„Ich rate dazu, die Einführung eines neuen Systems nicht als IT-Angelegenheit zu sehen“
Novum-RGI-Geschäftsführer Kai-Uwe Reiter (Bildquelle: RGI)
Als Versicherer steht man vor der Entscheidung, die Erneuerung der Kernsysteme selbst vorzunehmen oder sich für Standardsoftware zu entscheiden. Welche Lösungen gerade am gefragtesten sind und auf welche Erfolgsfaktoren es bei der Einführung ankommt, klärt Novum-RGI-Geschäftsführer Kai-Uwe Reiter im Interview auf.
VWheute: Herr Reiter, Ihr Unternehmen Novum-RGI ist unseren Lesern möglicherweise noch nicht hinlänglich bekannt. Stellen Sie bitte die RGI-Gruppe und Novum-RGI kurz vor.
Kai-Uwe Reiter: Die RGI-Gruppe ist einer der führenden Anbieter für Versicherungskernsysteme in Europa mit über 1.300 Mitarbeitern und Hauptsitz in Italien. Als Gruppe haben wir in 17 Ländern über 150 Kunden in der Versicherungswirtschaft! Nahezu alle großen Versicherungshäuser Europas zählen zu unserer Kundschaft.
Novum-RGI gehört seit über sieben Jahren zur RGI-Gruppe. Der Hauptsitz ist in Nürnberg, weitere Niederlassungen sind in Köln, Salzburg, St. Gallen und in Maribor (Slowenien). Mit nahezu 200 Mitarbeitern haben wir die Grundlage geschaffen, umfassende Services für unsere Kunden sicherzustellen. Unsere V’ger Suite Plattform-Lösung ist die strategische Plattform der Gruppe für den Versicherungsmarkt in der Dach-Region.
VWheute: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation bei den Versicherern ein in Bezug auf den Einsatz neuer Technologien? Was sind die Treiber dafür?
Aktuell ist die große Hoffnung zu spüren, mithilfe von KI bestehende Defizite der im Einsatz befindlichen Altsysteme zu eliminieren und auf diesem Wege Prozesseffizienzen herbeizuführen. Hiervon kann ich nur abraten, denn auch in diesem Fall gilt das altbekannte IT-Prinzip: „Garbage in, Garbage out“.
Sinnvoller ist es aus meiner Sicht, zunächst eine qualitativ hochwertige Datenbasis durch den Einsatz von Standardsoftware für die Kernprozesse zu schaffen und darauf dann spezifische KI-Lösungen aufzusetzen. Aus diesem Grund wollen in Zukunft VUs vermehrt auf Standardsysteme setzen.
Neben dem Einsatz von KI sind die Gründe für den Wechsel auf neue Technologien mannigfaltig. Bei vielen Versicherern ist es z.B. die fehlende Flexibilität in den Altsystemen, was die Anbindung von Vertriebs- und Kundenkanälen angeht, oder schnelleres Time-to-Market mit neuen innovativen Produktentwicklungen. Aber auch zunehmende Ressourcenprobleme bzgl. HOST-Betreuung und Weiterentwicklungen auf dem Mainframe spielen dabei eine wichtige Rolle. Das Thema „Kopfmonopol“ ist hierbei nicht zu vernachlässigen und der Verlust dieses Wissens wird durch das Ausscheiden der Mitarbeiter ein immer größeres Problem.
VWheute: Welche Lösung schlagen Sie vor und wie unterscheidet sich Ihre Lösung V’ger von anderen am Markt verfügbaren Systemen?
Ich sehe aktuell eine verstärkte Nachfrage im Markt nach Plattformlösungen. Das bedeutet für Systemhäuser wie uns, Lösungen End-to-End auf einer einheitlichen technologischen Plattform bereitstellen zu können.
Mit unserer V’ger Suite bieten wir eine solche Plattform für die Kern-Versicherungswertschöpfungskette vom Angebot über Vertrag und Schaden sowie Provisionen bis hin zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs. Bei der Abbildung der Versicherungsprodukte sowie Bündelungen im eigenen Produktserver sind quasi keine Grenzen gesetzt.
Alle unsere Systeme und Module sind selbst entwickelt und bauen auf derselben technologischen Basis auf. In den letzten zehn Jahren konnten wir für SHUKR eine echte Standardlösung entwickeln. Wir stellen im Standard alle für den deutschen Versicherungsmarkt relevanten Services und Schnittstellen wie z.B. eVB/VWB, GDV, BiPro mit allen relevanten Kernprozessen, Sparten und Produkten für die Dach-Region bereit.
Unser Komposit-Kernsystem V’ger P&C befindet sich bereits bei einer Vielzahl von Versicherungskunden produktiv im Einsatz bzw. kurz vor dessen Einführung. Des Weiteren haben wir mit V’ger Life eine weitere Kernsystemkomponente innerhalb unserer Suite für Leben auf dem Markt, welche sich in Österreich und der Schweiz bereits etabliert hat und sich bei deutschen Versicherungskunden in der Implementierung befindet.
VWheute: Als Versicherung steht man vor der Entscheidung, die Erneuerung selbst vorzunehmen oder sich für Standardsoftware zu entscheiden. Was spricht für die Einführung von Standardsoftware?
