Versicherer müssen die Bedrohung durch Finanzkriminalität besser verstehen

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Finanzkriminalität hat aus Sicht von Versicherungsunternehmen viele Facetten. Sie haben es sowohl mit klassischem Versicherungsbetrug zu tun, aber sie sind auch Cyberangriffen ausgesetzt. Sie werden Opfer Organisierter Kriminalität, werden aber auch von Versicherungsnehmern geschädigt, die Leistungen zu Unrecht beanspruchen. Um sich dagegen zu wehren, müssen Versicherer die Motive ihrer Feinde besser verstehen.

Die Versicherer müssen herausfinden, wo und warum Betrüger am ehesten zuschlagen. Jeder Berührungspunkt kann eine Schwachstelle sein – sei es beim Vertragsabschluss, bei der Vertragsanpassung, bei einem Schadensfall oder beim Kontakt mit Dienstleistern und Partnern. Für Betrüger ist eine unzureichend geschützte Lieferkette besonders attraktiv. Dem „Global Profiles of the Fraudster“-2016-Bericht von KPMG zufolge, der auf 750 Betrugsfällen basiert, waren schwache interne Kontrollen in drei Fünftel der Fälle für den Betrug mit verantwortlich. Solche Schwachstellen werden rücksichtslos ausgenutzt, häufig von Insidern. Schwachstellen in Lieferketten sind unvermeidbar, aber es ist möglich, diese Schwachstellen zu überwachen. Einige Versicherer setzen für die Prüfung und Verwaltung von Dienstleistern Betrugsmanager ein. Sie verwenden Datenanalysen, um herauszufinden, ob die an der Schadensregulierung Beteiligten in irgendeiner Weise miteinander in Verbindung stehen.

Den Feind und seine Motive kennen

Der Forschungsstand hinsichtlich der Täterprofile ist dürftig. Aber es gibt Hinweise, die den Versicherern helfen, das Feld einzugrenzen und die Täterprofile der wichtigsten Tätergruppen näher zu bestimmen. Im Global Profiles of the Fraudster-Bericht stellte KPMG fest, dass 79 Prozent der Betrüger männlich waren, 68 Prozent waren zwischen 36 und 55 Jahre alt, 65 Prozent waren Mitarbeiter des geschädigten Unternehmens und weitere 21 Prozent waren ehemalige Mitarbeiter. Ein weiteres interessantes Ergebnis: Versicherungsbetrug wurde fast doppelt so häufig von Gruppen als von Einzelpersonen begangen.

Was wissen wir über die Motive der Betrüger? Der amerikanische Kriminologe Donald Cressey entwickelte bereits 1953 die sogenannte Fraud Triangle-Theorie, in der er drei Faktoren identifizierte, die zu Betrug und anderem unethischen Verhalten führen:

• Stress – zum Beispiel Geldprobleme, Spielschulden, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit.

• Gelegenheit – eine geringe Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden.

• Rationalisierung – die Rechtfertigung des Betrugs, zum Beispiel, indem man sich einredet, dass der Betrug eines großen Unternehmens ein Verbrechen ohne Opfer ist, bei dem niemand geschädigt wird.

Versicherungsunternehmen können auf den ersten Faktor – Stress – wenig Einfluss nehmen. Aber sie können versuchen, den Schaden zu minimieren, der durch die beiden anderen Faktoren – Gelegenheit und Rationalisierung – verursacht wird. Versicherer werden nur dann erfolgreich sein, wenn sie strukturelle Schwächen beheben und wenn es ihnen gelingt, Einstellungen zum Versicherungsbetrug zu verändern.

Versicherungsbetrug stigmatisieren

Es gibt einen hohen Gruppendruck, Versicherungsbetrug zu begehen. Versicherungsbetrug wird sozial akzeptiert. Wenn jemand in einer Kneipe rauchen würde, wären die Menschen angewidert. Aber über Versicherungsbetrug lachen alle. Eine der wirksamsten Möglichkeiten, diese Haltung infrage zu stellen, besteht darin, sie zu stigmatisieren, indem man den Zusammenhang zwischen Betrug und schwerem organisiertem Betrug deutlich macht. Der Anteil von Versicherungsbetrug an der Gesamtzahl der Straftaten ist noch unklar.

Aufgrund der Reichweite und Komplexität der globalen Organisierten Kriminalität ist es jedoch unvermeidlich, dass Versicherungsbetrug Teil eines größeren Zusammenhangs ist. Es mag schwierig sein, eindeutige Beweise dafür zu liefern, dass Versicherungsbetrug Teil eines umfassenderen kriminellen Systems ist. Aber es gibt genügend Anzeichen, die darauf hindeuten, dass dies der Fall ist. Wenn Versicherer versuchen, die Zusammenhänge zwischen Versicherungsbetrug und weitaus schwerwiegenderen Straftaten aufzudecken, können sie es schaffen, Versicherungsbetrug zu stigmatisieren.

Eine robuste Verteidigung aufbauen

Es macht wenig Sinn, organisierte Kriminelle davon zu überzeugen, dass ihre Handlungen falsch sind. Der Schwerpunkt muss auf Abschreckung und Verteidigung liegen. Um dies zu erreichen, müssen diejenigen, die für Betrugsbekämpfung und für Cybersicherheit zuständig sind, zusammenarbeiten. Ein Versicherer, der über keine robuste Abwehr verfügt, lädt Betrüger zum Mitmachen ein. Wird den Betrügern die Gelegenheit genommen, wird auch eine wichtige Ursache für Betrug beseitigt. Wichtig ist auch, dass Versicherer die Auffassung, dass Versicherungsbetrug akzeptabel ist, diskreditieren. Schließlich möchten nur wenige mit Drogenhändlern oder Menschenhändlern in Verbindung gebracht werden.

Gegenwärtig wird Versicherungsbetrug durch die vorherrschende Meinung begünstigt. Die Auffassung, dass Versicherungsbetrug akzeptabel ist, kann verändert werden, indem die Verbindung zu extremeren Formen des Versicherungsbetrugs hergestellt wird. Dies kann durch gezielte und konsistente Kommunikation erreicht werden. Es muss ein Gruppendruck entstehen, der sicherstellt, dass Versicherungsbetrug in all seinen Erscheinungsformen als die Gefahr für die Gesellschaft und für die Wirtschaft gesehen wird, die er tatsächlich ist.

Autor: Cate Wright, Global Head of Insurance Product, BAE Systems Applied Intelligence

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