Warum Corona eine neue Ära in der „guten alten“ Versicherungskultur einleitet

Der neue Haupteingang zur DKM. Quelle: ak

Die DKM in Dortmund gehört zu den Highlights im Jahreskalender der Branche: Professionals reden über sich und die Branche, der gepflegte Small Talk gehört mindestens genauso dazu wie der kostenlose Drink oder das Torwandschießen. Corona macht der Leitmesse nun einen Strich durch die Rechnung – zumindest in traditioneller Form. Kann das gut gehen?

Bei kaum einem Event steht das persönliche Networking so im Vordergrund wie bei der DKM. Für die Branche wäre es ein Signal: Wenn es gut geht, könnte sie vor einem ihrer größten strukturellen Umbrüche stehen. Welche Lehren also zieht die deutsche Wirtschaft aus der Coronakrise?  Der Tenor ist eindeutig, und er ist durchaus dramatisch: Vieles wird anders sein als zuvor, vor allem bei Geschäftsreisen, aber auch in Sachen Homeoffice.

Der Autobauer Daimler teilte mit, man weise die Mitarbeiter „generell darauf hin, Geschäftsreisen hinsichtlich Zeit, Kosten und Umweltbewusstsein möglichst nachhaltig und ressourcenschonend zu planen. Zudem sollen auch mögliche Alternativen zur Dienstreise in Betracht gezogen und genutzt werden, so zum Beispiel die Nutzung von Audio-/Web- oder Videokonferenzen“.

Virtuelle Schmerzpunkte

Die Versicherungsbranche insgesamt hat sich während Corona radikal gewandelt. Innerhalb von Tagen wurden neue Lösungen, Tools, Methoden und agiles Arbeiten in verteilten Netzwerk-Organisationen möglich gemacht. Die Lernkurve der Unternehmen und Organisationen war enorm. Die Bedenken, die früher vieles verhinderten, wurden ausgeblendet. Kaum zu glauben in der Versicherungswirtschaft. Man legt einfach los.

Für die Allianz wird die Krise eine Entwicklung hin zu einer stärkeren Digitalisierung und Virtualisierung der Arbeit weiter beschleunigen, und flexible Arbeitsmodelle werden wahrscheinlich zunehmen. Doch der komplette Verzicht auf direkten Kontakt tut weh. Ähnlich wie den Unternehmen selbst dürfte es den Organisatoren führender Branchenmeetings – ob Monte Carlo, MMM oder DKM – gehen. Eigentlich sind sie gemacht für das direkte Gespräch.

Die Gründe für die Absage der Präsenzveranstaltung in den Dortmunder Westfalenhallen klingen natürlich pausibel: „Die umfangreichen Auflagen für die Durchführung von Messen lassen sich nicht mit dem Sinn und Zweck einer DKM als Netzwerkplattform für die Branche in Einklang bringen. Zusätzlich zu den Auflagen besteht das unkalkulierbare Risiko, dass es bei steigenden Infektionszahlen oder auch nur bei einer lokalen Überschreitung von Grenzwerten kurzfristig zu einem Verbot von Großveranstaltungen kommen kann. Planungssicherheit für alle Beteiligten ist aber für eine zuverlässige Messevorbereitung unabdingbar“, begründet Konrad Schmidt, Geschäftsführer des DKM-Veranstalters bbg Betriebsberatungs GmbH, die Entscheidung.

„Wir werden den virtuellen Raum mit den Mehrwerten der DKM verknüpfen. Netzwerk, Weiterbildung, Trends und Impulse sind auch auf unserer digitalen DKM für Besucher und Aussteller erlebbar.“

Jochen Leiber, Vertriebsleiter bei der bbg Betriebsberatungs GmbH

Diese werde nach eigener Aussage „auch vom Feedback zahlreicher Aussteller gestützt. Und natürlich liegt unser Augenmerk auf der Sicherheit und Gesundheit der gesamten DKM-Familie – Besucher, Aussteller, Veranstaltungsteam.“ Ganz verzichten soll die Branche dennoch nicht auf den Branchentreff. Wie schon zahlreiche andere Events zuvor haben sich die Organisatoren für ein digitales Alternativ-Event entschieden. Statt persönlicher Präsenz soll die DKM in diesem Jahr gleich über vier Tage hinweg im virtuellen Raum stattfinden.

