Harald Christ: „Ich werde mich weiterhin für die Versicherungsbranche einsetzen“

Harald Christ

Harald Christ, Quelle: Christ & Company

Harald Christ erhielt Zuspruch und Verständnis für seinen Ausstieg aus der SPD. Im Exklusiv-Interview mit VWheute verrät er, warum er seine aktive Zeit als Ergo-Manager nicht vermisst, wo Versicherer noch Nachholbedarf haben und wo noch Gefahren lauern: „Sorgen machen mir die Forderungen aus der Linken und Teile der SPD – wenn über Provisionsdeckel, Provisionsverbot, Abschaffung der privaten Krankenversicherung, harte Regulierung der freien Vermittler und Enteignungen debattiert wird.“

VWheute: Laut dem Vermittlerbarometer der AfW würden nur zwei Prozent der Vermittlerschaft die SPD wählen, 38 Prozent dagegen die FDP Sie hatten ja tiefen Einblick in die Partei. Ist es wirklich so schwer, wirtschaftsliberale Themen in der SPD auf die Agenda zu setzen?

Harald Christ: Mich überrascht diese Analyse nicht, ich nehme dieses Stimmungsbild seit langem wahr. Ich war 31 Jahre Mitglied der SPD und bin immer für sozialliberale Themen eingestanden nach innen und nach außen. Es war immer herausfordernd, auch aufgrund meiner unterschiedlichen Führungsaufgaben in Versicherungen und Banken. Für Menschen, die die SPD und ihre DNA nicht von innen kennen, ist es schwer zu vermitteln, worin die Komplexität liegt.

Es war nie einfach, Themen auf die Agenda zu setzen innerhalb der Partei, aber am Ende war das Verständnis der früheren handelnden Personen für einen pragmatischen Diskurs immer gegeben. In meinen letzten beiden Rollen als Mittelstandsbeauftragter der SPD sowie Vizepräsident des Wirtschaftsform der SPD e.V. und den Entwicklungen in den letzten Monaten sah ich immer weniger eine Perspektive für die Position, die ich für richtig halte. Für mich war die Kernfrage, lohnt es sich für meine politischen Inhalte zu kämpfen und erreiche ich damit etwas? Die Antwort war nein. Wenn man es kritisch sieht, bin ich damit politisch gescheitert. 

VWheute: Die vergangenen Amtszeiten der SPD-Vorsitzenden endeten fast immer vorzeitig. Bei all der Kritik an der aktuellen Doppelspitze könnte man meinen, dass das auch nicht lange gut geht. Würden Sie eventuell wieder in die SPD zurückkehren, wenn Vizekanzler Olaf Scholz den SPD-Vorsitz übernehmen würde?

Harald Christ: Zunächst einmal möchte ich festhalten, egal wer den Vorsitz hatte oder hat, ich kritisiere niemals die handelnden Personen als Menschen – sehr wohl aber die Inhalte, wenn ich es für notwendig halte. Ob ich das Vertrauen habe, in die Führung, eine Rolle auch auszufüllen. Das ist für mich ein völlig normaler Vorgang – in der Wirtschaft würde ich das auch immer tun. Die Bewertung der fachlichen und persönlichen Eignung für einen Job. Ich wünsche mir, mehr Kontinuität im Führungspersonal der SPD – auch wenn es nicht meine Kandidaten waren. Auch wünsche ich, dass die SPD wieder stärker wird, denn sie wird gebraucht und war immer ein stabiler Faktor der deutschen Demokratie.

Auch möchte ich nicht auf einer Partei rumtrampeln, die am Boden liegt. Ich habe die bewusste Entscheidung getroffen aus der SPD auszusteigen, um damit ein Zeichen zu setzen. Dafür gab es sehr viel Zuspruch und Verständnis aus der Partei heraus, aber auch von vielen Menschen, die mich kennen und meine Konsequenz schätzen. Ich habe über meine politische Zukunft noch keine Entscheidung getroffen. Es bleibt dabei was ich gesagt habe, das werde ich nach einem längeren Aufenthalt im Ausland bis Ende Januar tun. Was Olaf Scholz angeht, wünsche ich mir, dass er eine starke und wichtige Rolle innerhalb der SPD behält. Dass er auch Kanzler könnte, habe ich vor meinem Austritt gesagt und die Meinung habe ich auch nicht verändert. Wir werden sehen.

