Folge von Stresstests: Schraubt EIOPA die Eigenkapitalanforderungen nach oben?

Stresstest von EIOPA. Bild von Gerd Altmann auf Pixabay.

Die European Insurance and Pension Authority (EIOPA) stellt das Ergebnis ihres 5. Stresstests für die Assekuranz vor. Die Branche ist stabil, benötigt aber in vielen Fällen dafür die bereitgestellten Übergangsmaßnahmen. Die Frage ist allerdings, ob ein Stresstest dieser Ausführung und die daraus resultierenden Maßnahmen sinnvoll sind.

Während Solvency II Unternehmensrisiken über einen 200-jährigen Zeitraum betrachtet, gehen Stresstests hierüber hinaus. Sie beschäftigen sich mit sehr unwahrscheinlichen hypothetischen Szenarien, mit denen nicht einmal alle 200 Jahre  – Value at Risk in einem Szenarium jenseits einer 99,5%igen Wahrscheinlichkeit – zu rechnen ist. Geprüft wird, ob auch unter den angenommenen Bedingungen eine Solva-Marge von noch 100% vorgewiesen werden kann.

Die Ergebnisse gesamt

Der Test betraf 44 Unternehmensgruppen mit 117 Einzelgesellschaften in 20 europäischen Staaten, die alle grenzüberschreitend operieren. Auf sie entfallen 75% der in der EU gehaltenen Gesamtsolvabilität. Kleinere bzw. rein nationale Unternehmen blieben von der Notwendigkeit der Teilnahme verschont.

Beim diesjährigen Stresstest ging es nicht nur um die Solva-Marge, sondern auch um die Liquiditätssituation nach dem stressenden Geschehen. Dabei betrachtet EIOPA sowohl die mikroprudentielle Marge der einzelnen Versicherungsgruppe als auch die Resilienz der europäischen Assekuranz im Aggregat. Derartige Stresstests sind alle drei Jahre vorgesehen, der 2022er EIOPA-Stresstest betrifft Pensionsfonds, die Assekuranz ist erst 2024 erneut dran.

Das Test-Szenario war ein Doppelschlag:

•       In der Versicherungstechnik waren Übersterblichkeit und COVID-BU-Schäden maßgebend.

•       Investments in einer generell geschwächten Weltwirtschaft, charakterisiert durch anhaltende Niedrigzinsen. Gleichzeitig steigende Risikoprämien auf riskantere Investments wie Aktien und Corporate-Bonds, woraus Abschreibungen resultieren müssten.

Unternehmen mussten zwar selber ihre Post-Stresswerte prognostizieren, ihre Berechnungen unterlagen hernach jedoch der Überprüfung erst durch die nationalen Aufsichtsbehörden und anschließend durch EIOPA. Dies soll ‚mogeln‘ unmöglich gemacht haben. Der Test erfolgte auf Basis von Versicherungsgruppen, differenzierte also nicht zwischen Leben und Nichtleben. Im Ernstfall wären schließlich einzelne Konzerngesellschaften Gegenstand getrennter Liquidationen. Auch professionelle Rückversicherer unterlagen keiner gesonderten Betrachtung, was den Aussagewert der Tests reduzieren dürfte und erstaunt. Diese tragen unter Lebenszessionen auf YRT-Basis jedoch nicht das Investmentrisiko. Aus den individuellen Test-Ergebnissen können ‚Empfehlungen‘ von EIOPA bzw. der nationalen Aufsichtsbehörden fließen, wie die einzelne Unternehmung resistenter aufzustellen wäre. Etwa durch „De-risking“, mehr Rückversicherung oder mehr Eigenkapital.

Die Publizierung der Stress-Ergebnisse ist noch nicht vorgeschrieben, lediglich acht  der beteiligten Unternehmen publizieren ihre individuellen Ergebnisse freiwillig, kein deutsches Unternehmen war dabei. EIOPA möchte im Sinne der Transparenz wohl möglichst rasch zu einer bindend vorgeschriebenen Veröffentlichung aller Ergebnisse kommen.

Über 200 Prozent

Der gegenwärtige gewogene Durchschnitt der Solva-Margen liegt bei 217,9%, läge aber ohne die Übergangsvorschriften sowie die generöse Behandlung von Zinsannahmen im Hinblick auf „Langzeitgarantien“ von Lebensversicherern um einiges niedriger. Von diesem Niveau purzelte die durchschnittliche Solva-Marge der Branche im betrachteten Szenarium auf 125,7%  – ohne Transitionals 111,0% . Gestattete man den Versicherern in ihrer Modellierung geeignete Gegenmaßnahmen, wiesen sie im Schnitt noch eine gestresste Solva-Marge von 139,3% – ohne transitionals 123,8% – auf. Zwar wurde auch die Liquidität modelliert, aber diese stellt bei Versicherern mit ihren vertraglich fixierten Auszahlungsmustern eigentlich nie ein Problem dar, anders als der ‚Run on the Bank‘.

Die Branche ist mit dem Resultat zufrieden. „Die Ergebnisse des EIOPA-Stresstests bestätigen, dass die europäische Versicherungsbranche in der Lage ist, ihre Versprechen gegenüber den Kunden auch bei einem Extremereignis von 1:1000 Jahren einzuhalten“, jubiliert die Insurance Europe, der Verband europäischer Versicherer.

Was kommt?

Am Horizont könnte sich nun die Gefahr abzeichnen, dass EIOPA unter Hinweis auf das Ergebnis derartiger Stresstests die Eigenkapitalanforderungen an die Assekuranz immer höher schraubt. Ein ähnliches Vorgehen durch die europäische Bankenaufsicht lässt seit Jahren bereits viele Bankaktien bei einem Bruchwert des Nettowerts herumdümpeln. Ist es vertretbar, im Hinblick auf extrem unwahrscheinliche Szenarien lang überschüssiges Kapital aufzuweisen und entsprechend verzinsen zu müssen?

Autor: Carl Philipp Thomas

Ein Kommentar

  • Eine Übung mit sehr begrenzter Aussagekraft zusätzlich zu den Solvency II Berechnungen und darauf ohnehin von den Unternehmen durchgeführten Sensitivitätsrechnungen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

6 + sechzehn =