Nürnberger steht vor dem Verkauf: VIG will Mehrheit erwerben
Konzernzentrale der Nürnberger. Quelle: Nürnberger
Seit der Hauptversammlung der Nürnberger im Mai, wo die Unabhängigkeit des Versicherers „ergebnisoffen“ geprüft werden sollte, brodelt die Gerüchteküche über eine Übernahme. Der Konzern Versicherungskammer, der Anteile an der Nürnberger hält, galt als einer der Favoriten unter den Käufern. Nun scheint die Vienna Insurance Group AG (VIG) die besten Karten zu haben.
Neben dem Konzern Versicherungskammer galt auch die Provinzial als möglicher Käufer. Der Vorstand der Nürnberger hatte bei der Hauptversammlung im Mai angekündigt, ergebnisoffen die Unabhängigkeit zu prüfen. Vor diesem Hintergrund hat das Unternehmen in den letzten Wochen mit mehreren Versicherungsunternehmen Gespräche über einen Einstieg als Investor bei der Nürnberger geführt.
Nun gab die Nürnberger am Freitag bekannt, dass mit der Vienna Insurance Group AG (VIG) eine exklusive Due Diligence zum möglichen Erwerb einer kontrollierenden Mehrheit von mehr als 50 Prozent vereinbart wurde. VIG begründet den Schritt offiziell damit, dass die Nürnberger „als deutscher Erstversicherer zur weiteren Diversifikation des Portfolios“ beitragen kann. Die Österreicher sind hierzulande nur mit der InterRisk Versicherungs-AG und die InterRisk Lebensversicherungs-AG tätig. Mit dieser potenziellen Übernahme würde die VIG ihre Präsenz und ihr Prämienvolumen auf dem deutschen Markt signifikant ausbauen. Die Nürnberger hat im 2024-Geschäftsjahr 3,7 Mrd. Euro an gebuchten Bruttobeiträgen ausgewiesen.
Die Nürnberger erklärt, dass man sich für die VIG entschieden hat, weil „insbesondere die strategischen Optionen, die finanziellen Investmentindikatoren und die Zusagen zur Standortsicherung sowie zum Erhalt der Marke und Identität der Nürnberger“ entscheidend waren. Offenbar scheint für den Vorstand die Option, eine Deutschlandtochter der VIG zu sein, attraktiver als eine mögliche Integration bei einem deutschen Versicherer.
Der Prozess der Due Diligence dient dazu, alle Chancen und Risiken des Zielunternehmens systematisch zu prüfen, bevor der Kaufvertrag unterschrieben wird. Aufgrund der starken Regulierung und der komplexen Bilanzstruktur eines Versicherers ist diese Prüfung deutlich umfangreicher als bei einem gewöhnlichen Industrieunternehmen. Das Ergebnis der Prüfungen und der Verhandlungen über Einzelheiten einer Transaktion ist ebenso offen wie deren Zustandekommen. Eine Entscheidung zur möglichen Beteiligung der VIG an der Nürnberger wird voraussichtlich im 4. Quartal erfolgen.
Mehrere Gewinnwarnungen, Stellenabbau und Dividendenkürzung: Die Nürnberger befindet sich seit über einem Jahr im Krisenmodus. Das 2024-Konzernergebnis weist ein Defizit von 77 Mio. Euro aus, allein die Schadensparte kommt auf ein Minus in Höhe von 157,4 (–24,0) Mio. Euro, VWheute berichtete.
Momentan befinden sich 28,86 Prozent der Aktien an der Nürnberger Beteiligungsgesellschaft im „Freefloat“, also im Streubesitz. 20,79 Prozent besitzt die Neue SEBA Beteiligungsgesellschaft. 19,10 Prozent hält die Munich Re, 16,26 die Versicherungskammer Bayern und 14,99 Prozent die japanische Daido Life.
Autor: VW-Redaktion