Kann das gut gehen? Jochen Leiber, Vertriebsleiter beim DKM-Veranstalter, ist zuversichtlich. Neben den verschiedenen Vortragsformaten richte man das Augenmerk auf den sogenannten ‚digitalen Handschlag‘. Geplante und spontane persönliche Gespräche seien ebenso möglich wie kleine Gesprächsrunden. Mit dem Service Match-Making können Teilnehmer neue Gesprächspartner finden und sich somit fachlich auf Augenhöhe austauschen. Live-Vorträge werden durch interaktive Tools ergänzt, sodass sich Zuschauer aktiv in Diskussionsrunden einbringen können.

Ist Online eine echte Alternative?

Mit ihrer Entscheidung sind die Veranstalter der DKM jedenfalls nicht allein: Viele Versicherer haben in diesem Jahr bereits auf klassische Pressekonferenzen als Präsenzveranstaltung verzichtet und ihre Jahresbilanzen in einer Telefonkonferenz oder Online-Schalte den interessierten Pressevertretern präsentiert. Einen Schritt weiter gingen sogar die Veranstalter des Rendez-vous de Monte Carlo.

Das 64. Rendez-Vous de Septembre in Monaco kann laut Pressekommuniqué den COVID-19-Widrigkeiten nicht trotzen. Damit ist eine seit dem Jahr 1957 zurückgehende jährliche Routine unterbrochen. An eine einmal aufgegebene Gewohnheit knüpft man nicht mehr so ohne weiteres wieder an, insbesondere, wenn sich alternative Kontaktmöglichkeiten als machbar und wesentlich günstiger erweisen, etwa regionale Branchentreffen und Videokonferenzen.

Der Wegfall des immer noch von der französischen Assekuranz geprägten Events kommt auch einer Schwächung der Frankophonie im Bereich der eh schon angelsächsisch geprägten Assekuranz gleich. Für Monaco bedeutet der Ausfall des zweitwichtigsten jährlichen Events eine Katastrophe. Die jeweils zwei bis dreitausend Teilnehmer geben vor Ort jedes Jahr einige zehn Mio. Euro für Hotels, Speis‘ und Trank sowie Amüsement aus. Die großen Gästehäuser wie Hôtel de Paris und Hermitage, die weitgehend zu der zum monegassischen Staat gehörende Société des Bains gehören, beschäftigen normalerweise 4.400 Personen.

Ganz verzichten wollen manch Manager allerdings dennoch nicht auf den Branchentreff der Rückversicherer: So schlugen Bernd Zens, Member of the Board, DEVK Re, Arndt Gossmann, CEO Gossmann & Cie. und Marc Beckers, Head of EMEA bei TigerRisk Partners in einem offenen Brief eine Art Online-Monte-Carlo vor. Dass das Event nicht stattfinden kann, während die Rückversicherungsbranche vor einer „beispiellosen Herausforderung“ stehe, bedauern die Autoren. Sie betonen, dass die Branche gerade aktuell beweisen müsste, dass sie ein vertrauensvoller und enger Partner der Versicherten sei. Eine entsprechende Antwort darauf ist jedenfalls noch nicht bekannt.

Baden-Baden prüft Hygienestandards

Und Baden-Baden? „Wir gehen somit derzeit stark davon aus, dass wir vor Ort ein Konzept entwickeln können, was alle erforderlichen Schutz & Hygienerichtlinien erfüllen wird und beobachten ebenso die Dynamik der Grenzöffnungen und somit der Einreisemöglichkeiten“, betonte Nora Waggershauser, Geschäftsführerin der Baden-Baden Kur & Tourismus GmbH, gegenüber VWheute.

Zudem sei den Organisatoren bestätigt worden, „dass das Treffen in Baden-Baden eine sehr große Relevanz für die Branche hat und dass daher seitens der Teilnehmer an der Veranstaltung festgehalten wird.“ So habe man mit allen Partnern vereinbart, dass die Stornierungsregelegungen zunächst bis zum 31. Juli pausieren sollen. „Wir setzen alles daran, dass der Kongress Ende Oktober hier stattfinden kann und arbeiten auch an einer Video-Plattform als Notfallplan“, erläuterte Waggershauser.

Dass solche Online-Events durchaus eine Alternative sein können, zeigt die MMM-Messe Ende März, welche angesichts Corona kurzfristig als Online-Messe durchgeführt wurde: die MMM-Messe digital. Und dennoch: „Als dauerhaften Ersatz können wir uns die Digitalmessen nicht vorstellen, da der Fonds Finanz der persönliche Draht zu ihren Vermittlern und Maklerbetreuern sehr wichtig ist“, konstatiert Norbert Porazik gegenüber VWheute.

