Kunstraub: „Öffentliche Museen verlassen sich auf die Haftung des Staates“

Julia Ries, Abteilungsleiterin Kunst- und Valorenversicherung bei der Ergo Versicherung. Quelle: Ergo

Der Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe Dresden gilt neben „Big Maple Leaf“ als spektakulärster Kunstraub der letzten Jahre. Der Wert der gestohlenen Objekte gilt als unschätzbar. Der Ermittler haben nun eine halbe Million Euro für entsprechende Hinweise auf die Täter ausgelobt. Doch wie können sich Kunstmuseen besser gegen solche Kunstdiebstähle versichern? VWheute hat exklusiv mit Julia Ries, Abteilungsleiterin Kunst- und Valorenversicherung bei der Ergo Versicherung, gesprochen.

VWheute: Der Kunstraub in Dresdens grünem Gewölbe gilt womöglich als Jahrhundertraub. Auch der Diebstahl der Goldmünze „Big Maple Leaf“ sorgte 2017 für Schlagzeilen. Sind solche Kunstobjekte überhaupt privatwirtschaftlich versicherbar und warum wäre eine Staatshaftung unter Umständen sinnvoller?

Julia Ries: Die Versicherungswirtschaft bietet im Rahmen der Kunstversicherung zahlreiche Produkte, die auf die individuellen Bedürfnisse der unterschiedlichen Zielgruppen ausgerichtet sind, z.B. Sammler, Kunsthandel oder Museen. Eine Kunstversicherung für Museen deckt sowohl den Fundus (d.h. die permanente Sammlung des Museums) als auch die Leihgaben des Museums. In der Regel handelt es sich dabei um Allgefahrendeckungen.

Zahlreiche Museen verfügen über keine privatwirtschaftliche Versicherung ihres Fundus, wie auch im Falle des Grünen Gewölbes, das zu den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gehört. Träger dieser Museen ist das Land oder der Bund– also der Staat. Liegt keine privatwirtschaftliche Versicherung vor, haftet der Staat für Schäden an seinem Eigentum. Bei dem aktuellen Diebstahl im Grünen Gewölbe der Freistaat Sachsen.

Öffentliche Museen verzichten angesichts oftmals knapper Kassen auf den Abschluss einer Versicherungspolice und verlassen sich auf die Haftung des Staates. Die Staatshaftung greift allerdings nur, wenn bei Ausstellungen geliehene Kunstwerke beschädigt werden. Für Museen der öffentlichen Hand ist die Staatshaftung attraktiv, da keine Versicherungsbeiträge zu entrichten sind. Das Risiko für Schäden am eigenen Fundus hingegen tragen öffentliche Museen bzw. ihre Träger in der Regel selbst. Der Begriff der Staatshaftung ist daher mit besonderer Sorgfalt zu verwenden.

VWheute: Nach Ihren Erfahrungen werden Schmuckstücke in der Regel nicht wegen ihres historischen Wertes gestohlen, sondern aufgrund der hohen Wertkonzentration. Nun gibt es ja auch die bekannten Fälle des Munch-Gemäldes „Der Schrei“, oder der Diebstahl von Kunstwerke von Dalí, Matisse, Picasso und Monet aus einem Museum in Rio de Janeiro. Letztere sind bis heute unauffindbar. Worin sehen Sie die Gründe für den Diebstahl solcher Kunstwerke, denn „monetarisieren“ lässt sich dies ja nicht? Und welche Rolle spielen die Versicherer – insbesondere die Ergo – beim Versicherungsschutz solch bekannter Gemälde?

Julia Ries: Bekannte Kunstgegenstände, wie z.B. Gemälde berühmter Künstler, sind in der Regel aufgrund ihrer überragenden Bekanntheit praktisch unverkäuflich. Kunsthändler und Auktionshäuser sind zudem verpflichtet zu überprüfen, ob es sich bei einem Kunstwerk um ein gestohlenes Objekt handelt, bevor dieses in den Verkauf gegeben werden kann. Das Art Loss Register, die weltweit größte Datenbank für verloren gegangene Kunstwerke, bietet hier eine gute Möglichkeit, einzelne Kunstwerke gezielt zu recherchieren.

Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass geraubte Kunstwerke in bislang wenig regulierten Märkten wie z.B. Russland, China oder Südamerika nicht doch einen Abnehmer finden. Die Zusammenarbeit der Polizeibehörden findet mit diesen Ländern praktisch nicht statt.

Kunstdiebstahl ist mittlerweile ein Verbrechen, das auch zur Erpressung von Lösegeld instrumentalisiert wird („Artnapping“). Organisierte Kriminalität setzt Kunst auch als Tauschmittel ein, um z.B. Gefangene freizupressen. Ein Beispiel ist die IRA.

VWheute: Versicherungs-Detektiv Arthur Brand warnte jüngst die Versicherer gegenüber Spiegel Online, dass sich diese sich künftig auf Erpressungen einstellen müssen. Wie ist Ihre Einschätzung dazu und wie geht die Ergo mit solchen Szenarien um?

Julia Ries: Uns sind keine konkreten Erpressungsfälle in Deutschland bekannt. Wir können uns daher nicht dazu äußern.

VWheute: Werfen wir einen allgemeinen Blick auf den Kunstversicherungsmarkt: Wie hat sich der Kunstmarkt und die Kunstversicherung in den letzten Jahren entwickelt – und wohin geht die Entwicklung?

Julia Ries: Wir beobachten einen ungebrochenen Trend, vor allem von Privatpersonen, in Kunst zu investieren und Kunst zu sammeln. Im Markt ist derzeit auch aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase viel Liquidität. Kapital sucht rentable Anlagemöglichkeiten. Geldvermögen auf der Bank bring mittlerweile bei einigen Geschäftsbanken Negativzinsen.

Das befeuert den Trend, dass vermögende Privathaushalte neben Immobilien in andere Sachwerte investieren, z.B. Gold, Diamanten und auch Kunst. Das Segment privater Kunstsammler weitet sich damit stärker aus. Vermögenswerte müssen aber auch gegen Wertverluste abgesichert werden. Dies schlägt sich natürlich auch in der Versicherungswirtschaft nieder.

Hier hat sich auch die Produktlandschaft stark gewandelt. Gab es früher noch vorrangig Monoline-Produkte, die nur ein Interesse versicherten, sind heute Multiline-Produkte etabliert, die verschiedene Versicherungsinteressen in einer Police zusammenfassen, z.B. die Kunstsammlung, der höherwertige Hausrat, Schmucksachen und weitere Sparten mehr.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Ein Kommentar

  • Ja, die Versicherung ist das eine, um solche Gegenstände im Wert zu schützen. Aber bei historisch relevanten Objekten wie denen im Grünen Gewölbe sehe ich eher Investitionsbedarf bei der Verschlusssicherung gegen den Diebstahl und bessere Alarmanlagen.

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