Rechtsschutz: Warum Versicherer noch lange nicht satt sind

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Rechtsschutz ist mit einer Marktdurchdringung von 45 Prozent kein Verdrängungsmarkt, erst recht nicht, wenn man auf die ausbaubare Produktdurchdringung je Haushalt, die Alterskohorten und in den Bereich der Firmenkunden blickt. Die Sparte muss sich für den Erhalt ihrer 22 Millionen Verträge und der Erschließung neuen Wachstums zu einem digitalen Jursurtech, mit smarten kundenaffinen Rechtsdienstleistungen und Rechtsschutzprodukten für alle Vertriebswege und Kundensegmente weiterentwickeln, auch um den neuen Angeboten der JurTechs, digitalen Versicherern und Internetanwaltsfabriken aktiv zu begegnen. 

Die deutschen Rechtsschutzversicherer sind 2018 wiederum stark auf 4,12 Mrd. Euro (2018: plus 4,2 Prozent / 2017: plus 4,0 Prozent) gebuchten Beitrag gewachsen, sehen sich aber aufgrund stagnierender Kundenzahlen, rückläufiger Haushaltsabsicherungsquoten, schrumpfenden Vertriebspartnereinheiten in der Ausschließlichkeit sowie digitalen Angriffen von JurTechs, Internetanwaltskanzleien und neuen Online-Inkassodienstleistern großen Herausforderungen für ihr zukünftiges Geschäftsmodell ausgesetzt.

Jetzt heißt es den nächsten Sprung vom reinen Kostenversicherer – mit ein bisschen Service – zum professionellen und digitalen Rechtsdienstleister mit Versicherungsschutz als JurSurTech zu schaffen und den hybriden Ausbau der telefonischen und digitalen Rechtsassistance in den Mittelpunkt der Geschäftsfeld- und Produktentwicklung zu stellen.

Das aktuelle GDV-Zahlenwerk bestätigt, dass die Branche mit einem Beitragsplus von 21 Prozent gut durch das KostRMG 2013, das Belastungen bei Anwalts- und Gerichtskosten von bis zu 20 Prozent in den einzelnen Risikosegmenten gebracht hat, gekommen ist. Auch die Kumulschäden des Dieselabgasskandals und des sehr teuren Widerrufsjokers für Darlehens- und Lebensversicherungsverträge wurden in den Bilanzen der meisten Versicherer bisher gut verkraftet. Mit einer Schadenquote von 68 Prozent weisen die Rechtsschutzversicherer für 2018 den  Bestwert seit 1991 aus.

Rechtsschutzversicherer profitieren von sinkender Stornoquote

Wesentlich dazu beigetragen hat auch die positive Stornoentwicklung. Bereits 2017 ging die Stornoquote stark auf 7,2 Prozent zurück, 2018 stürzte sie dann auf den Zehn-Jahresbestwert von 6,2 Prozent ab. Bleibt somit die Erkenntnis, dass es auch die sich wirtschaftlich sicher füllenden Kunden waren, die den Rechtsschutzversicherern – trotz mehrfacher Prämienerhöhung – treu geblieben sind. Die ersten Indikatoren für 2019 sprechen dafür, dass sich dieser für die Versicherer positive Trend, mit entsprechender Ertragswirkung, fortsetzen wird.

Anderseits wird der Dieselabgasskandal aufgrund der Musterfeststellungsklage 2018 und der finalen Verjährungsfristabläufe bis zum 31. Dezember 2019 eine Sonderbelastung für die Branche darstellen, die weitere Beitragsanpassungen im Ergebnis ab 2020 auslösen wird. Also zurücklehnen und den Erfolg der hohen Wachstumsraten der letzten Jahre  genießen? Mitnichten. Ein Blick auf die Marktanteilsverschiebungen seit 2013 zeigt sehr unterschiedliche Entwicklungen bei den einzelnen Gesellschaften.

Am dramatischsten ist sicherlich der Marktanteilsverlust der Ergo/D.A.S. seit der Integration der DAS in den Ergo-Konzern. Von mehr als 14 Prozent Marktanteil vor zehn Jahren kommend, fällt die Ergo Rechtsschutz in 2018 erstmals unter die Zehn-Prozent-Marke. Aber auch beim Marktführer Allianz sehen wir in 2018 nur eine Stagnation bei 11,7 Prozent (2013: 11,9 Prozent).

