GDV-Präsident Weiler exklusiv: „Wir versuchen zu helfen, so gut es geht“

GDV-Präsident Wolfgang Weiler. Quelle: GDV

Telefonate, Telkos und Videocalls wechseln sich ab: Seit einigen Wochen sieht auch der berufliche Alltag von Wolfgang Weiler so aus. Vor dem Hintergrund der Coronakrise muss der GDV-Präsident die Geschäfte aus dem Homeoffice steuern. Im Interview für VWheute spricht er über den anhaltenden Notbetrieb, Schutzschirme und schwer abschätzbare Folgen für die Versicherer.

Herr Weiler, wie sieht ihr Alltag momentan aus? Zu welchen Anlässen verlassen Sie noch das Haus?

Wolfgang Weiler: Wie so viele in unserer Branche bin ich seit einigen Wochen im Homeoffice. Telefonate, Telkos und Webkonferenzen wechseln sich ab. Das funktioniert bislang auch gut. Privat halte ich mich selbstverständlich an die geltenden Vorgaben, heißt, ich verlasse das Haus nur unter ganz bestimmten Anlässen, etwa zum Spaziergang mit dem Hund oder zum Joggen.

Wie gehen die Versicherer mit der aktuellen Situation um?

Wolfgang Weiler: Viele haben auf Notbetrieb umgestellt. Soweit es geht, arbeiten die Mitarbeiter von zu Hause. Video- oder Telefonkonferenzen überbrücken die räumliche Distanz und gewährleisten, dass die Geschäftsprozesse funktionieren. Einfach dichtmachen, das geht bei uns nicht. Es gibt ja weiterhin Schäden, die reguliert werden müssen, oder Rentenversicherungen, die zur Auszahlung anstehen. Und dazu kommen jetzt natürlich auch viele Kundenanfragen zum Thema Corona.

Welche sind das?

Wolfgang Weiler: Vielen Unternehmern, Freiberuflern oder auch normalen Arbeitnehmern ist quasi über Nacht die Einkommensbasis weggebrochen. Sie haben nun Liquiditätsengpässe und wissen nicht, wie sie die Versicherungsbeiträge für sich, ihre Firma oder ihre Mitarbeiter bezahlen sollen. Deshalb wenden sie sich an uns. Wir versuchen zu helfen, so gut es geht: mit Zahlungsaufschub, Beitragsfreistellungen, reduziertem Deckungsumfang und teilweise auch mit Liquiditätshilfen. Es geht um schnelle, pragmatische Lösungen in einer Situation, die für uns alle völlig neu ist.

Wie hart trifft die Corona-Krise denn die Assekuranz?

Wolfgang Weiler: Die Folgen lassen sich noch nicht genau abschätzen. Die direkten, also versicherten Schäden halten sich in Grenzen: Es gibt wenige Produkte, bei denen das Pandemie-Risiko mit eingeschlossen ist. Mittelbar trifft die Corona-Krise aber auch uns sehr: Eine Rezession ist unausweichlich, damit werden es beispielsweise die Kreditversicherer mit mehr Forderungsausfällen zu tun bekommen. Grundsätzlich wirkt sich ein schwächeres Wirtschaftsgeschehen auch immer negativ auf das Neugeschäft aus. Der Vertrieb funktioniert gegenwärtig ohnehin nur eingeschränkt. Was ich also sicher sagen kann: Das gute Wachstum des Vorjahres wird sich nicht wiederholen.

Wie wirkt sich der Börseneinbruch auf die Versicherer aus?

Wolfgang Weiler: Die Lebensversicherer hatte Ende 2019 nur gut fünf Prozent ihrer Kapitalanlagen in Aktien investiert. Der Großteil ihres Portfolios entfällt auf Anleihen, von denen wiederum mehr als 90 Prozent über ein Investmentgrade verfügen, also guter bis sehr guter Bonität sind. In der aktuellen Krise erweist sich gerade unser langfristiges Geschäftsmodell als Vorteil. Die Versicherer können wegen der Langfristigkeit ihrer Verpflichtungen ihre Investments halten und müssen sie nicht unter Druck verkaufen. Die Verluste in den Portfolien sollten somit begrenzt bleiben, auch in der absehbaren wirtschaftlichen Schwächephase.

