„Europäische Unternehmen müssen sich die Standortfrage stellen“
Am Rande des Willis Risk Summit diskutierten Lukas Nazaruk (Willis) und Dr. Mukadder Erdönmez (HDI Global) über die Standortfrage europäischer Unternehmen sowie die Zukunft der Industrieversicherung. Dabei beleuchteten sie die wachsende Kluft zwischen steigenden Risiken und deren Versicherbarkeit sowie die Frage, warum Prävention heute zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird.
VWheute: Herr Dr. Erdönmez, in Ihrem Vortrag auf dem Willis Risk Summit sagten Sie, dass für europäische Unternehmen die Standortfrage immer wichtiger wird, und sie befänden sich „an einem Scheideweg“. Was meinen Sie damit?
Erdönmez: Nur wenn unsere Politik die nötigen Rahmenbedingungen schafft, können europäische Unternehmen auch international wettbewerbsfähig bleiben. Ich bewundere gerade die deutschen Unternehmen und ihre Innovationskraft, die sie teilweise zu Weltmarktführern gemacht hat. Aber mehr denn je braucht es heute die richtigen Leitplanken, um die Führungsposition zu erhalten und wirtschaftlich sicher zu bestehen.
Wenn Unternehmen künftig über einen Standort entscheiden, müssen sie nach den optimalen Bedingungen für ihre Geschäftstätigkeit suchen. Kriterien sind dabei nicht nur die Energieversorgung, Infrastruktur und mögliche Absatzmärkte, sondern auch die regulatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen.
Aus der Perspektive des Versicherers: Was braucht HDI Global von den Unternehmen, um Risiken in dieser komplexen Weltlage bestmöglich abzufedern?
Erdönmez: Ob Konjunktur, Geopolitik, Energie oder Technologie – alles wird weiterhin herausfordernd bleiben. Statt Erwartungen zu formulieren, geht es uns vielmehr darum, Unternehmen zu unterstützen, damit sie im schwierigen Umfeld bestehen können. Dabei wollen wir ihr Partner in der Transformation sein. Denn auch für uns ist es wichtig, dass sie die Resilienz, die sie in der Vergangenheit hatten, auch weiterhin beibehalten können.
Herr Nazaruk, teilen Sie diese Ansicht, und was bedeutet das für Ihre Risikoberatung?
Nazaruk: Auch wir sehen den großen Transformationsdruck in der Wirtschaft weltweit – und die Notwendigkeit, sich den neuen internationalen Rahmenbedingungen zu stellen und Abhängigkeiten zu reduzieren. Als Makler sind wir noch etwas enger an den Kunden als die Versicherer. Wir nehmen Herausforderungen oft schon früher wahr und erarbeiten dann entsprechende Lösungen, die wir im Sinne unserer Kunden und im Dialog mit den Versicherern umsetzen. So können wir auch die zitierte Innovationskraft bei unseren Kunden mit eigenen Innovationen begleiten.
Wir haben die Teilnehmer der Konferenz gefragt, ob der weiche Industrieversicherungsmarkt bereits bei ihnen angekommen ist. Ein Teil hat geantwortet, dass dies noch nicht oder nicht in allen Sparten der Fall sei. Wie bewerten Sie das, Herr Nazaruk?
Nazaruk: Wenn man die letzten ein bis drei Jahre anschaut, muss man konstatieren, dass die Industrieversicherer sehr gutes Geld verdient haben. Nun hat sich der Markt gedreht, und Versicherer argumentieren mit dem Blick in die Zukunft und der Komplexität der Risiken, dass sie diese Erleichterung nicht in Gänze weitergeben können.
Ich bin der Meinung, dass Unternehmen jetzt an der positiven Entwicklung partizipieren sollten. Sie waren in für die Versicherer herausfordernderen Zeiten auch bereit, den Markt mit höheren Prämien mitzutragen. Selbstverständlich kommt es hierbei auch auf die jeweilige Risikosituation der Unternehmen an. Eine entsprechend differenzierte Betrachtung ist daher notwendig.
Erdönmez: Wir verfolgen ja alle das gleiche Ziel: Unser Anliegen ist der Kunde und sein Risiko. Aus unserer Perspektive liegt aber die große Herausforderung in der Beurteilung des Risikos nach vorne. Und dabei bestehen unterschiedliche Sichtweisen, sowohl unter Versicherern als auch zwischen uns und den Maklern.
Makler geben Unternehmen ihre Einschätzung des Risikos – das kann eben voneinander abweichen, aber das liegt in der Natur der Sache und der unterschiedlichen Rollen.
Aktuell ist zu beobachten, dass Naturkatastrophen in der Risikowahrnehmung der Unternehmen sinken (siehe Abbildung unten). Langfristig betrachtet nehmen Extremwetter, Verlust der Biodiversität und die kritische Veränderung der Erdsysteme aber die Spitzenplätze ein. Was ist zu tun?
Erdönmez: Ich glaube nicht, dass das Naturkatastrophenrisiko vernachlässigt wird. Aber es ist naheliegend, dass angesichts vieler Kriege und akuter Krisen das Klimathema – in der Wahrnehmung – für manche in den Hintergrund rückt. Dennoch bleibt es auf dem Radar der Unternehmen. Denn ohne Prävention gegen Klimarisiken können wir Unternehmen oder Standorte nur noch schwer versichern.
Eine genaue Analyse und datenbasierte Risikoeinschätzung bei der Standortwahl sind essenziell, um erst einmal eine Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Davon können wir dann Präventionsmaßnahmen ableiten, über eine gewisse Eigentragung nachdenken und darüber, welchen Teil des Risikos man transferieren möchte. Diese Zusammenarbeit mit Maklern und Unternehmen wird immer wichtiger – denn der Klimawandel beschleunigt sich exponentiell.
Nazaruk: Bei diesem Thema liegen wir sehr eng beieinander: Das Klimarisiko besteht langfristig und erfordert sehr genaue und umfangreiche Analysen. Wir sind hierbei kein reiner Policen-Vermittler, sondern Risikoberater.
Gerade bei Naturkatastrophenrisiken benötigen Unternehmen diese Unterstützung: Wo bauen wir eine Produktion auf? Welche Maßnahmen müssen wir einleiten, wenn wir bereits in einem gefährdeten Gebiet agieren? Hier spielen Daten eine wesentliche Rolle – mit ihnen betrachten wir die Vergangenheit ebenso wie in die Zukunft gerichtete Projektionen.
Fazit: Versicherung ist gut und wichtig – noch besser ist es aber, Gefahren zu antizipieren und Schäden gar nicht erst entstehen zu lassen. Dabei ziehen wir im Sinne unserer Kunden mit den Versicherern an einem Strang und haben viele Dienstleistungen entwickelt, um Naturkatastrophenrisiken bestmöglich zu quantifizieren.