„Die persönlichen Gespräche vor Ort, die Anbahnung geschäftlicher Beziehungen, die Emotionen, die unsere Star-Redner während ihrer Live-Auftritte transportieren – all das kann aus unserer Sicht durch ein Online-Modell nicht ersetzt werden“.

Norbert Porazik, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Fonds Finanz

Und dennoch: „Deshalb möchten wir unsere Messen gerne weiterhin wie gewohnt fortführen. Allerdings können wir uns ein hybrides Messekonzept – also eine Mischung aus Präsenz- und Onlinemessen – sehr gut vorstellen und arbeiten bereits im Rahmen der Veranstaltungsplanung für 2021 an einem möglichen Konzept. Denn neben den Stimmen unserer Makler, die sich für eine Vor-Ort-Veranstaltung ausgesprochen haben, gibt es auch viele Fürsprecher einer Online-Variante“, so Porazik.

Veranstaltungsbranche zählt zu den sechs umsatzstärksten Wirtschaftszweigen

Angesichts der aktuellen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie ist die Verlagerung von Events in den virtuellen Raum jedenfalls nachvollziehbar. So zählen Messen zwar nicht zu Großveranstaltungen wie Festivals oder Volksfesten, die ohnehin noch mindestens bis zum 31. August 2020 verboten sind. Das Ansteckungsrisiko mit Covid-19 wird dadurch aber nicht zwangsläufig vermindert – selbst mit Mundschutz-Pflicht und ausgefeiltestem Hygienekonzept.

Immerhin 560.000 Todesfälle wurden in Deutschland durch Maßnahmen wie Social Distancig oder das Verbot von Events gerettet, rechnete jüngst eine Studie des Imperial College London belegen will. In Deutschland waren die Pandemieregeln sogar so effektiv, dass es laut Statistischem Bundesamt nur eine relativ niedrige Übersterblichkeit gibt.

Quelle: Statista

Hinzu kommt allerdings auch, dass die Eventbranche laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Interessengemeinschaft der Veranstaltungswirtschaft mit einem Umsatz von rund 130 Mrd. Euro pro Jahr zu den sechs umsatzstärksten Wirtschaftszweigen Deutschlands zählt. Bei den Beschäftigungszahlen liege die Branche demnach sogar auf Platz zwei.

„In der aktuellen Situation, in der die Scheinwerfer häufig über Kultur- und Sportveranstaltungen kreisen, zeigt die Untersuchung wie umfangreich und komplex die Branche wirklich ist und wo das Geld verdient wird – oder besser wurde.“

Bernd Schabbing, Professor und Studiengangsleiter für Eventmanagement an der International School of Management

„Business Events werden häufig nur mit Messen und Kongressen assoziiert. Sie haben aber innerhalb der Unternehmen auch mit Blick auf Marketing und Vertrieb und den Aufbau von Kundenbeziehungen in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Marken wollen heute Erlebnisse schaffen und das geht nicht ohne die entsprechenden Marketing-Events“, erläutert Bernd Schabbing, Professor und Studiengangsleiter für Eventmanagement an der International School of Management und Sprecher des bundesweiten Qualitätszirkels Veranstaltungs- und Eventstudium (QZVE).

„Sie geben Impulse für die Kommunikation und schaffen selbstverständlich auch Kaufreize. Auch die Incentives sowie die Mitarbeiter-Events, Schulungen und Weiterbildungen sind immer wichtiger für die interne Motivation und Wirtschaftlichkeit von Unternehmen. Deshalb ist es wichtig, die Veranstaltungswirtschaft nicht nur als einen einzelnen Wirtschaftszweig zu sehen, sondern auch die Abhängigkeiten zu anderen Disziplinen einzubeziehen“, ergänzt der Experte.

Und dennoch: Das persönliche Gespräch sowie das Networking von Angesicht zu Angesicht wird für die Branche weiterhin existenziell notwendig sein. So betonte auch DKM-Chef Schmidt, dass seiner Ansicht nach das persönliche Gespräch nach wie vor durch nichts zu ersetzen sei.

„Vom 26. bis 28. Oktober 2021 findet die Leitmesse wieder als Präsenzveranstaltung in Dortmund statt. Sicherlich werden wir die Erfahrungen der diesjährigen DKM auch in die zukünftigen Messekonzepte einfließen lassen. Die auf der DKM vielbeschriebene digitale Transformation unserer Branche wird also auch Einzug in das zukünftige Messekonzept halten“, prognostiziert Schmidt.

Autor: VW-Redaktion

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