Ehrgeizige Klimawandel-Strategien von Versicherern unter Beschuss

Die Strategien der Versicherer gegen den Klimawandel stoßen nicht nur auf Zustimmung. Quelle: Bild von cocoparisienne auf Pixabay

Die Bemühungen und Maßnahmen der Assekuranz zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels stoßen bei der versicherungsnehmenden Wirtschaft teils auf harsche Kritik. Angesichts “deutlich zunehmender” Eigentragung von Risiko bestimmter Branchen diskutierte der Gesamtverband der versicherungsnehmenden Wirtschaft e.V. (GVNW) am Donnerstag auf dem jährlichen Symposium, ob die Nachhaltigkeit das Ende des Transfers sei. “Erlaubte und sogar systemrelevante Geschäftsmodelle müssen auch weiterhin Versicherungsschutz erhalten”, forderte GVNW-Vorsitzender Alexander Mahnke.

Für die Industrie sei es ein nicht unerhebliches Risiko, dass Versicherer sich aus ihrer Ansicht nach von “nicht-nachhaltigen” Industrien verabschiedeten und dort dann kein oder nur noch eingeschränkter Risikotransfer erhältlich sei, kritisierte Mahnke. “Wenn z.B. Energieversorger aufgrund staatlicher Vorgaben aus Kohlekraft derzeit noch nicht bzw. nicht vollständig aussteigen dürfen, obwohl sie dies im Übrigen aufgrund fehlender Rentabilität lieber heute als morgen täten, kann das Versagen von Versicherungsschutz denkmöglich sogar den Energiewandel gefährden”, sagte er. Damit spielt er auf Underwriting-Richtlinien an, die über gesetzliche Vorgaben hinaus gehen.

“Wir schauen uns individuell die Kunden an und schließen nicht nach KPIs aus”, sagte Petra Riga-Müller, Vorständin der Zurich Beteiligungs-AG. Die Zurich hat angekündigt, Firmen auszuschließen, die 30 Prozent ihrer Erträge durch die Förderung von Kohle, Ölsanden und Ölschiefer erwirtschaften oder mehr als 20 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr fördern, ebenso wie mit solchen, die mehr als 30 Prozent ihres Stroms mit Kohle produzieren. Weltweit habe die Zurich-Gruppe 268 Firmenkunden identifiziert. Dabei habe man sich von keinem deutschen Unternehmen als Kunden getrennt, so Riga-Müller, die den deutschen Kunden ein hohes Maß an Sensibilität für das Thema bescheinigte. Kunden, die wissensbasierte Klimapläne hätten, würden unterstützt und begleitet, versprach sie.  Man führe Dialoge. Neue Kohleminen oder Kohle-Kraftwerke würden aber nicht mehr versichert.

Ähnlich äußerte sich Jürgen Kurth, Head of P&C Underwriting Risk Management der Axa XL. “Ob sich ein Unternehmen in die richtige Richtung entwickelt, lässt sich nicht auf Basis von Geschäftsberichten beurteilen.” Besser sei es, beispielsweise Investitionen in den Transformationsprozess zu messen.  Versicherer sollten auch keine Vorschriften machen, sondern Vorschläge, so Kurth auf eine Frage, ob neue Containerschiffe überhaupt noch versichert würden.

Dieses “Impact-Underwriting” bereitet Patrick Fiedler, Senior Vice President Corporate Insurance der BASF SE, “Sorge, da es den Transformationsprozess eher behindert”. Als Beispiel führte er die Methanpyrolyse an, bei der aus Erdgas ohne CO2-Emission klimafreundlicher Wasserstoff werde. In den Zeichnungsrichtlinien werde Erdgas aber wegen der Treibhausgas-Emissionen bei der Verbrennung sanktioniert. Auch Kupferminen sähen die Versicherer kritisch, obwohl sie ein wichtiger Bestandteil von Windrädern seien.

Statt Ausschlüssen fordert Mahnke eine positive Incentivierung . “Ich würde es begrüßen, wenn die Assekuranz neue Techniken aggressiver mit Versicherungsschutz versorgen würde. Das sehen wir derzeit nicht.” Die ESG-Kriterien werden nach Einschätzung von Kai Büchter, Chief Executive Officer D-A-CH bei Aon, als “Feigenblatt” missbraucht, um schwere Risiken nicht zu versichern. Als Beispiele für schwierig zu versichernde Themen nannte er unter anderem Recycling und die Holzwirtschaft. Die Assekuranz müsse sich mit der Technik auseinandersetzen. Stattdessen seien die Tarifklassen mit Ausschlüssen immer länger geworden. “Das ist scheinheilig”, so Büchter.

Versicherer hätten auch einen “großen Hebel” bei der nachhaltigen Schadenregulierung, so Riga-Müller. Natürlich könne man auch Kunden unterstützen, Schäden nachhaltig zu beheben. Teilweise sei dies schon in den Bedingungen geregelt, “aber noch nicht über das ganze Portfolio”.

Autorin: Monika Lier

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