„Die zu erwartende Intensität durch KI wird die Entwicklungen der vergangenen 80 Jahre in den Schatten stellen“
Branchenkenner Ferdinand Graf Wolff Metternich. Bildquelle: privat
Es gehörte Mut und Optimismus dazu, ein Jahr nach dem totalen Zusammenbruch in Deutschland einen Fachverlag und eine Zeitschrift für die Versicherungsbranche zu gründen, schreibt Ferdinand Graf Wolff Metternich, Branchenkenner und Geschäftsführer des Verlags Versicherungswirtschaft, anlässlich des 80-jährigen Jubiläums der Versicherungswirtschaft. Als 1946 die ersten Hefte der Zeitschrift erscheinen, stand die Branche vor dem Nichts. Kriegsschäden, Hunger und Flüchtlingselend, die sich abzeichnende Teilung des Landes und die Unsicherheit über die Zukunft: Die klassischen Versprechen der Versicherung – Stabilität, Berechenbarkeit, langfristige Vorsorge – waren durch eine Realität radikaler Unsicherheit ersetzt. Auch jetzt und in Zukunft agiert die Branche in einem bewegten Marktumfeld.
Alex Möller, gelernter Journalist und Vorstandsvorsitzender der Karlsruher Versicherung, hatte beides, und daher hat die Versicherungswirtschaft ihm dieses führende Branchenmedium zu verdanken. Als 1946 die ersten Hefte der Versicherungswirtschaft erscheinen, steht die Branche vor dem Nichts. Kriegsschäden, Hunger und Flüchtlingselend, die sich abzeichnende Teilung des Landes und die Unsicherheit über die Zukunft: Die klassischen Versprechen der Versicherung – Stabilität, Berechenbarkeit, langfristige Vorsorge – waren durch eine Realität radikaler Unsicherheit ersetzt.
Neuaufbau und Wirtschaftswunder
Die Versicherungswirtschaft fasst erstaunlich schnell wieder Tritt. In der Schadens- und Sachversicherung dominieren zunächst die existenziellen Risiken des Wiederaufbaus. Feuerversicherung, Sturm, Transport, bald auch die Kfz-Versicherung. Versicherung ist die Voraussetzung dafür, dass Industrieanlagen wieder errichtet und Wohnhäuser finanziert werden können. Die Zeitschrift dokumentiert die Neuordnung der Feuerversicherung und die Ausgestaltung des jungen Kfz-Marktes in enger Verbindung mit Aufsicht und Verbänden. Die Lebensversicherung kämpft mit der Vergangenheit: alte Verträge in einer untergegangenen Währung, das Problem ihrer Umstellung und die Frage, wie man langfristige Leistungsversprechen in einer fragilen ökonomischen Umgebung neu begründen kann. Es entstehen wieder kapitalbildende Produkte, die am wachsenden Einkommen der Bevölkerung anknüpfen. Die Zeitschrift Versicherungswirtschaft berichtet über Umwertungsfragen, Höchstrechnungszins und das Ringen um Vertrauen in ein Produkt, dessen Wirkung sich erst nach Jahrzehnten zeigt. Sie fungiert als branchenweite Verständigungsplattform. Hier werden Begriffe geschärft, technische Fragen diskutiert und wieder professioneller Austausch vorgenommen.
Wiedervereinigung, Deregulierung und die Entdeckung des Wettbewerbs
In den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts kann die Versicherung auf beeindruckendes Wachstum zurückschauen, zeitweise wuchs die Branche doppelt so schnell wie die Gesamtwirtschaft. Dies alles spielte sich in einem streng regulierten Umfeld ab, jeder neue Tarif musste genehmigt werden, die Produkte der einzelnen Anbieter waren ähnlich und austauschbar. Eine Herausforderung stellte sich mit der deutschen Wiedervereinigung. Die Menschen in den neuen Bundesländern werden mit den Versicherungskonzepten des Westens konfrontiert, die sich ergebenden Wachstumsmöglichkeiten werden mit manchmal fragwürdigen Methoden genutzt. Es geht um die Integration ostdeutscher Bestände, Sanierung, Produktangleichung und Vertriebsaufbau in den neuen Bundesländern. Die Zeitschrift dokumentiert diese Prozesse, beschreibt die Rolle großer Häuser bei der Übernahme der DDR-Versicherer und gibt den betroffenen Praktikern eine Plattform zum Austausch.