Sie sprachen die unausweichliche Rezession schon an. Was denken Sie, wie schlimm es werden wird?

Wolfgang Weiler: Das Ausmaß des Konjunktureinbruchs dürfte deutlich größer sein als in den zurückliegenden Krisen, denn nahezu das gesamte öffentliche Leben ist lahmgelegt. Ich befürchte, dass die Einbußen in diesem Jahr nicht auf die 5,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beschränkt bleiben, die wir 2009 in der Finanzkrise zu verzeichnen hatten.

Damals ging es nach dem Einbruch schnell wieder aufwärts. Kommt es diesmal wieder so?

Wolfgang Weiler: Aus heutiger Sicht ist leider zu erwarten, dass der Abschwung nicht nur tiefer, sondern auch länger sein wird. Das einzig wirksame Mittel, mit dem sich das Virus eindämmen lässt, ist soziale Distanz. Selbst wenn die Zahl der Neuinfektionen aufgrund der Kontaktbeschränkungen zurückgeht – was wir derzeit erfreulicherweise in ersten Ansätzen erleben –, wird der Erfolg nur Bestand haben, wenn die Maßnahmen nicht zu schnell gelockert werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Zahl der Neuinfizierten sofort wieder steigt. An eine sehr rasche Erholung der Wirtschaft wie nach 2009 glaube ich daher nicht. Stattdessen dürfte dem Absturz eine Phase geringer wirtschaftlicher Aktivität folgen. Es sei denn, es stünde schnell ein Impfstoff zur Verfügung stünden. Doch danach sieht es momentan nicht aus.

Die Bundesregierung hat einen milliardenschweren Schutzschirm aufgespannt, um Unternehmen zu unterstützen und Arbeitsplätze zu erhalten. Wie bewerten Sie die Maßnahmen?

Wolfgang Weiler: Sie sind angesichts des nahezu kompletten Stillstands in vielen Wirtschaftszweigen gut und richtig. Überbrückungskredite, Bürgschaften oder Steuerstundungen sorgen dafür, dass Unternehmen, die im Kern gesund sind, eine Chance haben zu überleben. Man kann sagen: Wir halten so das Auto fahrbereit, damit es durchstarten kann, sobald die Straßen wieder für den Verkehr freigegeben sind.

Auch andere Euro-Staaten, deren Finanzlage nicht so gut ist wie die Deutschlands, nehmen viel Geld in die Hand, um den Absturz ihrer Wirtschaft aufzufangen. Droht die Staatsschuldkrise nicht wieder aufzuflammen?

Wolfgang Weiler: Die Gefahr besteht zweifellos. Es sind ja nicht nur die massiven Stützungsprogramme, die die Haushaltsdefizite in die Höhe schnellen lassen. Gleichzeitig brechen die Steuereinnahmen weg. Die Haushaltsdefizite werden deutlich steigen – und damit auch die Schuldenstände. Für Deutschland ist das sicher beherrschbar; andere höher verschuldete Länder könnten hier aber schnell an Grenzen kommen. 

Könnten gemeinschaftliche Schulden aller Euro-Länder helfen? Die Forderungen nach sogenannten Corona-Bonds werden immer lauter.

Wolfgang Weiler: Das Instrument mag auf den ersten Blick vielversprechend erscheinen. Zielführender und schneller wäre es meines Erachtens aber, den eigens für solche Fälle eingerichteten Europäischen Stabilisierungsfonds ESM zu nutzen. Er verfügt über 410 Mrd. Euro und könnte, falls erforderlich, noch aufgestockt werden.

Die Inanspruchnahme von ESM-Mittel ist aber mit strengen Auflagen verbunden. Würde das die wirtschaftliche Krise in den von der Pandemie hart getroffenen Ländern wie Spanien und Italien nicht noch verschärfen?

Wolfgang Weiler: Von allem, was wir hören, würden es kaum Auflagen geben. Das ist in der aktuellen Situation auch richtig. Die Anstrengungen der Länder zur Bekämpfung der Corona-Krise müssen besonders berücksichtigt werden. Allerdings sollte der Fokus auf mittlere Sicht natürlich wieder auf die Gesundung der Staatsfinanzen gerichtet sein – auch damit wir für eine neue Krise, die in der einen oder anderen Form irgendwann sicher kommt, gewappnet sind. 

Autor: VW-Redaktion

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