Business Continuity Management: Wenn die Lieferkette reißt

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Covid-19 hat die Abhängigkeit der Unternehmen von deren Lieferketten und Schwächen beim Business-Continuity-Management in schonungsloser Härte aufgedeckt. Jetzt wollen alle handeln. Aber was ist die richtige Strategie, um die nächste Krise zu bewältigen? Ein Gastbeitrag von Jürgen Wiemann.

Wie sehr Lieferketten während der Pandemie unter Druck gerieten, zeigt die Situation der Automobilhersteller Anfang des Jahres. Durch fehlende Halbleiter drohten bei vielen Autobauern Produktionsstopps, Verzögerungen bei den Auslieferungen und Maßnahmen wie Kurzarbeit. Kurzfristige Lieferalternativen gab es nicht. Viele Hersteller mussten die Produktion drosseln. Ein weiterer Nackenschlag für die ohnehin arg gebeutelte Automobil-Industrie.

Wir stellen zwei entgegengesetzte Entwicklungen bei den Supply-Chain-Strategien fest: Die eine ist Nearshoring – also die Verlagerung der Produktion in ein nahe gelegenes Land oder näher an den Absatzmarkt, im Falle von Deutschland zum Beispiel nach Osteuropa. Die andere ist ein teilweises Reshoring – also der Versuch einer Zurückverlagerung der Produktion ins eigene Land und verbundener Zulieferer, insbesondere bei US-Unternehmen. Egal in welche Richtung es letztlich für deutsche Unternehmen gehen wird, die erhöhte Widerstandsfähigkeit von Lieferketten ist zu begrüßen. Sie hilft nicht nur bei der Versicherbarkeit von Risiken, sondern auch dabei, schneller auf Markttrends zu reagieren.

Wie kann sich ein Unternehmen also vor der nächsten Krise schützen?

Ohne Zweifel sind durch die Pandemie nicht nur die Lieferketten, sondern auch das gesamthafte Business-Continuity-Management eines Unternehmens stärker in den Fokus gerückt. Viele Unternehmen haben in den vergangenen Monaten festgestellt, dass ihre Krisenpläne durch das schnelle Tempo der Pandemie und die Änderungen der öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen schnell überfordert waren. Es zeigt sich immer wieder, dass Krisenpläne ständig aktualisiert und getestet werden müssen, damit sie am Tag X tatsächlich angewendet werden können.

Sie müssen funktionsübergreifend sein und in das Risikomanagement und die strategischen Prozesse eines Unternehmens integriert sein. Covid-19 hat zudem gezeigt, dass Unternehmen ein breiteres Spektrum an Szenarien in Betracht ziehen müssen, um auf zukünftige extreme Betriebsunterbrechungen vorbereitet zu sein. Die Identifizierung und das Verständnis potenzieller „Black Swan“-Ereignisse wird unsere gemeinsame Herausforderung sein, aber der zentrale Schlüssel zum Überleben solcher Krisen wird die Fähigkeit der Unternehmen sein, schnell zu reagieren.

Wie kann sich ein Unternehmen also vor der nächsten Krise schützen? Natürlich lässt sich nicht jedes Risiko versichern. Das Risikomanagement deutscher Unternehmen ist heute sehr gut bei traditionellen Risiken aufgestellt. Es könnte aber noch besser sein, wenn es um immer wichtiger werdende immaterielle Vermögenswerte geht – auch das hat Covid-19 schamlos aufgedeckt. Klar ist, dass die Versicherungsbranche nicht alle Herausforderungen der Unternehmen abnehmen kann, aber wir können mit unseren Kunden partnerschaftlich zusammenarbeiten und gemeinsam versuchen, die Risiken in der Lieferkette zu sehen, zu verstehen und so auch zu verringern.

Am Ende ist es vor allem die Transparenz, die Risiken erkennbar, kontrollierbar, quantifizierbar und damit versicherbar macht – z.B. auch von Lieferanten-Abnehmer-Beziehungen. Die Empfehlung kann deshalb nur lauten, vorausschauend zu denken und zu überlegen, wie sich das Geschäft, der Markt, die Kunden und Lieferanten in einem bestimmten Szenario verändern könnte. An einer Szenario-basierten Business-Continuity-Planung, die die eigene Aufstellung und die Belastbarkeit von Lieferketten unter verschiedenen Szenarien kritisch hinterfragt, geht kein Weg vorbei. Potenzielle Auswirkungen auf das Geschäft müssen verstanden sein, Maßnahmenpläne vorliegen und getestet sein, bevor die Krise an die Türe klopft.

Autor: Jürgen Wiemann, Leiter der Sachversicherung der Allianz Global Corporate & Specialty für die Region Zentral- und Osteuropa

Mehr zum Thema lesen Sie in der Märzausgabe der Versicherungswirtschaft.

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