Michael Franke: „Für die Berufsunfähigkeitsversicherung im Kern wird sich wahrscheinlich nicht mehr viel entwickeln“

Michael Franke. Quelle: Stefan Neuenhausen, Hannover

Bei der Regulierung der Leistungsfälle liegen die BU-Versicherer im Soll. Nachholbedarf haben die Unternehmen allerdings bei der Digitalisierung, lautet das zentrale Ergebnis einer aktuellen Analyse von Franke und Bornberg. VWheute hat Michael Franke, Mitgründer und Geschäftsführer der Ratingagentur Franke und Bornberg, um eine exklusive Einordnung der Ergebnisse gebeten.

VWheute: Was ist das Fazit ihrer Studie, was kann daraus gelernt werden?

Michael Franke: Die Leistungsprüfung in der Berufsunfähigkeitsversicherung ist eine sehr komplexe Materie, weil berufliche und gesundheitliche Aspekte in die Betrachtung einfließen. Daher kann eine solche Prüfung einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen (im Durchschnitt ca. ein halbes Jahr). Darauf sollten Vermittler und Versicherer die Kunden vorbereiten und damit transparent umgehen, um keine falsche Erwartungshaltung zu wecken.

Davon abgesehen kann die Abwicklung von Leistungsfällen noch verbessert werden, insbesondere was die Begleitung und Unterstützung der Antragssteller angeht. Hier können digitale Prozesse helfen, wie zum Beispiel das Online-Tracking des Bearbeitungsstandes.

VWheute: Sie haben „keine Anhaltspunkte für Leistungsverweigerung mit System“ gefunden. Zeigt die Betonung dieses Sachverhaltes nicht, dass im System oder in der Wahrnehmung desselben etwas im Argen liegt?

Michael Franke: In der Vergangenheit gab es immer wieder Medienberichte oder auch Meinungen von Rechtsanwälten oder „Experten“, dass Versicherer systematisch Leistungen verweigern oder Fälle in die Länge ziehen. Oft wurden dabei wenige einzelne Leistungsfälle als Beweis angeführt. Mit unserer Studie bemühen wir uns, eine belastbare Faktenlage über eine repräsentative Anzahl von Fällen zu schaffen.

Wir beobachten eine Anerkennungsquote von rund 80 Prozent bei den Fällen, die entschieden werden. Bei Ablehnungen geht nur ein sehr geringer Anteil von Gerichtsverfahren für die Versicherer verloren. Das spricht für eine objektive und kundenorientierte Leistungsprüfung bei den von uns untersuchten Versicherern.

Was nicht heißen soll, dass im Einzelfall bei einer Leistungsprüfung nicht auch einmal etwas schiefgeht, also ein Fall lange liegen bleibt oder man bei einer knappen Entscheidung, was die 50 Prozent BU-Grad angeht, auch mal anderer Meinung sein könnte.

VWheute: Bei jungen Erwachsenen im Alter von 17 bis 35 Jahren liegt die Ablehnungsquote deutlich über dem Durchschnitt, besonders wegen Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht. Können Sie das erläutern und was sollte getan werden?

Michael Franke: Eine Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht kann vom Versicherer nur in den ersten Vertragsjahren verfolgt werden, daher kommt dieser Fall bei jüngeren Kunden naturgemäß öfter vor. Wir können hier immer nur wieder an Vermittler und Kunden appellieren, mit dem Thema Gesundheitsfragen sensibel umzugehen.

Bei den Versicherern geht ein überraschend hoher Anteil an Anträgen ein, bei denen jegliche Vorerkrankungen oder Untersuchungen verneint werden. Das ist aber unrealistisch. Die Versicherer sind daher aufgerufen, hier noch stärker Aufklärung zu betreiben und bei sogenannten „Blankoanträgen“ auch stichprobenhaft nachzufragen. Um Ihre Kunden vor eine Anzeigepflichtverletzung zu schützen.

VWheute: Hat sich die Digitalität der Versicherer seit der Studie verbessert, in welchen Bereichen?

Michael Franke: Grundlage der Studie ist unser BU-Unternehmensrating, und alle Versicherer, die wir regelmäßig prüfen und auszeichnen, müssen sich ständig weiterentwickeln. Das gilt auch für die Digitalisierung. Hier ist insbesondere die Kommunikation mit dem Antragssteller im Leistungsfall im Fokus.

Früher erfolgte der Austausch mit dem Versicherer im Grunde nur schriftlich per Brief. Heutzutage läuft auch hier vieles online mithilfe spezieller Portale, die die Versicherer vermehrt einrichten. Eine offene Flanke sind hier noch Ärzte und Krankenhäuser. Hilfreich und schneller wäre es, wenn auch diese auf Rückfragen Atteste und Berichte direkt online bereitstellen könnten. Soweit sind wir aber leider noch nicht.     

VWheute: Was erwarten Sie in der Zukunft der BU, was wird kommen?

Michael Franke: Für die  Berufsunfähigkeitsversicherung im Kern wird sich wahrscheinlich nicht mehr viel entwickeln. Das Produkt ist hoch trainiert, viele Fragen zur Leistung sind gesetzlich geregelt oder aus geurteilt. Der Leistungsanspruch bei längerer Arbeitsunfähigkeit hat in den letzten Jahren noch mal ein neues Feature eingebracht, was sich mittlerweile auch durchgesetzt hat. Spannend ist nun noch das Thema Teilzeit. Erste Teilzeitklauseln gibt es bereits. Hier rechnen wir damit, dass auch dieses Thema verstärkt von der Produktentwicklung aufgegriffen wird.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Ein Kommentar

  • Es gäbe schon ne Menge Ideen. Aber nicht viele Versicherer trauen sich eine echte Weiterentwicklung zu. Niemand will den ersten Schritt (und die Entwicklungskosten) wagen. Viele verfahren nach dem Homer-Simpson-Prinzip, das besagt: „Wenn du etwas Neues erfinden willst, dann nimm was Altes und bau ein Radio ein.“

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