LVM-Chef Kleuker im Interview: „Wir wollen nach der Corona-Pandemie das Rad nicht zurückdrehen“

LVM-Chef Kleuker: "Wir wollen den Wachstumskurs der LVM-Versicherung erfolgreich fortsetzen." Bildquelle: LVM Versicherung / Bernd Schwabedissen

Die LVM feiert in diesem Jahr 125-jähriges Jubiläum. „Die Stimmung im Unternehmen ist sehr gut“, sagt Mathias Kleuker. Ein Jubiläum sei immer eine schöne Gelegenheit, auf die Entwicklung des Unternehmens zurückzublicken und sich über das Erreichte zu freuen. Heute gehört die LVM zu den führenden Playern in Deutschland, im Kfz-Geschäft zu den Top fünf. Im Interview mit VWheute spricht der LVM-Vorstandsvorsitzende über wichtige Wendepunkte, neues Denken und gute Geschäfte.

VWheute: Sie sind seit rund 26 Jahren im Unternehmen tätig, seit mittlerweile fünf Jahren stehen Sie an der Spitze der LVM. Was waren die für Sie sowie das Unternehmen prägendsten Momente in dieser Zeit?

Mathias Kleuker: Prägend ist für mich weniger ein einzelner Moment als vielmehr die enorme Veränderung der Rahmenbedingungen in den letzten 25 Jahren. Die aufsichtsrechtlichen Änderungen, der Zinsverfall und insbesondere die technischen Entwicklungen haben unser Geschäft und die Art, wie wir arbeiten, maßgeblich beeinflusst. Das Unternehmen hat diese Änderungen gut angenommen und auch die Chancen genutzt, die sich daraus ergeben haben.

VWheute: Wie wirkten sich die Wendezeit mit dem Verkauf von Policen in Wohnwagen in der Deutschen Demokratischen Republik und die Deregulierung in den 90er-Jahren auf die heutige Entwicklung der LVM aus?

Mathias Kleuker: Aus Sicht der LVM ist die Wendezeit bis heute Beweis dafür, wie sich mit Engagement und außergewöhnlichen Ideen Potenziale heben lassen. Uns war damals klar, dass wir im Osten Deutschlands nachhaltige Kundenbeziehungen aufbauen wollen. Darum haben wir von Anfang an auf ortskundige Vertreter gesetzt und sehr schnell Wohnwagen als mobile LVM-Büros zur Verfügung gestellt. So waren wir schon bald in Ostdeutschland ebenso stark vertreten wie im Westen.

VWheute: Und die Deregulierung? Wie hat die LVM reagiert?

Mathias Kleuker: Sie war ebenso entscheidend und bedeutete für die ganze Branche einen enormen Umbruch. Wir mussten schnell handeln, um uns im deregulierten Markt weiterhin behaupten zu können. In kürzester Zeit haben wir damals einen Kfz-Tarif mit den neuen Risikomerkmalen auf den Markt gebracht und konnten unsere Position in der Kfz-Sparte stärken. Dies gelingt uns bis heute als Nummer 5 unter den deutschen Kfz-Versicherern.

VWheute: Mit der Coronakrise durchlebt die Versicherungsbranche das nächste Ereignis für die Geschichtsbücher. Was hat sich nach rund anderthalb Jahren mit der Pandemie für das Unternehmen verändert – organisatorisch und strategisch?

Mathias Kleuker: Die Pandemie hat ganz sicher auch bei uns wie ein Katalysator auf Digitalisierungsprozesse gewirkt. So wollten wir zum Beispiel das Videokonferenz-Tool Microsoft Teams erst im Laufe dieses Jahres ausrollen. Das haben wir dann 2020 vorgezogen. Sehr schnell waren Meetings via Video völlig selbstverständlich für uns. Auch wenn wir LVMlerinnen und LVMler uns gerne persönlich sehen und besprechen, wird es sicherlich auch in Zukunft ein Nebeneinander von Präsenz- und digitalen Meetings geben.

VWheute: Die Mitarbeiter kehren peu à peu in die Büros zurück. Welche Regelungen hat die LVM geschaffen? Wird die Homeoffice-Option für immer bleiben?

Mathias Kleuker: Die Pandemie ist noch nicht vorbei, wir sind nach wie vor vorsichtig bei der Öffnung des Campus. Derzeit fahren wir das Modell, dass alle LVMlerinnen und LVMler mindestens einmal in der Woche zum Campus kommen. Wir achten jedoch darauf, dass die Büros nach wie vor nur mit einer Person besetzt sind. Da, wo das nicht funktioniert, werden selbstverständlich die Hygieneregeln eingehalten. Mitarbeitende, die noch nicht geimpft sind und länger als fünf Tage nicht am Campus waren, unterliegen einer Testpflicht. In Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz haben wir sehr früh eine Schnellteststelle in Campusnähe eingerichtet, die alle Mitarbeitenden nutzen können. Grundsätzlich beobachten wir das Pandemiegeschehen sehr genau, haben die Schutzverordnungen im Blick und entscheiden mit einem Gremium, das regelmäßig tagt, ob wir Maßnahmen anpassen.

