Gelingt den Insurtechs der iPhone-Effekt für die Versicherungsbranche?

Bildquelle: Apple

Jeder möchte innovativ sein, doch keiner möchte der Erste sein. Diesen Satz hört man oft in der Versicherungsbranche – womöglich zu oft. Viele fragen sich, wann der Big Bang die Versicherungsbranche erreicht. Wann entern disruptive Akteure die Branche? Wann kommt der iPhone- oder Uber-Moment für die Versicherer? Bei Insurtechs wächst jedoch die Erkenntnis, dass Sie die Branche nicht revolutionieren müssen. Bei vielen etablierten Versicherern ist der Bedarf nach Partnerschaften mit Startups sehr groß. Daher stellt sich für Startups häufig die Frage, ob Sie bestehende Versicherer ersetzen wollen oder lieber diese in der Transformation ins digitale Zeitalter begleiten möchten.Ein Gastbeitrag von Fabian Nadler.

Startups als reine Enabler?

Die Corona-Krise hat aufgezeigt, was technologisch bereits möglich ist, sofern auch der Wille zur Umsetzung vorhanden ist. Oftmals sind dabei die Kunden schon weiter als die Angebote vieler Versicherer. Das Smartphone als ständiger Begleiter bleibt von Versicherern weitgehend ungenutzt, obwohl knapp 40 Prozent der Bundesbürger ab 16 Jahren sich einen Versicherungsabschluss via Smartphone vorstellen können bzw. dies schon getan haben. In der jungen Zielgruppe liegt die Zahl noch höher. Auch beim Thema Video-Beratung haben viele Versicherer erst während der Corona-Krise reagiert, anstatt sich aktiv mit verändertem Kundenverhalten auseinanderzusetzen. Und diese Zurückhaltung, selbst loszulegen, zieht sich bis zur Produktentwicklung: Der digitale Kunde möchte gerne eine zügige und transparente Entscheidung treffen; ohne komplizierte Versicherungsbedingungen.

Startups können in all diesen Fragen ein guter Partner sein. Video-Beratung und eine intuitive (Web-)App sind heutzutage nicht mehr optional, sondern ein Muss und können mit Hilfe von Startups schnell umgesetzt werden. Beim Thema Produktentwicklung sind viele etablierte Akteure aufgrund ihrer IT-Legacy beschränkt. Insurtechs, teilweise auch mit BaFin-Lizenz, können mit moderner IT und schlanken Prozessen hervorragende Partner bei der Entwicklung von flexiblen und modularen Produkten sein.

Neo-Versicherungen als Disruptoren?

Einige Startups geben sich aber nicht mit dem Status-Quo in der Versicherungslandschaft zufrieden. Sie wollen zum Beispiel selbst die Kundenschnittstellen besetzen, leicht verständliche Produkte entwickeln und sogar das Risiko tragen. Ein Blick in die Bankenlandschaft verrät, welche Vorteile sogenannte Neo-Banks N26 oder Revolut mit sich bringen und wie diese schnell eine relevante Kundenanzahl erreichen. Im vergleichsweise trägen Versicherungsbusiness ist solch ein schnelles Kundenwachstum nicht zu vermuten. Auf der anderen Seite zahlen die Kunden bei den Startups von Tag eins ihre Prämien und bleiben oftmals jahrzehntelang ihrer Versicherung treu.

Neo-Versicherungen können also durch schlanke Prozesse, moderne Kundenansprache und leicht verständliche Produkte durchaus eine Bedrohung für die etablierten Gesellschaften darstellen. Aufgrund dieser Vorteile können InsurTechs sowohl über den traditionellen Vertriebsweg bei Maklern als auch im digitalen Direktvertrieb punkten. Nichtdestotrotz stellt sich die Frage, ob Insurtechs aufgrund der angesprochenen Vorteile dauerhaft ihre Kundenzahl erhöhen können oder bei einer geringen und nicht profitablen Anzahl stagnieren werden. Dabei wird auch die Frage nach dem optimalen Vertriebsweg eine große Rolle spielen.

Was bringt die Zukunft?

Kooperationen zwischen Startups und der Versicherungen sollten in Zukunft keine große Neuigkeit mehr sein. Insurtechs werden als Partner Teile der Wertschöpfungskette übernehmen, sei es aufgrund höherer Technologiekompetenz, besserer Kundeninteraktion oder schlichtweg aufgrund eines anderen Mindsets.

Werden komplett neue Player am Markt dauerhaft Erfolg haben, die den Kunden von A-Z versorgen? Die Versicherungsunternehmen sollten auf jeden Fall ganz genau im Blick haben, was die jungen Unternehmen vorhaben und tun. Und selbst dafür sorgen, dass sie im digitalen Zeitalter ankommen. Wenn sie sich an der konsequenten Kundenfokussierung und der flexiblen IT-Architektur der Startups orientiert, hätte die Branche schon einen großen Schritt getan.

Autor: Fabian Nadler, Bereichsleiter Digital Insurance & InsurTech

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