BGV-Vorstand Moritz Finkelnburg: Wie belastbar ist die Branche?

Moritz Finkelnburg. Quelle: BGV

Die Meldung zur Geschäftsaufgabe von Joonko überraschte alle und betrübte viele, die auf eine Belebung des Kfz-Vergleichsmarktes durch die Berliner Finleap-Tochter gehofft hatten. Getrieben durch die schwungvolle und charismatische Caro Gabor war eine Alternative zu Check24 und Verivox in Sicht – und fiel doch den Marktgesetzen der Insurtech-Szene zum Opfer. Eine Analyse von BGV-Vorstand Moritz Finkelnburg.

Einmal mehr hatte sich – nach den Corona-bedingten Geschäftseinbrüchen – ein Lead-Investor zurückgezogen und dadurch die Finanzierungsgrundlage ins Wanken gebracht. Nein, kein Grund sich um Finleap Sorgen zu machen. Zu erfolgreich ist der Companybuilder mit seinen diversen Töchtern wie Clark, Element, Solaris, Zinsbaustein etc. bisher gewesen. Dennoch zeigt es die aktuellen Schwierigkeiten, die die junge Insurtech-Szene bewältigen muss. Unklare Commitments der Investoren, stark einbrechendes – oder zumindest verändertes – Kundenverhalten und instabile Märkte. Zudem ein sich verändernder staatlicher Fokus. Kein guter Moment für Gründer.

Kurz nach der Joonko-Meldung dann gleich der zweite Paukenschlag. Von allen befürchtet. Lockdown Nummer zwei oder auch Lockdown Light. Mit allen Auswirkungen, die dieses seltsame, unkalkulierbare Corona-Jahr bisher für die Assekuranz mit sich gebracht hat: Kfz-lastige Versicherer profitieren durch die geringeren Fahrleistungen der Kunden (bisher zwischen Februar und April) sowie dadurch bedingte niedrigere Schadenzahlen. Gleichzeitig ist der Absatz in dieser Zeit eingebrochen, was den Druck auf der Kostenseite deutlich erhöht hat. Versicherer mit starkem Firmenkundengeschäft müssen sich zusätzlich mit dem – auch politisch höchst brisanten – Thema der Betriebsschließungsversicherung beschäftigen und sorgen sich um eine mögliche Insolvenz-Welle bei ihren Kunden in 2021. Nun also die erneute Corona-Welle, die alle diese Effekte noch verstärken dürfte.

Gemischtes Bild in Kfz

Geflüstert wurde natürlich nicht nur über Digitales oder Corona. Stichwort Kraftfahrt. Wir Deutschen entdecken plötzlich unsere Sparsamkeit und holen uns durch einen entschlossenen Versicherer-Wechsel alles zurück, was wir im Laufe des Jahres in so nette Dinge wie I-Watch, E-Bikes, große Bildschirme oder ein neues Jogging-Outfit investiert haben. Chance und Risiko zugleich für uns Versicherer. Neue Kunden warten und können leicht durch eine Corona-begründete Preissenkung begeistert werden. Aber ist dies klug? Betrachtet man die versicherungstechnischen Auswirkungen von Corona, ergibt sich ein gemischtes Bild.

Zwar sind Preissenkungen im Kfz-Geschäft kurzfristig ein charmantes und schnelles Mittel zur Umsatzbelebung. Langfristig lauert hier aber die Gefahr, bei normalisierter Schadensituation deutliche Preisanpassungen vornehmen zu müssen und dadurch an Berechenbarkeit und Stabilität gegenüber dem Kunden zu verlieren. Außerdem treiben flächendeckende Preissenkungen den Markt wieder in eine kritische, unrentable Situation, die mangels Zinserträge auf der Anlageseite kaum kompensierbar wäre.

“Die von zahlreichen Versicherern praktizierte 15-prozentige Kulanzlösung ist wohlgemeint, löst aber die Not der Gastronomen in keiner Weise.”

Moritz Finkelnburg, Vorstand des BGV

BSV: Richtig reagieren

Stichwort Betriebsschließung: Eine fatale, existenzbedrohende Situation für zahlreiche Gastronomen und Hoteliers, die Corona herbeigeführt hat. Die von den Betroffenen erhoffte und geforderte Deckung durch die BSV dürfte in den meisten Fällen in einem Pandemiefall nicht greifen. Auch, wenn das eine oder andere unklar gefasste Bedingungswerk hier Spielraum zulassen mag. Die von zahlreichen Versicherern praktizierte 15-prozentige Kulanzlösung ist wohlgemeint, löst aber die Not der Gastronomen in keiner Weise. Feststehen dürfte, dass die BSV in keiner Weise auf den Pandemie-Fall ausgerichtet ist.

Weder von seiner Kalkulationsstruktur noch den Deckungsumfängen. Umgekehrt besteht ein zwingendes existentielles Interesse der Gastronomen, hier eine Hilfestellung und Absicherung zu erhalten. Die Assekuranz nimmt für sich – zu Recht – in Anspruch, Menschen und Unternehmen vor existenzgefährdenden Risiken zu schützen. Dies ist die moralische Daseinsberechtigung unserer Branche. Dies bedeutet zwingend, dass die Versicherer gefordert sind, hier eine rasche Lösung anzubieten. Ob auf Individualbasis oder als Pool-Lösung ist zweitrangig. Hauptsache schnell. Sonst ist niemand mehr da.

Sie sehen – Corona hat das Schlagwort “Digitalisierung” problemlos abgelöst und dominiert aktuell nahezu jede Fragestellung in der Versicherungswirtschaft. Es geht nicht mehr um Lemonade, Clark, Kasko oder die Fusion von Assfinet und Thinksurance. Die Fragen nach BiPro, IDD, Provisionsdeckelung, Zusammenschluss der beiden großen Provinzials oder gar die harte Erneuerungsrunde in der Industrieversicherung sind nahezu untergegangen.

Es geht inzwischen nur noch um die Frage, wie man auf Corona reagiert, Arbeitsplätze sichert, Kunden online betreut und – hoffentlich – bindet. Wie man die Ergebnissituation in diesem Jahr stabil hält und für das nächste Jahr vorsorgt. Die Frage nach den langfristigen Auswirkungen auf den Kapitalmarkt, der heimlichen Ressource unserer Branche, mag man dabei ebenso wenig stellen wie die nach der zukünftigen Entwicklung unserer Arbeitswelt.

Und dennoch: Corona hat gezeigt, wie belastbar und stabil unsere Branche ist und welche beruhigende Wirkung sie auf unser Wirtschaftssystem hat. Dies ist der eigentliche Unterton des Szenegeflüsters, das sich hoffentlich schon bald wieder um die alten, vertrauten und dennoch immer aufregenden Fragen drehen wird.

Autor: Moritz Finkelnburg

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Dezember-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

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