Die Transparenz-Lücke: Versicherer zwischen Daten-Silos und neuen ESG-Pflichten
Im ESG-Ranking punkten nicht nur große Versicherer. Quelle: Bild von 政徳 吉田 auf Pixabay
Nachhaltigkeitsberichterstattung wird oft als bürokratisches Monster wahrgenommen – doch sie ist die neue Kernintelligenz der Assekuranz. Wer heute noch mit manuellen Tabellen und Datensilos kämpft, verpasst den Anschluss an die risikoadäquate Bepreisung. KI-gestützte Plattformen schlagen nun die Brücke zwischen bloßer Compliance und echtem Erkenntnisgewinn. Ein Gastbeitrag.
Versicherer stützen sich seit jeher auf Daten, um Risiken zu bewerten. Doch mit der zunehmenden Dynamik globaler Entwicklungen verändern sich auch die Grundlagen der Risikoeinschätzung kontinuierlich. Klassische Tabellen und versicherungsmathematische Modelle, die lange Zeit eine verlässliche Basis für die Prämienkalkulation boten, bilden die Realität heute nicht mehr vollständig ab. Neben traditionellen Kennzahlen wie Marktdaten und Schadensquoten gewinnen neue Einflussfaktoren deutlich an Bedeutung – etwa Klimaveränderungen oder Störungen in globalen Lieferketten.
Die Vorschriften zur Nachhaltigkeitsberichterstattung haben maßgeblich dazu beigetragen, diesen Wandel im Risikoverständnis zu beschleunigen. Rahmenwerke wie die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), Vorschriften zur Sorgfaltspflicht in der Lieferkette wie SCDDD und EUDR oder Anforderungen aus der EU-Taxonomie bis hin zur Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) machen deutlich, wie bedeutend Nachhaltigkeitsdaten für das Risikoverständnis sind. Was also müssen Versicherer über diese neue Ära und die Nachhaltigkeitsberichterstattung wissen? Und wie gut sind Unternehmen darauf vorbereitet?
Die Bereitschaftslücke
Die Realität jedoch zeigt, dass viele Unternehmen noch nicht in der Lage sind, die neuen Berichtspflichten zu erfüllen. Laut Untersuchungen von Sphera bestätigen 46 Prozent der befragten Unternehmen, dass sie auf die Nachhaltigkeitsberichterstattung gemäß den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) unzureichend vorbereitet sind.
Für Versicherer stellt dieser Mangel an Bereitschaft ein Risiko dar. Ohne glaubwürdige Nachhaltigkeitsdaten wird es zunehmend schwierig, die Zuverlässigkeit der Angaben von Kunden oder deren Risiken einzuschätzen. Mit anderen Worten: Von Versicherern wird verlangt, Risiken zu bepreisen, die sie nicht mehr vollständig erkennen können. Dieser Mangel an Transparenz trifft den wunden Punkt der Branche.
Die zunehmend sinkende Transparenz kommt zu einem Zeitpunkt, an dem das allgemeine Risikoumfeld fragiler ist als je zuvor. Klimamuster verändern sich schneller, als historische Modelle sich anpassen können. Lieferketten sind durch Handelskonflikte anfälliger geworden, und die finanziellen Auswirkungen sind schwerer zu quantifizieren. In diesem Umfeld bieten glaubwürdige Nachhaltigkeitsdaten den Versicherern einen messbaren Einblick in die tatsächliche Risikolage eines Unternehmens.
Die Nachhaltigkeitsberichterstattung geht weit über die Emissionsberechnung hinaus. Sie zeigt, wie Unternehmen Energieverbrauch, Ressourceneffizienz, Arbeitsbedingungen und Governance managen. Diese Faktoren geben Auskunft darüber, wie die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen gegenüber Störungen tatsächlich ist. Ein Hersteller mit hoher Energieabhängigkeit beispielsweise ist anfälliger für massive Änderungen durch eine CO₂-Bepreisung. Ein Unternehmen mit geringer Kontrolle über seine Zulieferer sieht sich höheren operativen und reputationsbezogenen Risiken ausgesetzt. Genau diese Schwachstellen bringen Nachhaltigkeitsdaten ans Licht.
