Euler Hermes: Finanzchefs fürchten sich vor Zahlungsverzögerungen

Quelle: Bild von Oliver Menyhart auf Pixabay

Die Finanzchefs fürchten sich derzeit am meisten vor verspäteten Zahlungen durch ihre Kunden. Die Sorge vor Zahlungsverzögerungen rückt sogar die Angst vor Cyberrisiken, Schwierigkeiten in den Lieferketten oder sogar rückläufige Umsätze und Profitabilität. Dies geht aus einer aktuellen Analyse von Euler Hermes unter führenden Finanzvertretern von Unternehmen in Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien hervor.

So hatte die Hälfte (51 Prozent) der befragten deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr säumige Kunden, fast ein Drittel (30 Prozent) war von Insolvenzen von Abnehmern betroffen. Dabei hat die Corona-Krise diese Furcht wohl noch verstärkt. Demnach waren in Deutschland mit rund 52 Prozent in etwa genauso viele Unternehmen von Zahlungsverzögerungen betroffen wie vor der Krise, im europäischen Schnitt waren es jedoch sogar zwei Drittel (65 Prozent) der befragten Unternehmen (vor Covid-19: 47 Prozent).

„Mehr als drei Viertel (76 Prozent) der betroffenen deutschen Unternehmen kämpft mindestens einmal pro Woche mit Zahlungsverzögerungen, mehr als ein Drittel (36 Prozent) davon täglich und jeder zehnte Finanzchef sogar mehrmals am Tag (13 Prozent). In Deutschland sind damit zwar insgesamt etwas weniger Unternehmen von Zahlungsverzögerungen durch die Covid-19-Pandemie betroffen als im europäischen Durchschnitt (52 Prozent vs. 65 Prozent), die betroffenen deutschen Firmen erleben dies dafür wesentlich häufiger (36 Prozent täglich vs. 24 Prozent in Europa).“

Ron van het Hof, Deutschlandchef von Euler Hermes

Neben Zahlungsverzögerungen sorgten sich die europäischen Finanzchefs vor Covid-19 vor allem um Insolvenzen (32 Prozent) und Cyberangriffe (30 Prozent). Nach Ausbruch der Covid-19-Pandemie zeichnet sich laut Analyse eine leichte Verschiebung der Risiken ab: Neben Zahlungsverzögerungen (65 Prozent) waren europäische Unternehmen zwischen März und Mai 2020 insbesondere von Umsatzrückgängen (61 Prozent, im Vergleich zu 25 Prozent in 2019) und geringerer Profitabilität (43 Prozent) gezeichnet.

„Zahlungsverzüge sind aber nach wie vor das größte Problem. Das ist in Verbindung mit rückläufigen Umsätzen natürlich eine große Herausforderung mit vielen Unwägbarkeiten für die Unternehmen und ihre Planungssicherheit – und die Finanzchefs. Es ist entsprechend wenig verwunderlich, dass ihr Stresslevel seit Ausbruch der Pandemie deutlich gestiegen ist. Allerdings haben sich viele auch eine große Zuversicht bewahrt, dass sie diese Krise meistern werden.“

Ron van het Hof, Deutschlandchef von Euler Hermes

Zudem schauen nur noch 42 Prozent der europäischen Finanzchefs optimistisch in die Zukunft. Zum Vergleich: Vor der Corona-Krise waren es noch 48 Prozent. 36 Prozent der Befragten sind noch zuversichtlich (vorher: 50 Prozent). Im Gegenzug ist der Anteil derer, die sich gestresst fühlen, von vorher 19 Prozent auf 32 Prozent gestiegen. Fast jeder vierte Finanzchef macht sich inzwischen sogar sehr große Sorgen 23 Prozent (vorher neun Prozent). Die deutschen Finanzchefs sind insgesamt etwas weniger optimistisch und zuversichtlich als ihre europäischen Pendants, dafür sind sie insgesamt aber auch etwas weniger gestresst oder besorgt, heißt es in der Studie „DNA of a CFO“.

Weniger Insolvenzen im Mai 2020

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Firmeninsolvenzen im Mai 2020 weiterhin rückläufig. So verzeichneten die deutschen Amtsgerichte insgesamt 1.504 Pleiten. Dies entspricht einem Rückgang von 9,9 Prozent gegenüber dem Vormonat. Die meisten Unternehmensinsolvenzen gab es im Handel, einschließlich Kfz-Werkstätten mit 247 Fällen. Unternehmen des Baugewerbes stellten 235 Insolvenzanträge. Im Bereich der freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen wurden 168 und im Gastgewerbe 164 Insolvenzanträge gemeldet. Im Schnitt waren die Betriebe allerdings größer als vor einem Jahr, denn die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger lagen mit knapp 3,1 Mrd. Euro deutlich über der Summe des Vorjahresmonats von 2,5 Mrd. Euro.

Allerdings hat sich der durchschnittliche Zahlungsverzug in Deutschland sich in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres auf 10,82 Tage erhöht – im zweiten Halbjahr des Vorjahres betrug der Verzug im Durchschnitt noch 10,69 Tage. Dies geht aus einer aktuellen Analyse der Wirtschaftsauskunftei Creditreform von rund 3,5 Millionen Rechnungsbelege aus ihrer aktuellen Debitorenbuchhaltung hervor. Mit 2.188 Euro lag der Durchschnittsbetrag der verspätet bezahlten Rechnungen außerdem um gut fünf Prozent über dem Vorjahresniveau und sogar rund 23 Prozent höher als 2016, heißt es weiter.

Die Analysten des Kreditversicherers Euler Hermes erwarten für die beiden Jahre 2020 und 2021 einen kumulierten Anstieg der weltweiten Insolvenzen um insgesamt 35 Prozent. Das wäre ein Negativrekord. In zwei von drei Ländern zeigt sich bereits jetzt ein massiver Anstieg der Pleiten, im anderen Drittel wiederum findet der stärkste Anstieg zeitversetzt erst 2021 statt.

Insgesamt dürften die Pleiten in Deutschland im Zuge der Covid-19-Pandemie in den zwei Jahren bis 2021 um insgesamt zwölf Prozent auf dann etwa 21.000 Fälle ansteigen. Der Löwenanteil dürfte mit einem Plus von acht Prozent auf 2021 entfallen. 2020 erwartet der führende Kreditversicherer einen Zuwachs der Fallzahlen um vier Prozent auf rund 19.500 Fälle.

„Erstaunlicherweise ticken die Finanzchefs von großen und kleinen Unternehmen in unterschiedlichen Branchen und unterschiedlichen Ländern sehr ähnlich und sind mit vergleichbaren Risiken konfrontiert. Nur in der Finanzbranche zeigen sich leichte Unterschiede – hier ist die Furcht vor Cyberangriffen noch größer als in anderen Branchen. Dafür machen sich die Finanzchefs von Bankinstituten etwas weniger Sorgen um Zahlungsverzögerungen und Insolvenzen – vor allem auch, weil viele ihrer Kunden andere Banken und Finanzdienstleister sind“, konstatiert Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Autor: VW-Redaktion

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