„Chance-Risiko-Portfolio“: Kapitalanlagen in Zeiten des Niedrigzinses

Deutsche Börse Frankfurt. Bildquelle: Deutsche Börse

Im Gründungsjahr des Verlags Versicherungswirtschaft 1946 befand sich die globale Zinsentwicklung in einer Aufwärtsbewegung, die allerdings für die gesamte Wirtschaftsgeschichte nicht repräsentativ ist: Die Geschichte des Zinses reicht weit in die babylonische Zeit zurück. Von Roland Oppermann und Peter-Henrik Blum-Barth.

Bereits im 18. Jahrhundert vor Christus finden sich erste Belege für Kreditbeziehungen und Zins: Um Wucher zu verhindern, gab es eine gesetzliche Zinsobergrenze für das Ausleihen von Getreide 33 1/3 Prozent und für Silber 20 Prozent. Die Einführung von Münzgeld um circa 630 v. Chr. führte zu einer explosionsartigen Steigerung der Funktionalität von Geld als allgemein akzeptiertes Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel sowie als standardisierte Recheneinheit. Infolgedessen sanken die Zinssätze auf zwischen sechs und 18 Prozent.

Im 13. Jahrhundert wurden in der Lombardei die ersten Banken gegründet. Auf Bankdepositen wurden Zinsen von vier bis zehn Prozent entrichtet. Mit Amsterdam sind auch die wichtigsten Finanzinnovationen des 17. Jahrhunderts verbunden: die erste Publikums-Aktiengesellschaft, die Bedeckung der Depositen sowie die Konsolidierung und Handelbarkeit der holländischen Staatsschuld. Der Zinssatz fiel von zehn auf vier Prozent. Im Laufe der industriellen Revolution sanken die Langfristzinsen in Westeuropa auf 2,0 bis 3,5 Prozent. Denn freier Waren- und Kapitalverkehr, Standardisierung von Kreditbeziehungen und Kapitalmarktmechanismen wirken auf das langfristige Zinsniveau begrenzend. Mit den beiden Weltkriegen und dem Übergang vom metallisch basierten Geldstandard zum Papiergeld wurde die Entwicklung sinkender Zinsen unterbrochen und erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs in den 1990ern wieder aufgenommen.

Die Corona-Pandemie führt zu einer Verschiebung der Branchenattraktivität bei Eigenkapital- sowie Fremdkapitalinvestments. Folglich muss jeder institutionelle Investor sich kurzfristig einer ganzheitlichen Analyse seiner Portfoliokonstruktion – beginnend beim verwendeten Benchmark-Konzept – stellen. Zu beobachten sind auch langfristige Folgen, die von Megatrends, vor allem Demografie und Klimawandel, überlagert werden. Während die demografische Entwicklung tendenziell einen Entsparprozess und damit eine Verknappung von privatem Investitionskapital erwarten ließe, bedarf es enormer Infrastrukturinvestitionen zur Bewältigung des Klimawandels und der Digitalisierung. Gleichzeitig wird es aber zur Konsolidierung der Staatshaushalte kommen müssen, um die Ausgaben für die Krisenbewältigung zu refinanzieren.

Ein klimaneutraler Umbau der Volkswirtschaft allein wird daher zwar notwendig, aber nicht hinreichend sein, um unseren Wohlstand auch nur auf dem aktuellen Niveau halten zu können. Vielmehr ist ein auf Innovation basierendes, langfristiges Potenzialwachstum erforderlich. Die Assekuranz als größter Langfristinvestor ist geradezu prädestiniert, als marktwirtschaftlicher Finanzierungspartner des Staates den klimaneutralen Umbau der Volkswirtschaft über Green Bonds sowie Infrastrukturfinanzierungen im Einklang mit ihrer treuhänderischen Verpflichtung gegenüber den Versicherungsnehmern zu befördern.

Autoren: Roland Oppermann, Finanzvorstand, und Peter-Henrik Blum-Barth, Abteilungsdirektor Kapitalanlage Liquide Assets – beide SV SparkassenVersicherung

Mehr lesen Sie in unserem Jubiläums-Spezial 75 Jahre Versicherungswirtschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

9 − vier =