Gibt es einen Run auf Run-off?

Keynote-Speaker David P. Schieldrog von Wells Fargo Securities. Quelle: sgk

Hierzulande wird der Run-offs von Versicherungsbeständen immer noch eher skeptisch gesehen – in den angelsächsischen Ländern ist das ganz anders, wie mehrere Referenten bei der SZ-Fachkonferenz „Run-off 2020“ aufzeigten. Als Keynote-Speaker stellte David P. Schieldrop, Managing Director von Wells Fargo Securities, dar, dass die Run-off-M&A-Märkte in den USA sehr robust seien.

Die Preise seien historisch hoch, die angenommenen Werte überstiegen oft den Embedded Value, es herrsche ein großer Wettbewerb. Allerdings scheiterten nicht wenige Deals – vor allem deswegen, weil entweder der geforderte Preis zu hoch sei oder die potenziellen Käufer Kreditprobleme hätten. Manche überlegten es sich auch deshalb, weil sie die Bestände doch lieber behalten wollten bzw. befürchteten, dass dies den Kundenbeziehungen schaden könnte.

Insgesamt werde der Run-off aber als Instrument des Kapitalmanagements akzeptiert – „jede große Gesellschaft hat das schon getan“, so Schieldrop – „die Märkte mögen Run-off“, wie sich an der Entwicklung der Aktien zeige.  Der wesentliche Grund für die aktuelle Zuneigung liege in der  Niedrigzinsphase. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Gefahr bestehe, dass es bei wieder steigenden Zinsen kein Geschäft mehr gebe.

Zersplitterter Markt

Der deutsche Versicherungsmarkt ist zwar relativ stabil, merkte Johannes-Tobias Lorenz, Senior Partner von McKinsey, an, doch das sei trügerisch. Viele deutsche Lebensversicherer seien aufgrund ihrer geringen Größe im weltweiten Maßstab irrelevant, es gebe viele kleine und kleinste Spieler mit sehr kleinen Marktanteilen. Die Frage sei aber: „Wie viele Spieler werden davon in Zukunft noch relevant sein?“

Die Versicherer seien dabei zwischen Skaleneffekten, also den Vorteilen, die größere Einheiten mit sich bringen, und dem Schwergewicht auf Scopeeffekten, der Fokussierung auf die Stärken, hin- und hergerissen. Allerdings zeigten Untersuchungen, dass bei den wichtigsten Hebeln die Unterschiede gar nicht so groß seien. Unverzichtbar seien allerdings Investitionen in eine moderne IT – „die IT ist einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren“, konstatierte Lorenz.

Zudem erläuterte Arndt Gossmann, Managing Partner von Gossmann & Cie, an einem praktischen Beispiel, warum Run-off eine Chance sein kann. Er hatte seit 2017 die Sanierung und Abwicklung der Schwarzmeer- und Ostseeversicherungs-AG (Sovag) betrieben, die vor knapp 100 Jahren als eine Art Versicherungs-Außenposten von der damaligen Sowjetunion gegründet worden war und seitdem die Versicherungsgeschäfte russischer Firmen im Ausland vertreten hatte.

„Sie war ein Musterbeispiel dafür, was passiert, wenn man zu lange wartet“, so Gossmann. Deshalb sei es sinnvoller gewesen, das Geschäftsmodell nicht weiterzuentwickeln. Stattdessen wurden Ende 2019 die Bestände an die auf Run-off spezialisierte Darag übertragen und die Lizenz zurückgegeben. Die Infrastruktur und das System der Sovag passten dagegen hervorragend zu Gossmann & Cie., „wir mussten nur das Moos herausfiltern“. Gossmann & Cie. wird aktuell zu einer Abwicklungsplattform aufgebaut, der Risikoträger sitzt dabei auf Malta.

Autorin: Susanne Görsdorf-Kegel

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