Ja, in der Tat, das ist eine Grundsatzentscheidung. Wobei man sich als Versicherer klar sein muss, was Eigenentwicklung bedeutet, sowohl für das erforderliche Skillset, den Umfang an internen Ressourcen bei der Erstellung und später in der Weiterentwicklung und im Betrieb.
Wie verhält sich dabei der Mehrwert gegenüber einer Standardlösung? Die Antwort darauf gibt in Teilen der Markt, wenn einige Versicherungen ihre ambitionierten Pläne an Eigenentwicklungen bereits wieder begraben haben oder mit deren Herausforderungen straucheln.
Kurz und bündig, was spricht für Standardlösungen?
- Relevante sparten- und spartenübergreifende Prozesse sind bereits vorhanden und können sofort eingesetzt werden.
- Im Einführungsprojekt bleibt der kundenspezifische Aufwand dadurch überschaubar und die Komplexität reduziert sich signifikant.
- Wartung und Pflege, Updates der Software liegen beim Lösungsanbieter, Versicherungen können sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.
- Gesetzliche und versicherungsspezifische Regulatorik sind Bestandteil echter Standardlösungen
- Drittanbieter-Lösungen sind leicht integrierbar, Stichworte hierzu sind z.B. ein echtes Ökosystem und KI-Lösungen
- Eine offene Architektur mit „API-First“-Ansatz.
VWheute: Was können Versicherungsunternehmen tun, damit die Einführung eines neuen (Standard-)Kernsystems erfolgreich verläuft?
Hier habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sehr wichtig ist, sich generell vom Mindset her auf den Standard einzulassen! Dieses Mindset gilt es sowohl im Management bis hin zu den Mitarbeitern konsequent zu „leben“. Das bedeutet im Zweifel auch „alte Zöpfe“ abzuschneiden. Zu Beginn des Projektes klar formulierte Leitplanken/Guidelines sind hierfür sehr hilfreich.
Ich rate ebenfalls dazu, die Einführung eines neuen Systems nicht als IT-Angelegenheit zu sehen. Solch eine gravierende Maßnahme, wie der Austausch eines Kernsystems wird nur erfolgreich sein, wenn entsprechend flankierende organisatorische Maßnahmen getroffen werden. Im Zuge eines Change-Managements sollten Betriebsabläufe überdacht und Mitarbeiter einbezogen und abgeholt werden.
Bei diesen Veränderungen ist oft ein Großteil des Unternehmens betroffen, sodass der Vorstand als Sponsor fungieren sollte und somit Kurs halten kann, auch wenn das „Schiff einmal in schwere See“ gerät.
Im Übrigen sehe ich hierbei keine Unterschiede hinsichtlich der Größe der Unternehmen. Dies betrifft alle gleichermaßen.
VWheute: Was tun Sie als Softwareanbieter dafür, dass so ein komplexes Vorhaben erfolgreich für beide Seiten wird?
Auf diese Situation sind wir mit unserer „Novum-Trilogie“ bestens vorbereitet. Wir haben eine einzigartige Integration aus unserer Standard-Plattformlösung, der vollständigen Dokumentation sowie einer spezifischen Einführungsmethodik geschaffen. Die Durchführung des Projekts auf Basis dieser Trilogie ermöglicht den Einsatz konkreter, auf die Projektziele ausgerichtete, praxiserprobte Implementierungspfade und damit eine signifikante Minimierung der Komplexität und der Risiken.
Eine herausragende Bedeutung spielt die vollständige Dokumentation des Systems sowie der Prozesse, die bis ins kleinste Detail reicht. Dies spielt für unsere Kunden vor dem Hintergrund der stets steigenden Anforderungen aus VAIT oder DORA eine immer größere Rolle. Wir sind in der Lage, sowohl den Standard als auch die kundenspezifischen Erweiterungen getrennt voneinander releasefähig zu dokumentieren, sodass unsere Kunden auf eine zu jeder Zeit aktuelle und vollständige Dokumentation zurückgreifen können.
Darüber hinaus kennen unsere Experten den deutschsprachigen Versicherungsmarkt genaustens und können fachlich wie technisch mit unseren Kunden stets ohne Sprachbarrieren auf Augenhöhe die Lösungen gestalten.
VWheute: Zu guter Letzt. Wie sieht die Entwicklung im Hinblick auf Cloud-Lösungen vs. On-Premise aus und welche Betriebsmodelle bietet Ihr Unternehmen an?
Ich nehme aktuell eine zunehmende Tendenz in Richtung Cloud-Technologie wahr. In diesem Bewusstsein ist vor über zehn Jahren auch die NCP (Novum-Cloud-Plattform) entstanden, die bei etlichen unserer Kunden im Einsatz ist.
Als Lösungsanbieter agieren wir offen und flexibel und setzen auch hier auf den Standard der Cloud Native Foundations. Egal ob sich unsere Kunden für die Einbettung in ihre eigene Infrastruktur (klassisch oder bereits im Einsatz befindliche Cloud) oder für unsere NCP entscheidet, Cloud Readyness ist bei uns inbegriffen und gehört zum Standard.
Wir als Novum bieten hierzu auch ein Fully SaaS-Modell an, das bedeutet V’ger as a Service. Auch ein PaaS-Model inkl. der NCP haben wir im Portfolio. Beide Varianten sind neben der klassischen On-Premis-Variante bereits mehrfach erfolgreich im Einsatz.
