Erneut steht ein Strukturvertrieb am Pranger – aber was bringt diese Kritik eigentlich?

Die OVB ist inzwischen in 16 europäischen Ländern aktiv (Bildquelle: OVB)

„OVB-Mitarbeiter leben von Provisionen auf Pump“, so lautet der Titel einer neuen Folge vom Handelsblatt-Podcast. Enthüllt wird nichts, was man in der Finanzbranche ohnehin schon weiß. Die OVB kommt dabei dennoch nicht gut weg. Aber wenn man an den Strukturvertrieben grundlegend etwas ändern oder diese abschaffen will, sollte man nicht die Unternehmen angreifen, sondern die Kritik an andere adressieren. Ein Kommentar.

Ein Ex-Mitarbeiter eines Strukturvertriebs plaudert aus dem Nähkästchen. Diesmal hat es die OVB erwischt. Und dabei kommt ans Licht, dass es Vorgaben zum Umsatz gibt, eine Stornohaftung und dass der Arbeitgeber alles tut, damit man das Unternehmen nicht verlässt. Aus vielen Gesprächen und jahrelanger Erfahrung weiß auch unsere Redaktion um die Realität im Strukturvertrieben und welche Probleme Vermittler haben, wenn sie aussteigen wollen. Das weiß die ganze Branche und auch alle anderen Medien, die über die Finanzbranche berichten. Dazu könnte man im Grunde fast jeden Tag eine Meldung veröffentlichen.

Aber das hat kein Neuigkeitswert – auch wenn das nach wie vor viele Klicks bringt. Umsatzvorgaben gibt es in jeder Branche und auch bei jedem Versicherer existiert die gesetzlich festgeschriebene Stornohaftung. Man lebt zwar nicht ausschließlich von Provisionen, aber dennoch hört man darüber keine exklusiven Enthüllungsberichte.

Natürlich werden viele Neuankömmlinge mit dem Versprechen gelockt, viel Geld in kürzester Zeit zu verdienen – was im Grunde in vielen Branchen der Fall ist. Aber dafür muss man eben „Verkaufen“. Man erhält dafür einen Leitfaden und muss die Freundes- und Verwandtenliste abarbeiten oder eine Kaltakquise am Telefon durchführen. Das ist kein Betrug oder ein Schneeballsystem, sondern ein besonderes Geschäftsmodell. Jordan Belfort verkörpert durch Leonardo DiCaprio wird dafür gefeiert und ein Carsten Maschmeyer ist hierzulande dadurch auch nicht zur Persona non grata erklärt worden.

Vielleicht will das Handelsblatt mit der Verbreitung der OVB-Podcast-Folge zur Aufklärung beitragen und womöglich Unwissende davor bewahren, in die „Storno-Schuldenfalle“ zu tappen. Aber die Mehrheit der Handelsvertreter ist Jahrzehnte bei einem Strukturvertrieb – ob glücklich oder nicht, das können wir nicht wissen. Vielen liegt der Verkauf und viele wollen die Verantwortung für ein großes Team übernehmen und diese ausbilden und eben daran wie in einem Pyramidensystem verdienen. Wenn das nicht die OVB, die DVAG oder die US-Firma Tupperware machen, dann wird es andere Firmen geben. All die Kritik von Ex-Mitarbeitern an Strukturvertrieben ist bisher an den Unternehmen abgeprallt, sie generieren von Jahr zu Jahr neue Rekordumsätze.

Politiker halten am Status quo fest, weil man auch kein Druck vom Wähler spürt

Insofern sollte man nicht die Unternehmen angreifen, sondern diejenigen, die die Rahmenbedingungen für ein solches Geschäftsmodell festlegen: die Politiker. Ein Provisionsverbot ist zuletzt an FDP-Finanzminister Christian Lindner gescheitert. Aber auch unter der Ägide der SPD oder der CDU hat sich hierbei nichts getan. Darüber sollte man vielleicht ein Podcast machen. Die Ursachen liegen vielleicht in der starken Finanzlobby, aber niemand zwingt den Europaabgeordneten Markus Ferber im Beirat der DVAG zu sitzen und von ihr Geld zu erhalten, VWheute berichtete.

