Allianz-Chef Bäte: „Die sozialen Sicherungssysteme werden in einigen Jahren kollabieren“

Konzernchef Oliver Bäte. Quelle: Allianz SE

Allianz-Konzernchef Oliver Bäte ist bekannt dafür, dass er sich immer wieder mal öffentlich zu politischen Themen äußert. Nun war es erneut so weit: Der Versicherungsmanager sieht Deutschland derzeit in einem Wirtschaftskrieg und fürchtet sich ohne grundlegende Reformen vor einem Zusammenbruch des Sozialsystems.

So sieht Bäte die Bundesrepublik mit Blick auf den Ukraine-Konflikt „im Krieg. In den letzten Wochen bezeichnet das endlich auch die Bundesregierung so.“ Dadurch müssten sich einige „energieintensive Industrien werden sich fragen müssen, ob sie zu bestimmten Preisen in Deutschland noch produzieren können. Ich glaube aber, unser Land ist viel leistungsfähiger, als die meisten Menschen denken“, konstatiert der Allianz-CEO im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Zudem denke er „schon, dass die deutsche Industrie eine Effizienzrevolution erleben wird, weil effiziente Maschinen und klimafreundliche Anlagen gefragter sein werden denn je. Aber wir müssen auch so ehrlich sein, dass nicht jedes Unternehmen überleben wird. Marktwirtschaft heißt nach Schumpeter eben auch ‚kreative Zerstörung'“.

„Es gab viele Experimente in den vergangenen Jahren. Aber was eben auch stimmt: Es gibt kein Start-up, das in irgendeiner Form das Geschäftsmodell revolutioniert hätte. Trotzdem dürfen sie den Einfluss nicht unterschätzen, den viele dieser Innovationen haben. Nehmen wir die 2105 gegründete US-Firma Lemonade, bei der wir in der Vergangenheit investiert waren: Lemonade hat sehr eindrucksvoll gezeigt, dass intelligente Chatbots Standardfragen mit sehr hoher Akzeptanz lösen können – und das zu einem Bruchteil der heutigen Kosten.“

Oliver Bäte, Vorstandsvorsitzender Allianz SE

Außerdem blicke man „falsch auf die Inflation. Es geht bei uns – anders als in den USA – um eine vom Energiepreis getriebene Inflation. Die können wir über Zinssteuerung allein nicht lösen. Dieses Problem lässt sich nur mit einem steigenden Angebot von bezahlbarer Energie lösen. Die Idee, eine Lohn-Preis-Spirale über Zinserhöhungen zu verhindern, wird also nicht funktionieren. Mittelfristig kommen übrigens noch zwei weitere Krisen auf uns zu: die nicht finanzierte Altersvorsorge und die dramatisch steigenden Gesundheitskosten.“

Seine Schlussfolgerung: „Die sozialen Sicherungssysteme werden in einigen Jahren kollabieren, wenn wir jetzt nicht konsequent gegensteuern. Das kann sich jedes Kind ausrechnen. Aber das wird er ab einem bestimmten Punkt nicht mehr können. Um die Krise zu bewältigen, braucht es ein so umfangreiches Reformprogramm wie für die Energiewende. Und punktuelle Erweiterungen, wie zum Beispiel eine Aktienrente – also die Ergänzung des bestehenden Umlagesystems um eine kapitalgedeckte Komponente –, werden das Problem nicht lösen.“

Mit Blick auf das eigene Unternehmen sieht Bäte hingegen „keinen Grund, unsere Ziele zurückzunehmen. Wir haben Bereiche, zum Beispiel die Lebensversicherung in den USA, wo wir weiter stark wachsen, viel stärker, als wir uns das vorgenommen hatten. Zwar gibt es Teile im Asset-Management, in denen das Volumen massiv gesunken ist und damit temporär die Profitabilität.“

„Die drei Portfoliomanager haben ihre kriminellen Aktivitäten gut getarnt: Sie sind erst lange nach Eintritt der Verluste der Structured Alpha Fonds bekannt geworden. Erste Untersuchungen hatten ergeben, dass die Verluste allein auf die durch die Pandemie ausgelösten Marktturbulenzen zurückzuführen sind. Am Ende ist der Betrug durch die Aussage eines Portfoliomanagers vor der SEC aufgeflogen, was dann die Ermittlungen des US-Justizministeriums ausgelöst hat. Die daraufhin eingeleiteten gezielten internen forensischen Prüfungen haben das ganze Ausmaß zutage gefördert. Es hat sich herausgestellt, dass unsere Kontrollsysteme für diese Art der Fonds-Strategie nicht ausreichten.“

Oliver Bäte, Vorstandsvorsitzender der Allianz SE

Seine größte Niederlage in seiner bisherigen Amtszeit sieht er hingegen im Skandal um den Structured Alpha Fonds in den USA: „Im Kern geht es um kriminelles Vorgehen von drei Fondsmanagern, die unter Umgehung der Kontrollsysteme Risiken der Structured Alpha Fonds falsch dargestellt haben. In den USA wird das Verhalten von Mitarbeitern vollständig der Gesellschaft zugerechnet.“

Dabei habe er „vielleicht zu lange darauf vertraut, dass die Menschen bei uns erst mal alles richtig machen. Andererseits kann ich auch nicht morgens aufstehen und hinter jedem Baum einen Betrüger vermuten. Natürlich haben ich und die Organisation die ganze Angelegenheit sehr ernst genommen und uns der Verantwortung gestellt.“

Überflüssig zu erwähnen, dass Bäte auch eine dezidierte Meinung zum Wahlausgang in Italien hat: „Italien ist für die Zukunft von Europa entscheidend. Die Bevölkerung ist nach vielen Jahren ständig wechselnder Regierungen und falscher Versprechen zutiefst verärgert – jetzt ganz besonders durch den ‚Putsch‘ gegen die hochprofessionelle und erfolgreiche Regierung unter Mario Draghi.“

Daher sei der Wahlsieg von Giorgia Meloni „vor allem eine klare Klatsche für die Fünf-Sterne-Bewegung, die den Himmel versprochen und wenig geliefert hat – abgesehen von noch mehr Schulden. Anders als viele Beobachter hoffte ich, dass Frau Meloni und ihr Team ziemlich genau verstanden haben, was die Bevölkerung jetzt erwartet: weniger Träume, aber mehr erlebbaren Fortschritt und nachhaltigeres Wachstum in einem gestärkten, aber auch fokussierten Europa.“

Autor: VW-Redaktion

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