„Langfristig im Vorteil ist, wer Konsolidierung aktiv gestaltet – und nicht nur darauf reagiert“
Markus Unterkofler ist Head Germany, ACEE & Nordics bei Swiss Re. In dieser Funktion verantwortet er das Lebens‑ und Krankenrückversicherungsgeschäft sowie die strategische Weiterentwicklung dieser Märkte. (Bildquelle: Swiss Re)
Unterschiedliche Garantiestrukturen, veraltete IT und hoher Kostendruck: Bei Bestandsübernahmen in der Lebensversicherung stehen Anbieter vor gewaltigen operativen Herausforderungen. Wie strukturierte Rückversicherungslösungen dabei helfen können, Kennzahlen zu stabilisieren und gleichzeitig die Migration auf moderne IT-Plattformen zu finanzieren, erörtert Markus Unterkofler, Head Germany, ACEE & Nordics bei Swiss Re, im VWheute-Interview.
Der deutsche Lebensversicherungsmarkt befindet sich aktuell in einer Phase zunehmender Konsolidierung. Was treibt diese Entwicklung aus Ihrer Sicht?
Markus Unterkofler: Wir sehen nicht den einen Treiber, sondern eine Kombination verschiedener Faktoren, die hier zusammenkommen: hohe Marktfragmentierung, veraltete Technologie und stagnierendes Wachstum. Für viele Marktteilnehmer wird es schwieriger, Skaleneffekte allein zu realisieren und somit langfristig im Geschäft zu bleiben. Konsolidierung ist daher ein logischer Schritt – nicht nur, um Größe zu gewinnen, sondern um Effizienzpotenziale zu heben und Kapital gezielter einzusetzen.
Früher war der Leidensdruck durch die Zinszusatzreserve (ZZR) ein Treiber für Bestandsverkäufe. Durch die Zinswende hat sich der Druck deutlich vermindert. Hat die Zinswende die Konsolidierungswelle nicht eigentlich ausgebremst, weil das ‚Problem Leben‘ plötzlich wieder finanzierbar erscheint?
Es stimmt, dass die Zinswende das Geschäftsmodell der Lebensversicherer unterstützt und den akuten Druck in Teilen des Marktes reduziert hat. Dennoch bleiben die strukturellen Herausforderungen bestehen. Zudem sollte man Konsolidierung nicht nur auf Lebensversicherungsunternehmen im engeren Sinn beschränken. Ein weiteres relevantes Feld ist die Übertragung von Pensionsverpflichtungen, die in den Bilanzen vieler Unternehmen weiterhin gebunden sind. In Märkten wie dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden ist dieses Modell bereits fest etabliert. Auch in Deutschland gewinnt es zunehmend an Dynamik.
Was unterscheidet die aktuelle Konsolidierungswelle von früheren Entwicklungen im Markt?
Frühere Konsolidierungen waren oft kapitalgetrieben und es ging um Run-off-Bestände. Die jüngsten Fälle zeigen, dass sich der Fokus verschoben hat und ein Zusammenschluss als strategische Option gesehen wird, um die Marktposition zu verbessern. Durch eine Erweiterung der Geschäftsfelder und der Vertriebe ergeben sich auch Wachstumschancen.
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für Versicherer bei solchen Transaktionen?
Wenn mehrere Portfolios zusammengeführt werden, treffen unterschiedliche Garantiestrukturen, Datenqualitäten und IT-Architekturen aufeinander. Eine erfolgreiche Integration innerhalb eines klar definierten Zeit- und Kostenrahmens stellt eine anspruchsvolle Aufgabe dar. Entscheidend wird sein, Synergien zu heben und die Kostensituation nachhaltig zu verbessern. Kurz gesagt: das neue Unternehmen in eine stabile und skalierbare Struktur zu überführen.
Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Erfolgsfaktor bei Unternehmenszusammenschlüssen oder Bestandsübernahmen?
Der wichtigste Erfolgsfaktor ist die Fähigkeit, unterschiedliche Bestände, Systeme und Kapitalstrukturen in operativ effiziente und kontrollierbare Strukturen zu integrieren. Konsolidierung schafft Chancen – aber nur, wenn es gelingt, operative, finanzielle und technologische Aspekte ganzheitlich zu steuern.
Wie können Rückversicherungslösungen in diesem Umfeld unterstützen? Viele Marktteilnehmer verbinden Rückversicherung in erster Linie mit Risikotransfer. Inwiefern greift dieses Verständnis heute zu kurz?
Ein optimiertes Kapitalmanagement ist ein zentraler Erfolgsfaktor von Konsolidierungen. Rückversicherungslösungen ermöglichen es, Risiken gezielt zu transferieren, Ergebnisse zu stabilisieren sowie Kapital freizusetzen und Liquidität zu schaffen. Strukturierte Rückversicherung unterstützt zudem dabei, die Kapitalanlagestrategie anzupassen und zu optimieren. Darüber hinaus können wir unsere Partner auch beim Wachstum unterstützen. Zum einen durch gemeinsame Entwicklung innovativer Produkte, auch im Bereich Sparprodukte. Und zum anderen durch die Vorfinanzierung der Abschlusskosten. Solche Lösungen sind damit ein zentrales Instrument im strategischen Kapital- und Risikomanagement.
Können Sie ein konkretes Beispiel geben, wo solche Lösungen Mehrwert schaffen?
Ein typischer Fall im Run-off-Geschäft ist zum Beispiel die Übernahme von nicht strategischen Risiken oder die Optimierung von Kapitalanforderungen im Zuge einer Bestandsübernahme. Durch maßgeschneiderte Strukturen können Versicherer ihre Solvenz stabilisieren und ihre Kennzahlen verbessern.
Wie verändert sich dadurch die Rolle von Rückversicherern wie Swiss Re?
Unsere Rolle entwickelt sich zunehmend vom klassischen Risikoträger hin zum strategischen Partner. Im Vordergrund steht nicht mehr ausschließlich die Risikoübernahme, sondern die gemeinsame Gestaltung ganzheitlicher Lösungen – insbesondere an der Schnittstelle von Kapital, Risiko und operativer Transformation. Risikotransfer bleibt selbstverständlich ein zentrales und regulatorisch notwendiges Element. Strukturierte Rückversicherung geht einen Schritt weiter und eröffnet einen breiteren Handlungsspielraum.
Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz ist unsere Kooperation mit einem externen Dienstleister, die es kleinen und mittelgroßen Lebensversicherern ermöglicht, ihre Bestände zu attraktiven Konditionen auf eine der modernsten IT-Plattformen im Markt zu migrieren. Hierbei können bei entsprechender Eignung des unterliegenden Bestandes die Kosten über Rückversicherungslösungen finanziert werden. Die mögliche Auslagerung der Verwaltungsaufgaben an einen spezialisierten Dienstleister rundet das Konzept ab und bietet eine ganzheitliche Lösung.
Welche Trends erwarten Sie für die kommenden Jahre im deutschen Markt?
Wir gehen davon aus, dass die Konsolidierung weiter an Dynamik gewinnen wird. Themen wie Datenqualität, Systemmodernisierung und effiziente Betriebsmodelle werden künftig noch stärker in den Fokus rücken.
Was bedeutet das konkret für Versicherer, die sich in diesem Umfeld positionieren wollen?
Entscheidend wird sein, Konsolidierung nicht nur als notwendige Transaktion zu verstehen, sondern als Chance für einen umfassenden Transformationsprozess. Langfristig im Vorteil ist, wer Konsolidierung aktiv gestaltet – und nicht nur darauf reagiert.