Für Versicherer ist diese Transparenz von unschätzbarem Wert. Sie macht abstrakte Konzepte wie „Resilienz“ zu quantifizierbaren Indikatoren, die die Zeichnung und langfristige Kapitalplanung unterstützen. In einer Welt voller Volatilität ist die Fähigkeit, wichtige Teile des Gesamtbilds messen und vergleichen zu können, zu einem maßgeblichen Vorteil geworden.
Die Hürden effektiver Berichterstattung
Viele Versicherer und ihre Kunden kämpfen jedoch mit denselben systemischen Herausforderungen. Nachhaltigkeitsdaten sind oft in Silos über diverse Systeme und Abteilungen hinweg verteilt, was es nahezu unmöglich macht, ein konsistentes Leistungsbild zu erstellen. Manuelle Prozesse schaffen eine weitere Hürde. Tabellen und statische Vorlagen sind für das Tempo und den Umfang moderner Berichtspflichten ungeeignet. Jede regulatorische Aktualisierung erfordert neue Datenerhebungen und Analysen, was die Ressourcen belastet und die Wahrscheinlichkeit von Fehlern und Inkonsistenzen erhöht.
Zudem sind die Verantwortlichkeiten oft noch unklar. ESG-, Finanz- und Risikoteams arbeiten häufig parallel und ohne klare Zuständigkeit für die Nachhaltigkeitsdaten. Das Ergebnis: Doppelarbeit, Unstimmigkeiten und verpasste Chancen für Erkenntnisse. Und selbst wenn interne Daten gut verwaltet sind, bleibt die Lieferkette oft ein nebulöses Gebilde, da die Transparenz nur selten über die direkten Geschäftspartner hinausgeht.
Diese Herausforderungen gestalten die Nachhaltigkeitsberichterstattung komplex und schwer skalierbar. Sie zeigen aber auch, wo Technologie den größten Unterschied machen kann.
Vom Informations- zum Intelligenzgewinn
Moderne, KI-gestützte Nachhaltigkeitsplattformen ermöglichen es heute, Informationen organisationsweit zu konsolidieren und zu verifizieren, um eine integrierte, prüfungssichere Sicht auf die Leistung zu schaffen. Durch die Verknüpfung operativer und lieferkettenbezogener Daten können Versicherer Compliance-Anforderungen in aussagekräftige Erkenntnisse über Exposition und Resilienz übersetzen. Automatisierung verringert zudem die Belastung in der Datenerfassung und ermöglicht es Versicherern, weniger Zeit mit Formularen und mehr Zeit mit Analyse zu verbringen. Wenn Nachhaltigkeitsdaten nahtlos durch Unternehmenssysteme fließen, werden sie handlungsrelevant. Sie ermöglichen es Versicherern, klimabezogene Risiken früher zu erkennen, ihre Relevanz zu bewerten und Strategien anzupassen, bevor diese Risiken zu kostspieligen Realitäten werden.
Langfristiger Vorteil durch Nachhaltigkeit
Die nächste Phase der Nachhaltigkeitsberichterstattung wird in der Versicherungsbranche davon geprägt sein, wie effektiv der Übergang von bloßer Datensammlung zu datengestützten Entscheidungen gemeistert wird. Ziel ist es nicht, mehr Daten zu produzieren und zu sammeln, sondern mehr Bedeutung aus den existierenden Informationen zu gewinnen. Das bedeutet, jene Nachhaltigkeitsindikatoren zu identifizieren, die tatsächlich mit Risiko korrelieren, sowie gleichzeitig jene, die Chancen signalisieren. Dieser Schritt erfordert ein neues Denken über die eigene Resilienz. Mit der Weiterentwicklung der Berichtsrahmen steigen auch die Erwartungen von Investoren und Aufsichtsbehörden. Versicherer, die glaubwürdige Nachhaltigkeitsdaten nachweislich in ihre Entscheidungsprozesse integrieren, werden sowohl beim Vertrauen als auch bei der finanziellen Stabilität im Vorteil sein.
Nachhaltigkeit und finanzielle Stärke sind miteinander verflochtene Indikatoren für Stabilität. Versicherer, die Nachhaltigkeitsberichterstattung als Bestandteil ihrer Kernintelligenz begreifen, haben die Chance, die Risiken in einer hoch veränderlichen Welt besser zu verstehen und zu managen.
Autor: Stefan Premer, Director, Sustainability Consulting bei Sphera

