Bafin nimmt mehr Lebensversicherer enger an die Leine

Frank Grund mit seinen Abteilungsleitern auf der Bafin-Jahreskonferenz. Quelle: lie

Nach der nochmaligen Senkung des negativen EZB-Einlagenzinssatzes hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) ihre Kontrolle über Lebensversicherer und Pensionskassen verstärkt. Zum Stichtag 31. Dezember 2018 standen 15 Lebensversicherer und 31 Pensionskassen unter intensivierter Aufsicht. Nach dem Zinsschritt ist nun zu erwarten, dass die Zahl der so in Manndeckung genommenen Unternehmen auf Basis der Prognoserechnungen zum 30. September „stark nach oben gehen“ wird.

„Die Situation der Lebensversicherer und Pensionskassen erfordert, dass wir unsere Kontrolle verstärken“, sagt Frank Grund, Exekutivdirektor Versicherungen, in seiner Eröffnungsrede zur neunten Jahreskonferenz der Versicherungsaufsicht. „Wir sind dem Schutz der Versicherungsnehmer und Versorgungsberechtigten verpflichtet.“ Dieses Mandat sei ein Auftrag, „auf die dauerhafte Leistungsfähigkeit der Unternehmen zu achten“.

Ins Blickfeld für eine intensivierte Aufsicht geraten Unternehmen, deren SCR-Bedeckungsquoten ohne Übergangsmaßnahmen zumindest zeitweilig unter 100 Prozent liegen. Die Aufseher unterscheiden zwei Stufen: Bei der ersten ist zum Ende des Übergangszeitraums dann eine ausreichende Kapitalisierung wahrscheinlich. Bei der zweiten Stufe ist die ausreichende Kapitalisierung beim Auslaufen der Übergangsphase 2032 gefährdet, oder es besteht aktuell auch bei Anrechnung der Übergangsmaßnahmen eine Unterdeckung. Zum Stichtag 31. Dezember wurden acht Lebensversicherer in die erste und weitere zwei in die zweite Stufe einklassifiziert.

Weitere mögliche Wackelkandidat identifizieren die Aufseher mittels der Prognoserechnung für 15 Jahre, bei der sie mit besonders pessimistische Annahmen rechnen lassen. So soll der Euro-Zinsswapsatz über den gesamten Zeitraum bei negativen 0,157 Prozent bleiben, die Rendite für die Neu- und Wiederanlage nur 0,5 Prozent betragen und der Referenzzins bis 2033 sukzessive auf 0,35 Prozent sinken.

„Die Bafin geht bei Aufsicht von einem Fortbestehen der Lage aus, also einem vorsichtigen Ansatz. In den nächsten 15 Jahren bleibt es so schlimm wie es ist“, sagte Kay-Uwe Schaumlöffel, Leiter der Abteilung VA 2. Daran, dass der Kapitalmarkt zur „Normalität zurückkehre“, wie in manche Modellierungen unterstellten, habe er „große Zweifel“.

Auch bei der Prognoserechnung unterteilt die Bafin in Unternehmen in zwei Gefährdungsstufen. Drei Lebensversicherer sowie 23 Pensionskassen gehören hier der ersten und zwei Lebensversicherer und acht Pensionskassen der zweiten Stufe an. Unternehmen der ersten Stufe müssen der Aufsicht einen Maßnahmenplan und jährliche Fortschrittsberichte vorlegen. Je nachdem werden Stellungnahmen von Aufsichtsrat und Wirtschaftsprüfer eingefordert. Unternehmen der Stufe zwei müssen zusätzlich bei aktueller Unterdeckung einen Finanzierungs- bzw. Sanierungsplan erarbeiten und haben je nach dem weitere zusätzliche Berichtspflichten, Aufsichtsgespräche und eine örtliche Prüfung.

Bei den Pensionskassen werde mit den Trägerunternehmen sowie den Aktionären gesprochen. Es gehe aber auch um die Möglichkeit der Absenkung künftiger Leistungen. Dass zunächst die Leistungen gekürzt werden, Darlehensgeber aber einen unveränderten Coupon erhalten, wie es bestimmte nachrangigen Darlehen vorsehen, will Grund ändern. Es könne nicht angehen, dass Nachrangkapital erst im Insolvenzfall Haftungsfunktion ausübe. Hier zahlten die Unternehmen „viel zu viel Zinsen an Darlehensgeber, die gar keine Risiken tragen“, so Grund. „Wir gehen davon aus, dass die Unternehmen das ändern, weil wir dies so nicht mehr wollen“.

Im Fokus des Aufsichtsprogramms 2020 steht nach Aussage von Grund die Situation von Lebensversicherern und Pensionskassen in der Niedrigzinsphase, die Kapitalanlage in Zeiten niedriger Zinsen, der Solvency-II-Review, die Nachhaltigkeit und die Digitalisierung inklusive Cyber. 2020 werde die Aufsicht unter anderem den Einsatz von Cyber-Policen durch  Versicherungsunternehmen analysieren. Dabei gehe es nicht um eine Bedingungs- oder Preisaufsicht, sondern man versuche, einen Überblick darüber zu erhalten, wie die Unternehmen mit diesem neuen Risiko umgingen und ob es im Reporting ausreichend erfasst werde.

Aktuell habe er den Eindruck, dass der Markt nur langsam wachse und die Anbieter „ganz vorsichtig“ agierten. Die „non affirmative-Cyber-Risiken“, welche sich die Aufsicht in diesem Jahr besonders anschaut, stellen nach den bisherigen Erkenntnissen kein sonderliches Bedrohungsszenario dar. Des Weiteren will die Aufsicht „sich ansehen, welche Risiken von Immobiliendarlehen und Unternehmensanleihen für Versicherer alsInvestoren ausgehen“.

Schaumlöffel hatte ausgeführt, dass die Aufsicht den Eindruck habe, dass Versicherer in Assetklasse investierten, aus denen sich andere Marktteilnehmer wie Banken aus regulatorischen Gründen herauszögen. „Das ist okay, wenn man hier bewusst reingeht und sich diese Risiken leisten kann“, so Schaumlöffel. Dazu gehöre beispielsweise neben der Eigenkapitalunterlegung auch das entsprechende Risikomanagement. „Branchenweit erkennen wir keine besorgniserregende Entwicklung, aber einzelne Unternehmen sprechen wir schon an, weil sie Immobilien auf anderen Kontinenten selbst nicht managen können.“

Autorin: Monika Lier

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