VWheute: Wie wirkt sich das auf die Auslastung Ihrer Firmenzentrale aus? Sehen Sie als Konsequenz der Homeoffice-­Regelung perspektivisch einen Trend, dass Unternehmensgebäude kleiner werden müssen?

Mathias Kleuker: Wir wollen nach der Corona-Pandemie in einem gut koordinierten und organisierten Prozess das flexible Arbeiten langfristig stärker etablieren und nicht das Rad zurückdrehen.

VWheute: Was bedeutet das konkret?

Mathias Kleuker: Mitte 2020 haben wir das Projekt „Flexibles Arbeiten“ ins Leben gerufen. Die Mitarbeitenden sollen in Absprache mit ihrer Führungskraft und dem Team zukünftig zwischen Modellen wählen können, die von 80 Prozent Homeoffice bis zu 100 Prozent LVM-Campus alle Möglichkeiten bieten. Hier stecken wir gerade in der Erprobungsphase. Zum Ende des Jahres werden wir schauen, welche der modellierten Szenarien sich als sinnvoll und praktikabel erweisen.

VWheute: Spätestens dann wird man sehen, ob sich der Bedarf an Büroflächen verändert …

Mathias Kleuker: … Flächen, die dann nicht mehr als klassische Büroflächen genutzt werden, könnten wir zum Beispiel umgestalten, um mehr Raum für agiles Arbeiten, für Kommunikation und Austausch zu schaffen.

VWheute: Wie steht es um die Gesamtertragslage in Kfz?

Mathias Kleuker: Die Gesamtertragssituation für die LVM-Autoversicherung ist trotz der Häufung der Elementarschadenereignisse positiv. Dabei nutzen wir außerordentliche Erträge gezielt, um die Stabilität der Kfz-Versicherungsbeiträge auch langfristig sicherzustellen. Damit trägt die LVM-Autoversicherung dem Wunsch seiner Kunden Rechnung. Laut einer für den LVM-Kundenbestand repräsentativen Umfrage aus dem Sommer 2020 legen LVM-Kunden großen Wert auf langfristige Preisstabilität. Unsere Versicherten können nicht nur in Corona-Zeiten, sondern auch auf lange Sicht mit günstigen und stabilen Preisen für ihre Kfz-Versicherung planen.

VWheute: Wie bereiten Sie sich vor diesem Hintergrund auf die Kfz-Wechselsaison vor?

Mathias Kleuker: Als einziger unter den großen Autoversicherern sind wir mit nur einer Produktlinie und ohne Werkstattbindungstarif im Markt vertreten. Unsere Versicherten profitieren von einem umfassenden Servicepaket, ohne zusätzliche Leistungen teuer „hinzubuchen“ zu müssen. Bereits in diesem Jahr sind die Preise für rund 90 Prozent der Privat- und Gewerbekunden in der Kfz-Versicherung gesunken oder stabil geblieben, unabhängig von der versicherten Fahrzeugklasse.

VWheute: Wie planen Sie preisstrategisch?

Mathias Kleuker: Für das kommende Kfz-Versicherungsjahr können unsere Versicherten und Neukunden weiterhin mit einem attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis rechnen. Die LVM-Autoversicherung gehört mit dieser Strategie seit Jahren zu den Gewinnern im Wettbewerb und wächst dabei deutlich über dem Marktdurchschnitt. In den vergangenen Jahren konnte die LVM-Autoversicherung die Stückzahl der versicherten Risiken konstant im sechsstelligen Bereich pro Jahr ausbauen – dies erwarten wir auch im Jahr 2021.

VWheute: Ist die Lebensversicherung zukunftsfähig? Was sind die Lösungen?

Mathias Kleuker: Ja, das ist sie auf jeden Fall – wenn wir unseren Kunden für ihre private Altersvorsorge neue kapitalmarktorientierte Produkte anbieten, bei denen Chancen und Risiko in einem angemessenen Verhältnis stehen. Die LVM-Lebensversicherung fokussiert im Neugeschäft mittlerweile zum einen auf das Geschäftssegment Biometrie, zum anderen eben auf Rentenversicherungen mit Fondsanteilen. Bei unseren Kunden kommt das sehr gut an – insbesondere bei der jüngeren Klientel, die außerdem zunehmend auf eine besonders nachhaltige Kapitalanlage achtet.

VWheute: Was haben Sie mit der LVM strategisch noch vor? Was ist die Marschroute für die nächsten Jahre?

Mathias Kleuker: Wir wollen den Wachstumskurs der LVM-Versicherung erfolgreich fortsetzen. Darum werden wir weiterhin das tun, was wir am besten können: Wir geben Sicherheit – für unsere Kunden und alle mit dem Unternehmen verbundenen Menschen. Für die Zukunft wird es entscheidend sein, zu erkennen, wie sich die Erwartungen an unser Unternehmen wandeln und wir dem begegnen können. Wir leben in einer Zeit erheblicher gesellschaftlicher Veränderungen. Um auch weiterhin unseren Beitrag für eine wertvolle Zukunft zu leisten – als Versicherer, Arbeitgeber, Partner und als gesellschaftlicher Akteur –, arbeiten wir intensiv an den großen Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Demografie und Nachhaltigkeit.

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Oktober-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

Die Fragen stellte VWheute-Chefredakteur Michael Stanczyk.

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