VWheute: Ende 2017 haben Sie die Ergo verlassen. Vermissen Sie nicht ihre aktive Zeit als Manager in der Wirtschaft, wo man eventuell Veränderungen in der Firma besser vorantreiben kann als auf der großen Bühne der Politik?

Harald Christ: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. In der Tat, ist es in einem Unternehmen sehr viel einfacher Veränderungen voranzubringen. Ich bringe die Erfahrung aus beiden „Welten“ mit. Bei Ergo haben wir gemeinsam mit den Kollegen unter der Führung von Dr. Markus Rieß es geschafft, das Unternehmen wieder erfolgreich auf Kurs zu bringen. Nicht wenige aus der Branche haben das für nicht möglich gehalten. Ich habe meinen Beitrag dafür geleistet, wie die erfolgreiche Entwicklung des von mir verantworteten Ressorts zeigt.

Ich bin heute noch Vorsitzender der Ergo Stiftung, die sich für jungen Menschen und Kinder engagiert, außerdem in Aufsichtsratsgremien der Ergo vertreten – ich vermisse nichts an meiner Rolle als Manager. Heute bin ich als Unternehmer dabei ein Unternehmen aufzubauen und vieles zu tun, wofür ich früher zu wenig Zeit hatte, es fordert mich und macht mir Freude.

VWheute: Sicherlich verfolgen sie noch die aktuellen Entwicklungen in der Versicherungswirtschaft. Wo hat die Branche in den vergangenen Jahren gute Fortschritte gemacht und wo kann sie noch besser werden und welche Herausforderungen sehen Sie in der Zukunft?

Harald Christ: Ich verfolge die Entwicklungen der Branche noch täglich. Es wurden in der Tat sehr gute Fortschritte gemacht und der Erfolg vieler Gesellschafter zeigt das. Die Anstrengungen rund um die Transformation und Change der Geschäftsmodelle bleibt weiterhin herausfordernd. Digitalisierung und KI mit allen Chancen und Risiken im Wettbewerbsumfeld sind unabdingbar für den langfristigen Erfolg.

Es gibt neue Wettbewerber und Anbieter, die vor ein paar Jahren noch niemand für möglich gehalten hat. Diese Entwicklung wird sich noch beschleunigen. Das ganze spielt sich in einem Szenario ab, wo wir für sehr lange Zeit davon ausgehen müssen, das die Zinsen sehr niedrig bleiben. Ich selbst berate eine Reihe von Unternehmen aktuell mit meiner Consulting-Firma und bringe meine Expertise in der Branche weiterhin ein.

Sorgen machen mir die Forderungen aus der Linken und Teile der SPD – wenn über Provisionsdeckel, Provisionsverbot, Abschaffung der privaten Krankenversicherung, harte Regulierung der freien Vermittler und Enteignungen debattiert wird. Wenn es um diese Kräfte geht, sind wir erst am Anfang der Regulierung und Verbote und nicht am Ende. Unternehmen – hört die Signale! Ich werde mich weiterhin, mit meiner ganzen Kraft für die Finanzwirtschaft und Versicherungsbranche dafür einsetzen – dass die Vernunft siegt und nicht der Ideologie des Populismus weicht. 

VWheute: Sie haben viel praktische Erfahrung im Vertrieb gesammelt. Verstehen Sie die Aufregung der Vermittler beim Thema Provisionsdeckel? Welche Auswirkungen hätte der Provisionsdeckel Ihrer Meinung nach?

Harald Christ: Ich war die längste Zeit meines beruflichen Lebens in Führungsaufgaben im Vertrieb.  Ich verstehe die Aufregung voll und ganz und teile die auch. Der Provisionsdeckel führt dazu, das viele Vermittler Ihr Geschäft nicht mehr profitabel betreiben können und somit die Versorgung nach notwendiger qualifizierter Beratung in der privaten Altersversorgung sicher nicht besser wird. Ich verstehe insoweit aber auch die Politik und den Verbraucherschutz, es gab Fehlsteuerung und vereinzelt sicher daraus resultierend auch Entwicklungen, die man kritisieren muss.

Ich appelliere an die Politik gemeinsam mit der Versicherungsbranche nach Lösungen zu suchen, die beiden Aspekten gerecht wird. Der Versicherungsbranche empfehle ich, vor die Welle zu kommen, das soll heißen, eigene Vorschläge zu machen die für die Zukunft die Existenz der Vertriebe sichert und vor allem die Zukunftsängste nimmt. 

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur David Gorr.

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