Montagskolumne mit Florian Karle: „Wir dürfen der KI nicht blind vertrauen“
Südvers-Chef Florian Karle (Bildquelle: Südvers)
„To be ahead of the plane“ – Dieser Leitsatz aus der Fliegerei lässt sich perfekt auf den Umgang mit künstlicher Intelligenz übertragen. Doch wer steuert hier eigentlich wen? Als passionierter Pilot und überzeugter KI-Befürworter ist Südvers-Chef Florian Karle sicher: Je smarter die Maschinen werden, desto wichtiger wird menschliche Expertise – von der professionellen Steuerung über das Einordnen von Wissen bis hin zu echter Persönlichkeit. Wie wir als Mensch-Maschine-Team die Oberhand behalten, lesen Sie in der VWheute-Montagskolumne.
Als passionierter Pilot denke ich bei diesem Thema gerne an einen wichtigen Leitsatz aus der Fliegerszene: „To be ahead of the plane“. Dieses zentrale Konzept in der Luftfahrt bedeutet, vorauszusehen, was das Flugzeug als Nächstes benötigt, anstatt lediglich auf Ereignisse zu reagieren, wenn sie eintreffen.
Wer steuert wen? Ist es der Autopilot oder macht der nur, was man programmiert? Aktuell ist die Antwort noch leicht: Letzteres ist der Fall. Genau wie bei der KI. Doch die Komplexität nimmt zu und somit die Frage, wie man hier noch die Oberhand behalten soll.
Ich bin selbst ein großer Befürworter der KI, gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass gerade, weil Wissen jederzeit verfügbar ist, der Bedarf an Expertise wächst. Dabei sehe ich hier verschiedene Arten von Expertise.
Erstens: Professionelle KI-Expertise
Die KI ist dem Menschen in vielerlei Hinsicht voraus. So steht die Maschine 24/7 zur Verfügung und erlebt quasi keine Erschöpfungszustände. Während der Mensch schlafen und sich erholen muss, marschiert die Maschine immer weiter voran. Sie würde wohl auch nie aufhören. Also muss auch ein Ende definiert werden. Wann ist ein Ziel erreicht und was folgt als Nächstes? Dafür benötigt es Experten.
Zweitens: Expertise in der Nutzung
Die KI ist nur so gut, wie der Mensch, der sie bedient. Das richtige Anwenden erfordert jedoch eine hohe Expertise und Antizipationsfähigkeit der Umgebung und des Ziels. Die Vermittlung von KI-Kompetenz gehört daher aus meiner Sicht heute zu den wichtigsten Bildungsaufträgen und sollte schon bei den Jüngsten fest im Lehrplan verankert sein. Im Tagesspiegel habe ich gelesen, dass Hessen hier ein Vorreiter ist. Als erstes Bundesland nimmt es das Pflichtfach „KI und Digitale Welt“ im Stundenplan für Schüler ab der 5. Klasse auf. Bleibt zu hoffen, dass die anderen Länder zügig folgen.
Drittens: Expertise im Einordnen von Wissen
KI kann heute (noch) längst nicht alles. Sie liefert Informationen in großer Geschwindigkeit und Menge, stößt jedoch an Grenzen, wenn es darum geht, Zusammenhänge zu bewerten, Kontext zu verstehen oder Situationen individuell einzuordnen. Genau hier kommt der Mensch ins Spiel: Expertise zeigt sich dann in der Fähigkeit, Wissen richtig einzuordnen und zu bewerten.
Viertens: Expertise mit Persönlichkeit
Wenn Wissen immer mehr verfügbar ist und plötzlich jeder perfekte Texte schreiben, Präsentationen gestalten oder Grafiken erstellen kann, sind sicherlich diejenigen die echten Experten, die noch eigenständig denken können, deren Wissen anders klingt, die sich ihre Individualität bewahrt haben. Ein individueller Stil mit Persönlichkeit und Ecken und Kanten wird dann den Unterschied machen.
Mein Fazit:
Es wäre sensationell, wenn Wissen immer und überall zur Verfügung stünde. Aber das Kanalisieren und aktive Steuern wird dann noch immer notwendig bleiben. Gerade in unserer Branche wird sich das Bedürfnis nach menschlicher Expertise in den nächsten Jahren noch verschärfen. Berater benötigen die Fähigkeit, die Perspektive des Kunden einzunehmen und seine Erwartungen zu verstehen, Fachwissen praxisorientiert anzuwenden sowie die Umsetzungskraft, individuelle Lösungen erfolgreich in die Realität zu überführen. Was den Experten außerdem von der Maschine unterscheidet, sind persönliche Erfahrungen – dazu gehören mitunter auch Erinnerungen an Niederlagen und Fehler, die ihm wichtige Lektionen beigebracht haben.
Experten (hier sind sie wieder) gehen davon aus, dass ab den 2040er Jahren pilotenlose Passagierflugzeuge technisch möglich sind. Doch ersetzen werden sie den Menschen so schnell wohl nicht. Hier spielt die psychologische Komponente eine sehr wichtige Rolle. Die meisten Menschen würden nicht in ein Flugzeug steigen wollen, das rein von einer Maschine gesteuert wird. Die Kombination aus Mensch und Maschine macht das Fliegen jedoch umso sicherer. Und genau so sollte es in anderen Bereichen sein. Wir dürfen der KI nicht blind vertrauen, sondern müssen sie stets kritisch hinterfragen und durch Experten verifizieren lassen.
Autor: Florian Karle, Geschäftsführender Gesellschafter SÜDVERS Holding GmbH & Co. KG
