Munich-Re-Chef Jurecka: Grenzen der Versicherbarkeit erweitern

Christoph Jurecka, CEO Munich Re (Bildquelle: Munich Re)

Der Startschuss für Christoph Jureckas Amtszeit fällt in eine Ära der Unsicherheit. „Wir befinden uns als Gesellschaft in einem von Krisen sowie von einem tiefen Wandel geprägten Umfeld“, konstatiert der Munich-Re-Chef im Interview mit der FAZ. Dabei sieht er den Nahostkonflikt und den Irankrieg als „jüngsten Kulminationspunkt“ einer gefährlichen Geopolitik. Doch es sind nicht nur die Kriege, die das Geschäft beeinflussen. Auch die Verschiebung wirtschaftlicher Kräfteverhältnisse, der Klimawandel und der demografische Wandel bilden ein komplexes Risikogeflecht. Künstliche Intelligenz werde dazu führen, „dass wir in einigen Jahren ganz anders auf die Welt blicken werden als heute“, sagt Jurecka.

Trotz des jüngsten Preisanstiegs bei fossilen Energieträgern mahnt der CEO zur Vorsicht bei schnellen politischen Urteilen, betont jedoch die Notwendigkeit des Risikomanagements: „Mit Blick auf den Klimawandel ist der Ausbau erneuerbarer Energien in jedem Fall angezeigt.“ Kritisch äußert er sich zum Entlastungspaket der Bundesregierung. Zwar sei Handeln gut, doch „das Inflationsproblem wird mit der Umverteilung der Lasten nicht gelöst.“ Jurecka warnt davor, dass zeitversetzte Preisschübe auch die Schadenkosten der Versicherer belasten werden.

Der Rückversicherer hat das Geschäftsjahr 2025 mit einem Konzernergebnis von 6,1 Mrd. Euro abgeschlossen und das ursprünglich ausgegebene Ziel von sechs Mrd. Euro übertroffen. Es war das fünfte Jahr in Folge, in dem der Rückversicherer die eigene Gewinnprognose übererfüllt. Im vierten Quartal belief sich das Ergebnis auf 945 Millionen Euro nach 1,07 Mrd. Euro im Vorjahreszeitraum. Das Herzstück der Munich Re bleibt die Rückversicherung. Hier erwartet der Konzern für 2026 ein Segmentergebnis von 5,4 Milliarden Euro, VWheute berichtete.

In der Schaden-Rückversicherung sieht der Manager nach Jahren hoher Preise Ermüdungserscheinungen im Markt. „Wir kommen von einem sehr guten Preisniveau. Nun haben wir in den beiden letzten Erneuerungsrunden moderatere Preise gesehen“, erklärt Jurecka die aktuelle Marktlage. Ein Grund dafür war ein vergleichsweise mildes Naturkatastrophenjahr 2025, in dem schwere Wirbelstürme das Festland verschonten.

Um sich von diesen „Zufallsschwankungen“ unabhängiger zu machen, forciert Jurecka die Strategie „Ambition 2030“. Das Ziel ist eine Neugewichtung des Portfolios: Bis 2030 soll der Ergebnisbeitrag der Schaden-Rückversicherung von 50 auf 40 Prozent sinken. Im Gegenzug sollen der Erstversicherer Ergo, die Spezialversicherungen und die Leben-Rückversicherung auf 60 Prozent wachsen. „Die Schaden-Rückversicherung bleibt unser Rückgrat, aber mit dem Erstversicherer Ergo, der Spezialversicherung und der Leben-Rückversicherung können wir unser Ergebnis stabilisieren“, so der CEO.

Vor allem bei der Tochter Ergo zeigt sich, wie der technologische Wandel die Konzernstruktur verändert. Rund 1.000 Stellen sollen dort bis 2030 wegfallen. Jurecka betont dabei die soziale Verträglichkeit durch natürliche Fluktuation und Umschulungen. Während in der Erstversicherung die Effizienz im Vordergrund steht, soll KI in der Rückversicherung die „Effektivität“ steigern, also die Zeichnung von Risiken präziser machen.

Vor einer weiteren Internationalisierung der Verwaltung schreckt Jurecka nicht zurück. Frei werdende Stellen könnten künftig nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen oder Indien nachbesetzt werden.

Mit Blick auf Deutschland erklärt Jurecka weiter: „Man sollte – gerade auch in Wirtschaftsfragen – langfristig nie gegen Deutschland wetten.“ Er fordert jedoch bessere Rahmenbedingungen, wie eine konsequente europäische Kapitalmarktunion und einen drastischen Bürokratieabbau.

Vor der anstehenden Hauptversammlung am 29. April positioniert Jurecka die Munich Re gegenüber der FAZ als „Immunsystem der Gesellschaft“. Er wehrt sich gegen das Narrativ, Versicherer würden sich nur aus Risiken zurückziehen. Vielmehr gehe es darum, die Grenzen beständig zu erweitern, etwa bei Satelliten, Cyberrisiken oder der Langlebigkeit. Letztere bereitet ihm mit Blick auf die deutsche Rentenreform Sorgen: „Durch den Verzicht auf die Anforderung lebenslanger Rentenzahlungen wird die deutsche Bevölkerung in der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge mit diesem Risiko allein gelassen.“

Beim Thema Elementarschäden drängt Jurecka auf Tempo und private Eigenverantwortung. Er plädiert für risikoorientierte Preise, auch wenn das Bauen in gefährdeten Gebieten dadurch teuer wird: „Nur so wird rationales Handeln erreicht.“ Das Ziel sei klar: Man wolle verhindern, dass bei der nächsten Flut erneut Politiker in Gummistiefeln Steuergelder versprechen müssen, statt auf funktionierende Versicherungslösungen zurückzugreifen.

Autor: VW-Redaktion