwaltung und Innovation gegenüber dem Rest der Branche verschafft. Neue Risiken und Innovation liegen ihnen im Blut, denn dank ihres Kerngeschäfts haben sie die Größe, die es ihnen ermöglicht, Risiken auf Gegenseitigkeit zu übertragen, und sie waren in der Lage, viel umfassendere und vollständigere Datenbanken als andere Akteure zu erwerben, was ihnen eine Kultur der Entdeckung neuer Risiken und des Aufbaus experimenteller Preismodelle ermöglicht. Sie waren auch die ersten, die aufkommende Innovationsmodelle im Versicherungswesen von Anfang an unterstützten, indem sie Investitionsfonds für Start-ups auflegten.

VWheute: Wird der klassische Erstversicherer bald obsolet sein und Start-ups im Tandem mit RV die Führung übernehmen?

Nicolas Serceau: Ich glaube nicht. Die etablierten Versicherer haben ihren Wandel eingeleitet, indem sie sich zunächst auf ihren Schlüsselmarkt konzentrierten, z. B. Auto- und Hausratversicherungen, Krankenversicherungen. Und Insurtechs unterstützten ihren Innovationsprozess für ein Nischensegment, indem sie ihren Produktvertrieb erleichterten oder eine Schlüsselfunktion betreiben. Ihre Zusammenarbeit basierte daher zunächst auf dem „Outsourcing“ von Innovationen.

Von nun an ist der Wandel tiefgreifender. Vor allem auf ihren traditionellen Märkten mit neuen digitalen Lösungen. Aufgrund der Tatsache, dass es sich um große und weniger flexible Unternehmen handelt, vollzieht sich der Wandel schrittweise. Aber sie sind sich der Bedeutung des Kunden bewusst: seine Erfahrungen, seine Zufriedenheit, seine Autonomie und vor allem seine neuen Bedürfnisse im Umgang mit neuen Risiken.

Zu Person und Unternehmen: Nicolas Serceau ist Co-Founder und CMO von Moonshot Insurance einem französischen Versicherungsmakler mit Sitz in Paris und Teil des internen Unternehmerteams, das 2017 innerhalb der Société Générale Assurances gegründet wurde.

Die Fragen stellte Maximilian Volz

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