Eine tiefgreifende Veränderung erlebte die Branche mit dem dritten Gesetz zur Durchführung versicherungsrechtlicher Richtlinien der Europäischen Union im Jahre 1994. Es bewirke eine umfassende und tiefgehende Deregulierung. Vorabgenehmigungen für Versicherungsbedingungen und Prämien in wesentlichen Sparten werden weitgehend abgeschafft. Dies bedeutet den Einstieg in wirklichen Wettbewerb. Vor allem die Kfz-Versicherung verwandelt sich in ein Labor für Preiskonkurrenz und risikodifferenzierte Tarifierung. Begleitet wird dies von Veränderungen im Vertrieb. Die Gründung von Direktversicherungen erlaubt, am konventionellen Außendienst vorbei, Geschäft zu akquirieren, die Gründung des Vergleichsportals Check24 verändert die Neugeschäftsmarktanteile vor allem in der Kfz-Versicherung nachhaltig. Kosten- und Ertragssteuerung gewinnen im zunehmenden Wettbewerb an Bedeutung. Die Lebensversicherung erlebt Deregulierung und Zinsentwicklung als zweischneidiges Schwert. Die neuen Rahmenbedingungen ermöglichen eine größere Produktvielfalt, fondsgebundene Policen, unterschiedliche Garantieniveaus, und später staatlich geförderte Varianten wie die Riester-Rente. Es wächst aber auch die Abhängigkeit vom Kapitalmarkt und die Frage, wie viel Sicherheit die Kunden tatsächlich erwarten und bezahlen können. In der Zeitschrift werden die Vor- und Nachteile der durch den neuen Wettbewerb entstehenden Vielfalt intensiv beschrieben. Sie wird zum Forum, in dem Aktuare, Underwriter und Juristen die neuen Freiheiten ausloten, aber auch die Risiken eines überzogenen Wettbewerbs diskutieren.
Digitalisierung, Niedrigzins, Solvency II und Krisen des Geschäftsmodells
Zu Beginn des neuen Jahrtausends beschleunigt sich der bereits eingeleitete Trend der Digitalisierung. Umfassendes Internet, mobile Kommunikation, neue Medien, diese Trends verändern die Gesellschaft und mit ihr auch die Versicherungswirtschaft. Digitalisierung bringt umfassende Transparenz. Vergleichsportale machen Preise und Bedingungen sichtbar, Prozesse werden automatisiert, Antrags- und Schadenprozesse zunehmend „dunkel“ abgewickelt. Telematik-Tarife eröffnen neue Formen risikoadäquater Bepreisung, verursachen aber auch heikle Datenschutz- und Akzeptanzfragen.
Die Lebensversicherung wird zur Hauptleidtragenden der anhaltenden Niedrigzinsphase. Der Höchstrechnungszins sinkt, laufende Garantien geraten unter Druck, die Zinszusatzreserve belastet die Bilanzen bis zur Existenzgefährdung einzelner Anbieter. Die Zeitschrift begleitet umfassend und intensiv den notwendigen Umbau: Verschiebung zu fondsgebundenen und hybriden Produkten, die Diskussionen über die Zukunft der klassischen Police, die zunehmende Fokussierung auf biometrische Risiken. Viele Anbieter entscheiden sich, aus den klassischen Produkten auszusteigen, auch in Deutschland entsteht der schon aus dem angelsächsischen Raum bekannte Markt für Bestandsverkäufe und Bestandsabwicklung. Über allen Sparten steht die Einführung von Solvency II als neues Aufsichtsregime. Risikobasierte Kapitalanforderungen und die damit verbundenen Regeln zwingen zu besserer Risikoerfassung und Risikosteuerung und stellen die Branche vor neue Herausforderungen. Dynamik und Veränderung gehen auch an der Zeitschrift nicht vorbei. 2020 werden Layout und Auftritt modernisiert, die in die Jahre gekommene orange Versicherungswirtschaft wandelt sich zu einem attraktiven Magazin, bereits seit 2013 ergänzt ein täglicher Newsletter mit hoher Aktualität das Programm.
KI und die Frage nach der Zukunft
Das aktuelle Jahrzehnt war zu Beginn mit der Pandemie durch ein so nicht gekanntes weltweites Krisenphänomen gekennzeichnet. Die Versicherungsbranche hat dies durch weitere Digitalisierung und Home-Office gut gemeistert. Ob das mit dem aktuellen, die Gesellschaft grundlegend verändernden Trend der KI ebenfalls gelingt, muss sie noch beweisen. KI verändert die Geschäftsprozesse in den Sparten und im Vertrieb in einer bisher nicht gekannten Radikalität und Geschwindigkeit. KI wird umfassende Rationalisierungspotenziale im Prozessmanagement freisetzen und über eine weitere Zunahme von Transparenz die Kundenschnittstelle neu definieren, eventuell so weit, dass Versicherer diese an den KI-Anbieter verlieren. Der Vertrieb wird hier beweisen müssen, ob das persönliche Verhältnis zum Kunden stabil und das Leistungsangebot attraktiv genug ist, um hier gegenzuhalten.
Die zu erwartende Intensität und Geschwindigkeit der durch KI induzierten Veränderungen wird die Entwicklungen der vergangenen 80 Jahre in den Schatten stellen. Begleitet wird dies durch die Herausforderungen, die der Klimawandel in der Schadens- und Sachversicherung mit sich bringen wird, und die Chancen und Risiken, die die Neuordnung der geförderten Altersvorsorge für die Lebensversicherung beinhalten. Unsere Zeitschrift wird auch hier zukünftig Begleiter, Plattform für intellektuellen Austausch, Wissensvermittlung und Meinungsbühne sein. So wie die Versicherung sich verändert hat, haben wir uns verändert und schauen optimistisch für die Branche und uns auf die kommenden 80 Jahre gemeinsamer Entwicklung und Veränderung.
Autor: Dr. Ferdinand Graf Wolff Metternich, Branchenkenner und Senior Advisor Oliver Wyman. Zum 1. Juli gibt Metternich die Geschäftsführung im Verlag Versicherungswirtschaft an den langjährigen Strategieberater Christian Schareck ab (VWheute berichtete).
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