Keine Ahnung von Versicherung: Deutsche Schüler stellen Branche vor ungeahnte Probleme, Kultusministerium trägt Mitschuld

Quelle: Bild von Jan Vašek auf Pixabay

Die deutschen Schüler schneiden im internationalen Vergleich besser ab als bislang gedacht. Laut aktueller PISA-Studie der OECD kommen die Schüler in Deutschland beim Länder-Ranking weit nach oben. Und dennoch gibt es einige alarmierende Ergebnisse – unter anderem beim Finanzwissen. Ein Grund: Deutschland verzichtete sogar darauf, Fragen nach der finanziellen Allgemeinbildung zu stellen.

So beschloss die Kultusministerkonferenz (KSK) auf diesen Zusatztest zu verzichten, sagte Pisa-Koordinator Andreas Schleicher dem Handelsblatt. Begründet wurde dies mit dem Argument, dass man sich „auf den Kern von Pisa“ – also Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – konzentrieren und die Tests an den 15-Jährigen „nicht überfrachten“ wollte.

Dabei ist es gerade um das Finanzwissen deutscher Schüler weiterhin schlecht bestellt, wie jüngst eine Studie der Comdirect wieder bestätigt hat. Demnach gibt sich Deutschlands Jugend durchschnittlich die Schulnote 3,3 für ihre finanzielle Bildung. Gegenüber 2016 (Schulnote 3,4) hat sich also bei der Vermittlung von Finanzwissen nicht viel getan. Und das, obwohl die Schulen in der Bewertung der Jugendlichen zulegen konnten. Jedoch geben immer noch 40 Prozent der Befragten der schulischen Finanzbildung die Note 5 oder 6 (2016: 59 Prozent).

So wissen die meisten Jugendlichen, was Begriffe wie „Kreditkarte“, „Zinsen“ oder „Girokonto“ bedeuten. Aber schon ein Wort wie „Inflation“ könnte ein Drittel nicht erklären. Mit „Liquidität“ kann die Hälfte nichts anfangen und was sich hinter dem Begriff „DAX“ verbirgt, könnte nicht einmal jeder Zweite erläutern.

„Selbst von den 22- bis 25-Jährigen könnten nur 53 Prozent erklären, was ‚Liquidität‘ ist. Auch der Begriff ‚Rendite‘ ist jedem zweiten 22- bis 25-Jährigen nicht geläufig. Dass viele junge Erwachsene solche Wörter, die meiner Meinung nach zum Allgemeinwissen gehören sollten, nicht verstehen, zeigt die Schwäche im Bereich der finanziellen Bildung“, konstatiert Arno Walter, Vorstandsvorsitzender von Comdirect.

Quelle: Comdirect

Nicht viel besser bewerten die Jugendlichen indes ihre eigenes Wissen rund um das Thema Finanzen und Versicherungen. 18 Prozent geben sich die Schulnote 5 oder sogar 6 für ihr Finanzwissen (2016: 22 Prozent). Nur 27 Prozent würden sich mit einer 1 oder 2 benoten (2016: 24 Prozent).

Im Durchschnitt beträgt die Schulnote 3,3. Junge Männer benoten sich mit 3,1 etwas besser als junge Frauen (3,6). Baden-Württemberg und das Saarland schneiden hinsichtlich der Vermittlung von Finanzwissen am besten ab (jeweils Note 3,0), während Niedersachen mit der durchschnittlichen Schulnote von 3,7 Schlusslicht ist.

Lückenhaftes Wissen rund um die Altersvorsorge

Auch bei der eigenen Altersvorsorge scheint es um das Allgemeinwissen der Schüler nicht unbedingt besser bestellt zu sein: Laut Jugendstudie 2019 des Rentenwerks Metallrente kennt sich nur weniger als ein Drittel der Befragten in diesem Bereich aus.

Gleichzeitig wünschen sich 92 Prozent dazu verständlichere Informationen. 87 Prozent hätten gerne, dass das Thema Bestandteil eines Unterrichtsfachs „Wirtschaft und Finanzen“ wird. Genauso viele junge Leute wünschen sich, dass sie ab dem Berufseinstieg Informationen zu sämtlichen erreichten Rentenansprüchen erhalten.

