Schmale Budgets, unklare Strategie: Digitale Transformation bleibt zentrale Herausforderung für europäische Versicherer

Quelle: Gerd Altmann / Pixabay

Die digitale Transformation schreitet auch in der Versicherungsbranche voran, nicht zuletzt beschleunigt durch die Covid-19-Pandemie. In den vergangenen Jahren wurden vor allem Bereiche wie die Vertragsbearbeitung weitgehend digitalisiert, doch noch scheitern viele Versicherer daran, das volle Potenzial der neuen Technologien für sich zu nutzen, wie eine aktuelle Analyse von Strategy& zeigt. Ein Gastbeitrag von Gero Matouschek und Thomas Kohler.

Die Befragung unter sechs der größten europäischen Versicherungsunternehmen mit Kunden in insgesamt 90 Ländern und rund 320.000 Mitarbeitern ergibt, dass der technologische Wandel für 86 Prozent die größte Herausforderung darstellt – lediglich die Covid-19-Pandemie und Cyberbedrohungen werden noch häufiger genannt.

Digitale Vision ist noch nicht gesamthaft und meist ohne umfassenden Fahrplan

Das Thema Digitalisierung steht folglich ganz oben auf der strategischen Agenda der Versicherer, aber die Mehrheit der Befragten ist sich einig, dass es keine gesamthafte digitale Vision gibt und entsprechend auch eine stringente, umfassende Roadmap fehlt. Zudem zwingt sie das verfügbare Investmentvolumen zu Einschränkungen bei der Planung. Zwar arbeiten alle befragten Unternehmen bereits daran, Kunden- sowie Backend-Prozesse zu automatisieren und die Arbeitsumgebung etwa durch digitale Kommunikationstools zu optimieren, darüber hinaus planen jedoch nur zwei Drittel die Einführung neuer, agiler Arbeitsmethoden. Lediglich 50 Prozent sehen in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, auch ihre IT-Altsysteme grundlegend anzupassen.

Aktuelles Momentum für strategische Neuausrichtung nutzen

Die Pandemie deckt viele Schwächen in den Digitalstrategien der Versicherer auf, wie etwa unvollständig “Ende-zu-Ende”-verschlüsselte Prozesse, und sensibilisiert alle Stakeholder für notwendige Veränderungen. Versicherer sollten das Momentum des Covid-19-Schocks nun für sich nutzen, um bisherige Initiativen zu beschleunigen, besser zu koordinieren und in einer gesamthaften Strategie zusammenzufassen. Wichtig ist dabei, auch unternehmensintern mit effizientem Change-Management alle Beteiligten vom notwendigen Wandel zu überzeugen.

Denn als größte Hürden auf dem Weg zu einer vollständig digitalen Organisation nennen die Versicherer zuvorderst ein unflexibles Mindset bzw. eine wenig veränderungsfreundliche Unternehmenskultur. Darauf folgt der Mangel an Digitalkompetenzen und entsprechenden Fachkräften noch vor der hohen Komplexität digitaler Projekte.

Budgetverschiebungen zeigen Digital-Hoffnungen

Mit Blick auf die Verwendung der verfügbaren Digitalbudgets zeigt sich aktuell eine deutliche Trendwende. Während die Befragten in den letzten drei Jahren noch vor allem in Self-Service-Plattformen (26 Prozent des Budgets), Data Services (23 Prozent) und robotergesteuerte Prozessautomatisierung (RPA; 14 Prozent) investierten, gehen zukünftige Budgets in andere Anwendungsfelder. In den kommenden drei Jahren stehen Data Analytics (28 Prozent des Budgets), KI (21 Prozent) und Cloud Computing (15 Prozent) ganz oben auf der Liste.

KI-Lösungen revolutionieren bereits heute etwa über die datengestützte Vorhersage von Schäden die Risikoberechnung und Preisgestaltung und können zukünftig einen wesentlichen Beitrag zur Prozesseffizienz und -automatisierung leisten. Erfolgsentscheidend ist bei allen Versicherern, dass sie eine übergreifende Leitlinie für alle Digitalisierungsmaßnahmen definieren, diese in schnell erreichbare Etappenziele herunterbrechen und vor allem auch Kompetenzen über internes Upskilling, Neueinstellungen oder strategische Partnerschaften aufbauen.

Autoren: Gero Matouschek, Partner bei Strategy& Deutschland und Thomas Kohler, Senior Manager bei Strategy& Österreich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

drei + 4 =