Deutschland hat Nachholbedarf bei der digitalen Gesundheitsversorgung

Deutschland hat bei E-Health noch Nachholbedarf. Quelle: Bild von StockSnap auf Pixabay

Ob elektronische Patientenakte oder Videosprechstunde: Bei der digitalen Gesundheitsversorgung hat Deutschland wohl noch eine Menge Luft nach oben. Neben der Kosten-Nutzen-Rechnung in den Arztpraxen scheint auch die Bereitschaft und Fähigkeit zur Datennutzung und Datenübermittlung noch ausbaufähig zu sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse des Beratungsunternehmens McKinsey.

Immerhin sehen die Analysten in Deutschland in den letzten zwölf Monaten auch einige Fortschritte: Demnach seien im zweiten Quartal 2022 etwa 96 Prozent der Hausarztpraxen an die Telematikinfrastruktur (TI) angeschlossen. Sie bildet die technologische Basis und soll das Zusammenwirken von Patient:innen, Arztpraxen, Krankenhäusern, Apotheken und Krankenkassen vereinfachen und verbessern. Die Apotheken seien noch einen Schritt weiter: Mit 99 Prozent (Stand: Ende Juni 2022) haben sie sich der TI praktisch flächendeckend angeschlossen. Im Vorjahr betrug der Wert noch 75 Prozent.

Deutlich schlechter ist es allerdings aktuell um die Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA) bestellt. Laut McKinsey nutzen aktuell weniger als ein Prozent der gesetzlich Versicherten die ePA. Zudem seien viele der persönlichen Akten noch „leer“. Bislang seien demnach lediglich rund 135.000 Dokumente in die ePA geladen worden. Immerhin: Mit der Allianz Krankenversicherung hat nun auch der erste private Krankenversicherer die elektronische Patientenakte eingeführt.

Allerdings sei das finanzielle Potenzial der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen mit jährlich 42 Mrd. Euro grundsätzlich aber groß. Ein Großteil dieses Potenzials mit acht Mrd. Euro entfällt dabei auf die ePA und das E-Rezept. Allerdings weise die ePA mit geschätzten sieben Mrd. Euro den mit Abstand größten potenziellen Nutzen auf. Bislang seien laut McKinsey jedoch nur rund 1,4 Mrd. Euro des finanziellen Potenzials erschlossen.

„Der Mehrwert der Digitalisierung des Gesundheitssystems erschöpft sich nicht in Effizienzen für das Gesundheitssystem. Digitale Kommunikation und digitale Gesundheitsanwendungen sollen den Gesundheitszustand von Patient:innen verbessern – einfach, schnell und bequem.“

Tobias Silberzahn, Partner im Berliner McKinsey-Büro und Mitherausgeber der Studie

Eine weitere tragende Säule soll allerdings auch das E-Rezept bilden: Bis November 2022 wurden etwa 550.000 E-Rezepte verschickt – bei etwa 760 Millionen Rezepten pro Jahr. Zudem stocke derzeit die Skalierung über den bundesweiten Rollout: So hatte sich die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein Ende August 2022 aus dem geplanten E-Rezept-Start zurückgezogen. Anfang November setzte die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) die Einführung des E-Rezepts wegen der Haltung des Bundesdatenschutzbeauftragten aus.

Insgesamt bieten laut McKinsey aber die meisten Hausarztpraxen (61 Prozent) in Deutschland mittlerweile digitale Services an. Der Großteil entfiel 2021 auf Videosprechstunden (37 Prozent) und Online-Terminvereinbarungen (21 Prozent). Insgesamt wurden im vergangenen Jahr rund 3,5 Millionen Videosprechstunden von Vertragsärzten abgerechnet. Dies entspreche einem Anstieg von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Offen bleibt, wie lange der Pandemie-Effekt noch anhält. Denn fast die Hälfte der Arztpraxen hat das Angebot im Zuge der Lockerung von Pandemiebeschränkungen reduziert“, kommentiert Laura Richter, McKinsey-Partnerin und Herausgeberin der Studie.

Autor: VW-Redaktion

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