Wirtschaft vor Umwelt und Cyber: Politiker setzen beim Klimagipfel klare Prioritäten

Niemand will die Erde retten – zumindest nicht jetzt. Bildquell: PIRO auf Pixabay.

Kaum eine Führungskraft der G20-Länder interessiert sich aktuell für Umwelt- und Cyberrisiken. Die nach wie vor relevanten Probleme werden von kurzfristigen wirtschaftlichen Bedenken überschattet. Die reichen Länder sorgen sich vor allem um die Wirtschaft, die ärmeren um die Folgen des Klimawandels. Das ist die Ausgangslage vor dem Klimagipfel in Ägypten und dem G20-Treffen in Indonesien kurz danach.

Die Auswirkungen der rasanten Inflation, Schuldenkrisen und die Krise der Lebenshaltungskosten bilden in den G20-Ländern in den kommenden beiden Jahren die größten Bedrohungen für die Geschäftstätigkeit, zeigen neue Daten des World Economic Forum laut Zurich und Marsh.  Der Übergang zu einer Netto-Null-Wirtschaft ist auf der kurzfristigen Agenda vieler Führungskräfte „zu weit nach unten gerutscht“.

Die Auswirkungen der rasanten Inflation, Schuldenkrisen und die Krise der Lebenshaltungskosten bilden in den G20-Ländern in den kommenden beiden Jahren die größten Bedrohungen für die Geschäftstätigkeit, zeigt das Executive Opinion Survey, bei der zwischen April und August 2022 mehr als 12.000 Führungskräfte aus 122 Ländern befragt wurden, werden im Vorfeld der COP27 in Ägypten und des G20-Gipfels in Indonesien Ende dieses Monats veröffentlicht.

Erhebliche Turbulenzen

Den Umfrageergebnissen zufolge dominieren die miteinander verwobenen wirtschaftlichen, geopolitischen und gesellschaftlichen Risiken die Risikolandschaft für G20-Führungskräfte, während sie sich weiterhin mit den unmittelbaren Problemen erheblicher Marktturbulenzen und sich verschärfender politischer Konflikte auseinandersetzen.

Die rasante und/oder anhaltende Inflation ist das Risiko, das in den G20-Ländern in der diesjährigen Umfrage am häufigsten genannt wurde. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) der G20-Länder nannte dies als die größte Sorge, gefolgt von Schuldenkrisen und der Krise der Lebenshaltungskosten (jeweils 21 Prozent). Zwei G20-Länder nannten eine geoökonomische Konfrontation als das größte Risiko. Andere Befragte bezeichneten die Gefahr eines staatlichen Zusammenbruchs, die mangelnde Verbreitung digitaler Dienste und digitale Ungleichheit als ihre wichtigsten Bedenken.

Die diesjährigen Ergebnisse stehen in „scharfem Kontrast“ zu den Ergebnissen von 2021, insbesondere hinsichtlich Schlüsselaspekten wie technologischen und ökologischen Risiken. Trotz des wachsenden ökologischen Drucks und zunehmender Umweltregulierung in den letzten zwölf Monaten – und unter Berücksichtigung von Anpassungen, die an der Liste der untersuchten Risiken dieses Jahr aufgrund von Veränderungen wirtschaftlicher, geopolitischer und ökologischer Trends vorgenommen wurden – rangieren Umweltfragen für die G20-Länder im diesjährigen Bericht unter den fünf wichtigsten Risiken deutlich weiter unten, verglichen mit 2021. Außerdem gehörten Cyber- und andere technologische Risiken in diesem Jahr trotz der wachsenden Bedrohung durch Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen zu den fünf am seltensten genannten Risiken.

Allgemeiner betrachtet zeigen die Ergebnisse auch deutliche regionale Unterschiede zwischen den hoch entwickelten Volkswirtschaften und den Schwellenländern. Während die Befragten in Europa, Lateinamerika und der Karibik sowie in Ostasien und im Pazifikraum die wirtschaftlichen Risiken im Zusammenhang mit einer rasanten und/oder anhaltenden Inflation als größtes Risiko bezeichneten, waren im Nahen Osten und Afrika sowie in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara gesellschaftliche Bedenken im Zusammenhang mit der Krise der Lebenshaltungskosten das beherrschende Problem. In Zentralasien und Südasien standen zwischenstaatliche Konflikte und Schuldenkrisen an erster Stelle der Bedenken.

„Wichtige technologische Risiken übersehen“

„Nach einem sprunghaften Anstieg um zwei Milliarden Tonnen im Jahr 2021 haben die weltweiten CO₂-Emissionen dieses Jahr mit etwa 300 Millionen Tonnen deutlich langsamer zugenommen. Dies ist auf die zunehmende Nutzung von erneuerbaren Energien und Elektrofahrzeugen zurückzuführen. Trotz dieser positiven Entwicklungen sind wir immer noch nicht auf dem Weg, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen“, sagt Peter Giger, Group Chief Risk Officer, Zurich Insurance Group. Der Übergang zu einer Netto-Null-Wirtschaft sei auf der kurzfristigen Agenda vieler Führungskräfte zu weit nach unten gerutscht, aber der Klimawandel hat sowohl kurzfristige als auch langfristige Folgen. „Selbst im derzeit schwierigen geopolitischen und wirtschaftlichen Umfeld müssen wir uns auf die Schaffung eines saubereren, erschwinglicheren und sichereren Energiesystems konzentrieren, wenn wir die Hoffnung auf eine Netto-Null-Zukunft in Reichweite halten wollen“, schließt Giger.

„Die wirtschaftlichen Führungskräfte der G20 konzentrieren sich zu Recht auf die unmittelbaren und dringenden wirtschaftlichen und geopolitischen Risiken, mit denen sie derzeit konfrontiert sind. Wenn sie jedoch wichtige technologische Risiken übersehen, könnte dies in Zukunft zu blinden Flecken in ihrer Wahrnehmung führen und ihre Organisationen ernsthaften Cyber-Bedrohungen aussetzen, die ihren langfristigen Erfolg schwer beeinträchtigen könnten“, ergänzt Carolina Klint, Risk Management Leader, Continental Europe, bei Marsh.

Zur Studie: Die Executive Opinion Survey wird vom Centre for the New Economy and Society des World Economic Forum durchgeführt. Marsh McLennan und Zurich Insurance Group sind Partner des Centre und der Reihe Global Risks Report.

Autor: VW-Redaktion

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