R+V-Angstindex fällt auf Rekordtief, finanzielle Sorgen dominieren weiterhin
Mit aktuell zweistelligen Inflationsraten in der Euro-Zone ist der Europäischen Zentralbank (EZB) das Ziel einer Inflationsrate um die zwei Prozent völlig aus dem Ruder gelaufen. Bildquelle: Markus Winkler auf Pixabay
Seit 1992 befragt das R+V-Infocenter jährlich in persönlichen Interviews hierzulande rund 2.400 Männer und Frauen nach ihren größten politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Ängsten. Das Ergebnis: Die Furcht vor Inflation ist bereits zum 15. Mal in Folge die größte Sorge der Bevölkerung. Danach folgt das Thema Migration. Auf Platz drei liegt die Angst vor Steuererhöhungen oder Sozialkürzungen (49 Prozent), auf Platz vier die Sorge vor unbezahlbarem Wohnraum (48 Prozent). Trotz globaler Krisen ist das allgemeine Angstniveau so niedrig wie selten zuvor.
Reicht mein Geld noch zum Leben? – Diese Frage treibt viele Menschen in Deutschland um. Laut der aktuellen R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen 2025“ befürchten 52 Prozent, dass die Lebenshaltungskosten weiter steigen. Damit bleibt die Furcht vor Inflation bereits zum 15. Mal in Folge die größte Sorge der Bevölkerung. „Obwohl die Teuerungsrate gesunken ist, empfinden die Menschen steigende Preise für Energie, Lebensmittel und Dienstleistungen als akute Bedrohung“, erklärt Studienleiter Grischa Brower-Rabinowitsch.

Trotz globaler Krisen ist das allgemeine Angstniveau so niedrig wie selten zuvor. Der Angstindex – Durchschnittswert aller erfassten Sorgen – sinkt auf 37 Prozent (2024: 42 Prozent). Nur einmal in der 34-jährigen Geschichte der Umfrage war er noch geringer: 2021, während der Corona-Pandemie. „Die Menschen sind krisenmüde“, sagt Politikwissenschaftlerin Prof. Isabelle Borucki von der Uni Marburg. „Sie erleben multiple Krisen als Dauerzustand und richten ihren Blick stärker auf das Hier und Jetzt – vor allem auf die eigene finanzielle Lage.“
Steuerlast, Wohnen, Migration, aber Trump verliert an Schrecken
Die hohe Staatsverschuldung weckt Sorgen: Fast jeder Zweite fürchtet Steuererhöhungen oder Einschnitte bei Sozialleistungen. „Die Politik muss Vertrauen in ihre Finanzpolitik zurückgewinnen“, mahnt Borucki. Auch beim Thema Wohnen sehen viele sozialen Sprengstoff: 48 Prozent fürchten unbezahlbare Mieten und fordern mehr sozialen Wohnungsbau.
Migration bleibt ein weiteres Reizthema. 49 Prozent glauben, dass die Zahl der Geflüchteten den Staat überfordert – im Osten teilen sogar 56 Prozent diese Angst, im Westen 47 Prozent. Die Sorge vor gesellschaftlichen Spannungen durch Zuwanderung liegt bei 45 Prozent, ebenfalls mit deutlichen Ost-West-Unterschieden.
Auch weltpolitische Themen schlagen sich im Ranking nieder. 45 Prozent der Befragten sehen in einer erneuten Präsidentschaft Donald Trumps eine Gefahr für die Welt – deutlich weniger als 2018, als noch 69 Prozent diese Sorge teilten. Gestiegen ist dagegen leicht die Angst vor dem Erstarken autoritärer Herrscher weltweit (47 Prozent).
Mehr Vertrauen in deutsche Politik – weniger Furcht vor Spaltung
Die vorgezogene Bundestagswahl und der Regierungswechsel zu Schwarz-Rot haben das Vertrauen in die Politik leicht gestärkt: 42 Prozent sehen die Politik als überfordert, sieben Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Auch die „Schulnoten“ für Politiker verbessern sich auf 3,8 (2024: 4,0).
Besonders stark zurückgegangen ist die Angst vor einer gesellschaftlichen Spaltung – von 48 auf 39 Prozent. Allerdings wird Polarisierung inzwischen oft als „Normalzustand“ wahrgenommen. 72 Prozent nennen eine Trennung zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund als Hauptkonfliktlinie, gefolgt von der Kluft zwischen Arm und Reich (58 Prozent) sowie zwischen Demokratiebefürwortern und -skeptikern (57 Prozent). Eine Ost-West-Spaltung fürchten hingegen nur 22 Prozent.
Klimawandel verliert an Dringlichkeit
Der Krieg in der Ukraine beschäftigt die Deutschen weiterhin. 41 Prozent der Befragten fürchten, dass Deutschland selbst in den Konflikt hineingezogen werden könnte – ein stabil hohes Niveau, das vor Beginn der russischen Invasion bei gerade einmal 16 Prozent lag.
Etwas entspannter sehen die Menschen die wirtschaftliche Lage. Nur noch 41 Prozent befürchten eine Rezession, sieben Punkte weniger als im Vorjahr. Auch die Sorge vor politischem Extremismus hat abgenommen – von 46 auf 40 Prozent. Auffällig ist jedoch die Verschiebung innerhalb der Bedrohungswahrnehmung: Die Angst vor rechtem Extremismus stieg auf 43 Prozent und überholt damit erstmals die Furcht vor islamistischem Terror.
Gesellschaftlich tief verankert bleibt die Sorge um das Alter: 39 Prozent fürchten, pflegebedürftig zu werden und auf fremde Hilfe angewiesen zu sein.
Klimathemen verlieren dagegen an Dringlichkeit. Trotz dramatischer Bilder von einem Bergsturz in der Schweiz und extremer Hitze in Europa sinkt die Angst vor Naturkatastrophen von 44 auf 36 Prozent und auch die Furcht vor den Folgen des Klimawandels fällt auf denselben Wert (Vorjahr: 42 Prozent).
Am Ende der Sorgen-Skala rangiert in diesem Jahr die Kriminalität. Lediglich 20 Prozent der Befragten geben an, Angst vor Straftaten zu haben – der niedrigste Wert im gesamten Ranking.
Autor: VW-Redaktion
