„Boss, ich mache kurz die Wäsche“: Wenn das Homeoffice für Versicherer zum Problem wird

Pexels auf Pixabay

Durch die moderne Kommunikation wird Heimarbeit trotz Festanstellung immer beliebter. Nicht immer spielt aber der Arbeitgeber mit. Wie sieht das in der Praxis der Versicherungsunternehmen aus? Ein Blick auf die Angebote ausgewählter Gesellschaften.

Deutschland ist auch im Jahr 2019 ein Land der Präsenzkultur. Viel weniger Menschen hierzulande nutzen das Homeoffice als im EU-Schnitt. Meist scheitert der Wunsch nach Heimarbeit an den Arbeitgebern. Deshalb fordern SPD und die Grünen einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf Homeoffice. Wie sieht das aktuell im Insurance-Bereich aus? „Wir wissen, dass über 80 Prozent der Mitarbeiter von Versicherungsunternehmen grundsätzlich die Möglichkeit zum Mobilen Arbeiten haben“, weiß Michael Gold, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen in Deutschland.

Ein Drittel der Mitarbeiter arbeiten teilweise von daheim

„Laut unserer TNS-Umfrage arbeiten bereits über 35 Prozent der Mitarbeiter zumindest teilweise von Zuhause – gut drei Viertel möchten dies gerne häufiger tun. Nach unseren Beobachtungen ist der Trend zum Mobilen Arbeiten steigend.“ Auf Branchenebene haben die Sozialpartner das Thema Mobiles Arbeiten aufgegriffen und am 27. Mai 2019 einen Tarifvertrag (TV MobA) abgeschlossen. Dieser wirkt seit 1. Juli 2019.

Der Tarifvertrag regelt Mobiles Arbeiten in Unternehmen, die dazu bisher keine eigenen Regelungen in ihrer Betriebsvereinbarung verankert haben. Er bildet für die Praxis einen wichtigen tariflichen Rahmen für künftige Betriebsvereinbarungen und dient als Orientierungslinie – ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Wichtige Rahmenbedingungen sind das Prinzip der doppelten Freiwilligkeit – weder kann der Arbeitgeber den Angestellten zur Mobilen Arbeit verpflichten, noch hat der Mitarbeiter einen Rechtsanspruch darauf – und die individuelle Ausgestaltung der Mobilen Arbeit zwischen Angestellten und Führungskraft.

Gold sieht eindeutig eine Win-Win-Situation: „Das Interesse der Arbeitnehmer an Mobilem Arbeiten ist erheblich, vor allem wegen der Zeitersparnis, z.B. durch Wegfall der An- und Abfahrt, und eine bessere Balance zwischen Arbeit und Privatleben. Der Arbeitgeber stärkt durch das Angebot seine Attraktivität und kann zugleich regelmäßig die Servicezeiten erweitern.“

Mobiles Arbeiten kommt bei Mitarbeitern an

Schon seit 2016 testet die BGV-Versicherung AG laut Personalchef das „Fallweise Mobile Arbeiten“ mit einer Pilot-Betriebsvereinbarung, die 2017 in die endgültige Betriebsvereinbarung überführt wurde. Damit gehört man zu einem der ersten Unternehmen der Branche. Bis dahin gab es keine flexible Form des Arbeitens wie Telearbeit und da der Bedarf dafür vorhanden war, entschloss man sich gleich zum Mobilen Arbeiten als zeitgemäße Variante.

In der Testphase verursachte die fallweise Ausgabe mobiler Endgeräte enormen Aufwand, heute hat jeder Mitarbeiter einen Laptop, mit dem er von zu Hause oder von einem anderen Ort aus arbeiten kann. Nach anfänglichen Vorurteilen – vor allem vonseiten der Führungskräfte, ob die Arbeit denn unter diesen Bedingungen wie bisher erledigt werden würde – ist Mobiles Arbeiten heute bei Mitarbeitern aller Bereiche angekommen und funktioniert störungsfrei.

