Doppelschlag: Rechtsschutz-Anbieter bereiten sich auf zwei Schadenwellen vor

Sang Hyun Cho auf Pixabay

Die deutschen Rechtsschutzversicherer haben den Jahreswechsel 2019/20 in einem sehr ruhigen Fahrwasser verbracht, bevor auch sie von der Coronavirus-Krise kalt erwischt wurden. Auch im Vertrieb brodelt es. Mit der prognostizierten Insolvenzwelle und der anstehenden Anpassung des Gerichtskosten- und Rechtsanwaltsvergütungsgesetzes Anfang 2021 rollen zwei Schadenwellen auf die Anbieter zu.

Die deutschen Rechtsschutzversicherer haben den Jahreswechsel 2019/20 in einem sehr ruhigen Fahrwasser verbracht, bevor auch sie von der Coronavirus-Krise kalt erwischt wurden. Die Beitragsentwicklung lag mit plus drei Prozent in 2019 über den Erwartungen und der Vertragsanbau erzielte mit plus zwei Prozent (390.000 Stück) auf 22,6 Mio. Verträgen einen Zehn-Jahres-Bestwert. Unter dem Strich stand auch eine historisch niedrige Stornoquote (< sechs Prozent) und nach gut dotierter Risikovorsorge wurde eine Combined Ratio von 98 Prozent für die Branche ausgewiesen, womit man im dritten Jahr in Folge in der Gewinnzone blieb.

Die meisten Versicherer sind somit 2020 mit soliden versicherungstechnischen Kennzahlen gestartet, auch wenn die Bandbreite hinsichtlich der Kapitalausstattungen und Schadenreservepolster mit Blick auf die Boxplots erhebliche Spreizungen innerhalb der 50 Marktteilnehmer aufzeigen. Diese sind auch Folgen von unterschiedlichen Geschäftsmodellen, Konzerneinbindungen und Vertriebsstrategien der Unternehmen.

Multikanalvertrieb findet im Rechtsschutz bisher nicht statt

Betrachtet man die vielfältigen Aktivitäten der Branche gerade im Digital-, Online- und Vergleichsportalgeschäft, von Adam Riese (W&W) bis zu Getsafe mit der Roland als Risikoträger, dann sollte man meinen, dass sich dies auch in den Bestandskennzahlen deutlich niederschlagen wird. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die Ausschließlichkeit behauptet ihre dominierende Position im Rechtsschutz auch 2019 – mit einem 60-Prozent-Anteil im Neugeschäft. Makler und MFV stagnieren über die letzten sieben Jahre bei gut 20 Prozent, das Geschäft über Kreditinstitute liegt bei knapp zehn Prozent.

Der Direktkanal ist in 2019 deutlich rückläufig. Dies hat viele Gründe, einer wird die über LegalTechs gesteuerten Zweckabschlüsse zum Widerrufjoker und VW-Abgasskandal gewesen sein, hier gab es ja regelrechte Abschlusshilfen der Kanzleien über die Direktkanäle bis zu Check24, was sich nunmehr abgeschwächt zu haben scheint. Dazu kommt ein Jahr mit sehr geringen Beitragsanpassungen im Bestand, die die Wechselbereitschaft
über die Sonderkündigungsrechte ebenfalls deutlich dämpft.

Und einige Versicherer scheinen den Spaß an dem teuren, mit sehr hohen Abschlusskosten belasteten Geschäft über den Pool- und Vergleichermarkt insgesamt verloren zu haben. Schnelles Wachstum verdeckt die versicherungstechnische Qualität eines situativ und aktiv Rechtsschutz kaufenden Verbrauchers, der gerade in Krisenzeiten den Bedarf für sich selbst noch stärker erkennt – die schwarzen Wolken des Arbeitsmarktes regelrecht auf sich zukommen sieht. Dies gilt für Privat- und Firmenkunden gleichermaßen, was das Kumulschadenrisiko umso gefährlicher macht.

Coronakrise noch nicht in den Kennzahlen angekommen

Schaut man nun auf das 1. HJ 2020, dann ist die Corona-Krise noch nicht wirklich im Rechtsschutz angekommen, der Bestandsbeitrag steigt um erfreuliche drei Prozent und auch die Vertragszahl legt mit 1,6 Prozent deutlich zu. Im Schaden hat der Lockdown auch erst einmal den Schadenbereich, insbesondere im Verkehrsbereich, entlastet, die Zahlungen liegen branchenweit bei minus fünf Prozent zum VJ, das aber auch mit 7,5 Prozent einen sehr hohen Vorjahresausgangswert hatte. Wo die Reis im Schaden hingehen könnte, zeigen die Schadenmeldungen, die insgesamt um über acht Prozent zulegen, im GJ-Bereich sogar um knapp 15 Prozent.

Da auch die Vertriebsleistung um ca. 15 Prozent marktweit zurückgegangen ist, befindet man sich in der Ruhe vor dem Sturm. Gut gemeistert hat die Branche die operativen Herausforderungen der Corona-Krise, da die erhöhten Arbeitsmengen in den Bestandsbereichen durch Risikoänderungen/Stundungen/Mahnstopps sowie insbesondere den Schadenbereichen gut verarbeitet werden konnten und dies mit Belegschaften, die sich bis zu 80 Prozent im Homeoffice befanden und teilweise noch befinden.

Dies wird nachhaltige Veränderungen in der Arbeitsorganisation für Rechtsschutz insgesamt haben, da nach den ersten Bewertungen in den Unternehmen auch keine hohen Effizienzverluste beklagt werden. Die versicherungstechnischen Absprungpunkte der meisten Versicherer für die prognostizierten wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise und die Verarbeitung des Schadenanfalls – insbesondere im Arbeitsrecht – sind auf Basis der Kennzahlen des 1. HJ 2020 als solide zu bewerten.

Fazit: Niemand sollte sich von den aktuellen guten Schadenzahlungskennzahlen zum 1. Halbjahr 2020 blenden lassen, da auch schon heute die Spreizung der Betroffenheit in der Coronavirus-Krise aufgrund unterschiedlicher Bestandszusammensetzungen und Vertriebswege sehr unterschiedlich ist. Die sehr hohe Schadenmeldefrequenz von plus 15 Prozent bei den Sofort-Schäden (im GJ 2020 angefallen), insbesondere auch in der telefonischen Rechtsberatung, wird deutliche Folgen für den zukünftigen Schadenaufwand haben. Waren es bisher die eher günstigen Reise-Vertragsfälle, werden diese im weiteren Verlauf von den teuren Arbeitsrechtsfällen abgelöst, insbesondere wenn der staatliche Insolvenzschutz fällt und die Insolvenzverwalter sehr genau prüfen werden, ob die Voraussetzungen hierfür überhaupt orgelegen haben.

Aber es hat auch weiterhin Sanierungen insbesondere im Direkt-, Pool- und Maklergeschäft gegeben, was an den stagnierenden oder sogar rückläufigen Beitragsentwicklungen bei einigen Maklerversicherern in den GDV-Kennzahlen abzulesen ist.

Autor: Andreas Heinsen, Vorstand CPO / CIO ÖRAG Rechtsschutz AG

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen November-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

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