Deutschlands Handelsüberschuss als Grund für die Mini-Zinsen?

Mini-Zinsen für immer? Bild von Olya Adamovich auf Pixabay

Versicherungs-CEO und ehemaliger Draghi-Vertrauter, wie passt das zusammen? Bei Christian Thimann, CEO der Athora-Gruppe funktioniert es. In einem aktuellen Interview hat er über Minuszinsen, die Gründe für Deutschlands Unbeliebtheit in Europa und eine „handfeste Vorsorgekrise“ gesprochen.

Insbesondere die deutsche Versicherungslandschaft stöhnt unter den Mini-Zinsen. Der Schuldige ist stets Mario Draghi, (noch) Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Doch so einfach ist die Sache nicht, wie der ehemalige Notenbanker Thimann im Handelsblatt erklärt. Die zuletzt verabschiedeten Beschlüsse, Zinssenkungen und Anleihekäufe, könnten nur verstanden werden, wenn klar werde, wie verbittert die Handelsüberschüsse Deutschlands im Ausland gesehen würden, erklärt Thimann.

Er bezeichnet den Beschluss der EZB als Entscheidung mit großer gesellschaftspolitischer Tragweite. Es gehe darum, die kreditfinanzierte Nachfrage mit „aller Kraft voranzutreiben“. Das stehe im Gegensatz zu Gesellschaften wie Deutschland, die stark auf private Vorsorge ausgerichtet seien. Die negativen Zinsen würden laut dem Athora Chef das deutsche Sozialmodell verletzen, auf Deutschland komme eine „handfeste Vorsorgekrise“ zu.

In anderen Ländern müssten die Bürger nicht so viel privat vorsorgen, da die Rentenansprüche höher wären. Hierzulande würde ein Rentner etwa 50 Prozent des letzten Nettoeinkommens der letzten Jahre bekommen, in Frankreich 75 Prozent in Spanien 80 Prozent mehr und in Italien noch mehr.

Das erklärt, warum die Niedrigzinsen andere Länder nicht so stark belasten. Viele EU-Partner würden nicht verstehen, warum Deutschland als reiches Land so „geringe Leistungsversprechen“ herausgebe.