Zudem zweifeln die jungen Leute zunehmend daran, dass die Politik die notwendigen Voraussetzungen dafür schafft. Die Konsequenz: Immer weniger von ihnen sorgen für ihr Alter vor. Lediglich ein Drittel der Befragten spart regelmäßig für das Alter. Rechnet man die Jungen dazu, die ab und zu etwas für ihre Altersvorsorge sparen, sind es 48 Prozent. 2010 waren es noch 55 Prozent.

„Die Rentenpolitik muss sich gleichermaßen an den Bedürfnissen der älteren und der jüngeren Generation ausrichten. Geschieht das nicht, sind die jungen Leute nicht nur eindeutig von Altersarmut bedroht, sondern ihr Vertrauen in die Politik wird gefährdet“, warnten die wissenschaftlichen Leiter der Untersuchung Klaus Hurrelmann und Christian Traxler von der Hertie School of Governance in Berlin.

Nachholbedarf in den Schulen

In den Schulen scheint man das Problem allmählich zu erkennen. Doch geht die Umsetzung augenscheinlich nur sehr schleppend voran. So plante Nordrhein-Westfalen mit Beginn des neuen Schuljahres ein zusätzliches Fach mit dem Namen Wirtschaft und Politik an allen Gymnasien Pflicht sein. 2021 ziehen alle anderen weiterführenden allgemeinbildenden Schulen nach, so der Plan. 

Baden-Württemberg hat bereits ein ähnliches Schulfach eingeführt – und zwar verpflichtend für alle Schüler ab der achten Klasse. Kritik gab es jedoch schon von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Das Fach ist unserer Ansicht nach zu ökonomistisch und beschränkt sich zu sehr auf die Perspektive von Unternehmen und Arbeitgebern. Ein Großteil der Schüler wird später aber Arbeitnehmer sein – deshalb müssen sie auch diese Seite kennenlernen“, kritisierte Martina Schmerr, Referentin im Organisationsbereich Schule bei der GEW, bereits im Mai 2019 gegenüber der Welt.

Neu ist die Forderung nach einem Schulfach für Finanzwissen jedenfalls nicht. Der ehemalige GDV-Präsident Alexander Erdland sagte bereits im Jahr 2016, es müsse gelingen, den Schülern frühzeitig ein wirtschaftliches Grundverständnis zu vermitteln. „Denn nur wer gut informiert sei, könne seine Eigenverantwortung etwa für die Altersvorsorge erkennen und auch handeln.“ Erdland sagte das bei der Einführung von Wirtschaftsunterricht in Baden-Württemberg, womit wir bei den Trägern der schulischen Ausbildung angelangt wären, den Bildungsministerien.

Auch Gothaer-Vorstand Oliver Brüß würde Finanzunterricht an Schulen begrüßen, „denn idealerweise würde jungen Menschen so schon frühzeitig ein Einblick in die großen Risiken des Lebens bekommen und an mögliche Formen der Absicherung herangeführt“. Es sei wichtig, dass Menschen wissen, welche Risiken von staatlicher Seite abgesichert sind und wo es Lücken in der gesetzlichen Versorgung gibt.

Daraus entstehe ein Verständnis darüber, für welche Risiken der Bürger „auf jeden Fall selber vorsorgen muss“. Einen weiteren positiven Aspekt sieht er auf dem Feld der Ausbildung künftigen Fachpersonals wie auch gesamtgesellschaftlich: „Ein solches Unterrichtsfach hätte möglicherweise auch positive Auswirkungen auf das Berufsbild des Finanzberaters und seine volkswirtschaftliche Bedeutung“, betonte er bereits im März 2019 gegenüber VWheute. Ein Gedanke, über den es sich nachzudenken lohnt.

Autor: VW-Redaktion

Ein Kommentar

  • Es reicht nicht, den Fokus auf „Finanzwissen“ zu legen – es mangelt schon an Allgemeinbildung, wie sie früher in dem Fach Sozialkunde enthalten war.

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