„Die Hälfte unserer Mitarbeiter nutzt die Homeoffice-Möglichkeit regelmäßig.“

BGV-Personalschef Jürgen Schmitz

Vertrauen und klare Spielregeln

Schon ein knappes Jahr vor der BGV begann die Württembergische Versicherung AG konzernweit mit dem Fallweisen Mobilen Arbeiten, weshalb die BGV vor dem Start in engem Austausch mit ihr stand. Wie Vorstandsmitglied Susanne Pauser betont, stehe im Unternehmen im Grunde allen Mitarbeitern Mobiles Arbeiten zu – wenn die fachlichen und technischen Kompetenzen und Möglichkeiten da sind, es ein Vertrauen zwischen dem Mitarbeiter und dem Vorgesetzten gibt und wenn die Tätigkeit es zulässt. Etwa fünf Prozent aller im Unternehmen geleisteten Stunden werden mobil erbracht, insgesamt wurde Mobiles Arbeiten im Jahr 2018 von ca. 2.300 der knapp 7.000 Innendienst-Mitarbeiter zeitweise genutzt.

Der Vorteil des Mobilen Arbeitens gegenüber Telearbeit sei, dass es sich um einen unbürokratischen Einzelvorgang handele – der Mitarbeiter beantragt mit zwei Klicks den „Mobilarbeitstag“, der Vorgesetzte gibt ihn frei. „Wenn der Vorgesetzte ablehnt – was er kann – dann muss man reden, das kommt aber außerordentlich selten vor“, ergänzt sie. Dagegen ist Telearbeit außer in der Betriebsvereinbarung – die es natürlich auch für das Mobile Arbeiten gibt – individuell vertraglich geregelt. Wenn sie beendet werden soll, brauchte es gewichtige Gründe wie bei jeder anderen Veränderung im Arbeitsvertrag. Neben Vertrauen und eindeutigen Vereinbarungen braucht Mobiles Arbeiten auch klare Spielregeln im Team, die die Führungskraft festlegen muss, ist Susanne Pauser überzeugt.

Agiles Arbeiten bei der Axa Deutschland

Die Mitarbeiter der Axa Deutschland haben die Möglichkeit, bis zu zwei Tagen pro Woche von Zuhause aus bzw. mobil zu arbeiten. Aktuell nutzen drei Viertel der Belegschaft diese Option, berichtet Personalleiter Jörg Schmidt. „In welchem Umfang und an welchen Tagen sie das tun, entscheiden sie eigenverantwortlich und in Absprache mit ihren Führungskräften und Kollegen – manchmal auch spontan“, erklärt er weiter. Für viele Mitarbeitenden bedeute die Möglichkeit, zeitweise Homeoffice machen zu können, mehr Flexibilität. Trotzdem sei durch die Zwei-Tage-Regelung gewährleistet, dass sich Kolleginnen und Kollegen eines Teams auch persönlich im Büro sehen und austauschen können. Basis für diese Regelung ist das Arbeitsweltenkonzept „New Way of Working (NWoW)“, mit dem Axa Deutschland 2017 gestartet ist. Bis 2020 werden an allen 16 Standorten moderne und offene Büromodule gebaut, die die Kommunikation, Transparenz und Agilität fördern.

Kampf gegen Vorurteile

„Mitarbeiter im Homeoffice gehen mit Freunden Kaffee trinken, erledigen private Angelegenheiten und beseitigen den Wäscheberg. Und eine Führungskraft kann es sich gar nicht erst erlauben, einen Tag Homeoffice zu nehmen. Die Versicherungsbranche ist verstaubt und traditionell – und alle Mitarbeiter dort arbeiten in einem klassischen Nine to Five-Job: Mit diesen Klischees haben wir täglich zu kämpfen“, kritisiert Jennifer Kallweit, Sprecherin bei der Arag SE. Als größter Versicherer in Familienbesitz stelle die Arag jedoch ihre Mitarbeiter in den Mittelpunkt und ist davon überzeugt, dass jeder Einzelne nur dann Top-Leistungen erbringen kann, wenn er wertgeschätzt und unterstützt wird.

Homeoffice werde bei der Arag als unregelmäßiges Arbeiten von Zuhause aus an einzelnen Tagen – ganz oder stundenweise – definiert. Durch die Ausstattung jedes Mitarbeiters mit technisch hochwertigen und leistungsstarken Endgeräten in Kombination mit Office 365 sei eine vollumfassende Tätigkeit von Zuhause aus möglich. Durch die digitale Zeiterfassung werde gewährlistet, dass kein Mitarbeiter mehr als seine reguläre Arbeitszeit arbeitet, Überstunden „abfeiern“ oder Gleitzeittage nehmen kann.

Autorin: Elke Pohl

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

2 + zwanzig =