Tiefgreifende Sanierungs- und Restrukturierungsprozesse

Bei den Maklerversicherern scheinen sich einige Unternehmen, wie z.B. NRV, Deurag und nachfolgend im Ranking auch die von der Itzehoer gekaufte Rechtsschutz Union (2018: 1,8 Prozent / 2013 noch 2,2 Prozent) in tiefgreifenden Sanierungs- und Restrukturierungsprozessen zu befinden. Andere, wie Concordia und Auxilia (2018: 2,5Prozent / 2013: 2,2 Prozent) konnten in dieser Zeit in den Club der Gesellschaften mit mehr als 100 Mio. Euro Bestandsbeitrag aufsteigen.

Wachstumsstärke zeigen R+V, LVM und DEVK als starke Crosseller zu Kfz. Den stärksten Zuwachs in den vergangenen Jahren konnten die beiden Düsseldorfer Unternehmen Arag und Örag verzeichnen. Die Arag hat ihren nachhaltigen Turnaround im deutschen Rechtsschutzgeschäft auch in 2018 eindrucksvoll bestätigt, die Örag ihren Spitzenplatz mit einem Marktanteilsgewinn von 1,2 Prozentpunkten seit 2013 unterstrichen.

Auch wenn die Verbraucherschützer die Komplexität der Rechtsschutzprodukte und die kundenunfreundlichen, sehr juristischen ARBs vielfach bemängeln, hat sich bei den Produkten in den vergangenen Jahren sehr wenig geändert. Ein paar neue oder erweiterte Leistungen und erste Rechtsservices sind dazu gekommen, jedoch sind sie teilweise nur für die Schublade, die Marketingstrategie oder Branchen-Ratings gebaut worden.

Die Premiumprodukte basieren vielfach auf Sublimiterhöhungen für Grunddeckungen oder stellen Rechtsprodukte ins Schaufenster, die, wie der Vertragscheck, im Internet heute bereits umsonst zu haben sind. Nur sehr langsam tastet man sich auch in den Bereich von Informations- oder Vorsorgeprodukten, bis hin zu anwaltlichen Telefon- und Onlineberatungs-Flatrates, um den kostenfreien Telefonberatungsangeboten und Prüfungen aus Erfolgsaussichten der Internetkanzleien und JurTechs zu begegnen.

Luft nach oben

Insgesamt wird deutlich, dass sich die Rechtsschutzversicherer bei weitem nicht in einem gesättigten Marktumfeld befinden, sondern über alle Vertriebswege noch erhebliche Potenziale für die weitere Kundengewinnung und den Rundumschutzausbau im Bestand haben. Sich der digitalen Angebote und Innovationen der JurTechs und Internetkanzleien zu bedienen, erscheint eine intelligente Doppelstrategie für die Versicherer zu sein, um, wie in der Prognos-Studie 2030 des Deutschen Anwaltsvereins für die Rechtsschutzversicherer prophezeit, als Gewinner aus der Transformation des Rechtsdienstleistungs- und Anwaltsmarktes hervorzugehen.

An Potenzialkunden mangelt es nach den Analysen der Marktforscher auch nicht, wenn sich Rechtsschutz auf die Kunden-Convenience und Vertriebspartnerzufriedenheit beim Thema Recht und Rechtsschutz konzentriert und sich zusätzlich als 24/7-Rechtsproblemlöser und Rechtslotse des Kunden mit digitalen oder auch situativen Rechtsproduktlösungen positioniert.

Dieses Feld den JurTechs und Internet-Lawyern zu überlassen, wäre töricht, vielmehr gilt es deren Kunden- und Produktverständnis an den digitalen Schnittstellen zu verstehen und im Ergebnis in die Rechtsschutzproduktwelt zu adaptieren. Die telefonische Rechtsberatung war einmal ein neuer dynamischer und von der Anwaltschaft bekämpfter Markt, heute sind damit 22 Mio.

Rechtsschutzkunden  kostenfrei ausgestattet und viele der Anbieter mit Rechtsberatung für zwei Euro pro Minute vom Markt verschwunden oder arbeiten jetzt für Rechtsschutz. Warum nicht auch die gleiche Entwicklung für die teilweise sehr kleinteiligen Produkte und Rechtsservices der digitalen Jur- und Lawheros als Branche anstreben. Situative Rechtsprodukte zu Festpreisen, warum eigentlich nicht, hatten und haben wir für die Telefonberatung auch schon sehr lange. Dann sollte auch die ausbaufähige Haushaltabsicherungsquote wieder steigen können.

2018 war ein gutes Jahr für Rechtsschutz und wenn die Hausaufgaben richtig gemacht werden, sollten es auch die folgenden Jahre werden. Wer aber meint, jetzt nicht aktiv agieren und an seinem Geschäfts- und Produktmodell arbeiten zu müssen, der wird sich beim Gewinner-/Verlierer-Ranking des GDV in 2025 sicherlich auf der Verliererseite finden.

Autor: Andreas Heinsen, Vorstand der Örag

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

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