Jeder wichtige Branche in Deutschland hat eine starke Lobby und jeder Großkonzern spendet wie die DVAG Millionen an fast alle Parteien. Die Autolobby wehrt sich seit Jahrzehnten erfolgreich gegen ein Tempolimit, deren Einführung wirklich kein Weltuntergang wäre. Hierzu ist allerdings die Zustimmung der Bevölkerung nicht eindeutig. Ähnliche Untergangsszenarien wurden mit der Einführung des Mindestlohns in Deutschland an die Wand gemalt, aber man hat sich an die neuen Bedingungen angepasst. Bei diesem Thema war ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung direkt betroffen und daher war es auch im Wahlkampf relevant, sodass man die Einführung nicht auf die lange Bank schieben konnte.

Ebenso würde die Finanzbranche ein mögliches Provisionsverbot überleben, aber die Politiker spüren zu diesem „Nischenthema“ kein Druck vom Wähler, der dem Argument verfällt, dass eine Honorarberatung teurer wäre. Insofern werden die Geschäfte der Strukturvertriebe weiterhin florieren und die Insider-Berichte der Ex-Mitarbeiter für hohen Unterhaltungswert sorgen. Mehr aber auch nicht.

Autor: David Gorr

3 Kommentare

  • Es gibt doch gesetzliche Obergrenzen für Provisionen im Bereich der Kranken- und Lebensversicherung. Sofern diese eingehalten werden, ist doch egal, wer wieviel davon bekommt. Sollten die Grenzen hingegen überschritten werden, so muss eingegriffen werden. Ganz einfach. Ein komplettes Provisionsverbot führt zum „Sterben“ vieler Vermittler. Warum werden in anderen Branchen dann nicht auch Diskussionen über eine Abschaffung von Provisionen geführt, z.B. im Kfz.-Handel. Hier verliert die Anschaffung schon direkt nach der Zulassung deutlich an Wert.

  • Eines der Hauptprobleme ist doch, daß die Vermittler eigentlich auf Darlehensbasis arbeiten (Stornohaftung). Es gibt keinen anderen Beruf, der in dieser Form arbeitet. Kein Anwalt haftet dafür, wenn er einen Prozeß verliert. Kein Vermittler von Darlehen haftet dafür, wenn sich z. B. Eheleute scheiden lassen und das Darlehen nicht zurückbezahlt wird.
    Nur der Versicherungsvermittler haftet selbst dann dafür, wenn ein KFZ z.B. vorzeitig abgemeldet wird. Der Zeitaufwand an Beratung und Abschluß ist genauso hoch wenn der Vertrag 1 Jahr läuft oder nach einem halben Jahr aufgelöst wird. In beiden Fällen habe ich meine Arbeit getan. Im 2. Fall fordert der Versicherer eine bezahlte Provision zurück. Mit welchem Recht?
    Wenn Leute ihre Prämien nicht mehr bezahlen können, dann hat das nichts mit einer fehlerhaften Beratung zu tun.
    Auch hier zeigt sich in aller Deutlichkeit die Macht der Finanzlobby. Selbst der Finanzminister läßt siche gerne vor diesen Karren spannen.
    Ein Schelm wer Böses dabei denkt!

  • Sehr guter Artikel! Es gibt strukturelle Probleme. Eines davon ist, dass die Gesetzgebung ungeeignet ist, Strukturvertriebe, Multi-Level Marketing, Networkmarketing und wie sie alle heißen, zu regulieren. Abhängige Beschäftigte werden durch Arbeitnehmerschutzgesetze geschützt, und die ‚großen‘ und traditionellen Gruppen Selbstständiger haben ihre eigene Interessenvertretung, zum Beispiel die Bundesärztekammer. Doch das trifft hier alles nicht zu und das Gesetz zur Scheinselbständigkeit greift ebenfalls nicht. Um die ‚kleinen‘ Handelsvertreter kümmert sich bisher niemand – es ist schlicht keine Behörde wirklich zuständig, denn offiziell sind Handelsvertreter selbständig. Im englischen Sprachraum werden diese Selbständigen jedoch korrekt als ‚dependent self-employed‘ bezeichnet, also ‚abhängige Selbständige‘. Warum? Die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, sind vom Unternehmen festgelegt. Klar, der Arbeitsbeginn und welche Freunde angesprochen werden, ist frei. Aber Produkt, Produktqualität, Provisionssysteme und Unternehmenskultur – alles ist festgelegt. Eigentlich wie bei Arbeitnehmern und doch ist keine Behörde zuständig, die den Unternehmen auf die Finger schaut. Dies gilt es zu ändern. Für Ideen, wie das umgesetzt werden kann, verweise ich auf die Ergebnisse meiner Forschung an der Universität Nimwegen, NL: https://repository.ubn.ru.nl/handle/2066/290373.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

18 + 4 =