Wiltrud Pekarek: “Pflegebürgerversicherung ist aus aktuarieller Sicht keine Lösung”

Wiltrud Pekarek. Quelle: Alte Leipziger-Hallesche

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl macht die Branche erneut mobil gegen die Bürgerversicherung. Dabei sei auch eine Pflegebürgerversicherung keine Lösung, um die strukturellen Probleme des Pflegesystems zu lösen, konstatiert Wiltrud Pekarek, Vorstandsmitglied und Vorsitzende des Ausschusses Krankenversicherung der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV).

Das größte Problem nach Ansicht der Versicherungsmanagerin: Anders als in der privaten Pflegeversicherung (PPV) seien in der ebenfalls 1995 eingeführten sozialen Pflegeversicherung (SPV) kaum Reserven gebildet worden, um die Auswirkungen des demografischen Wandels abzufedern. Dementsprechend stehe die SPV vor einer doppelten Belastung: Um das Jahr 2030 wird die Generation der Babyboomer in Rente gehen.

“Die Einführung einer Pflegebürgerversicherung ist aus aktuarieller Sicht keine Lösung, um das deutsche Pflegesystem zukunftsfest zu machen, und würde einseitig die Privatversicherten belasten.”

Wiltrud Pekarek, Vorstandsmitglied und Vorsitzende des Ausschusses Krankenversicherung der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV)

“Der Jahrgang 1964 mit 1,4 Millionen Menschen ist heute 57 Jahre alt, hat durchschnittlich ein höheres Einkommen als jüngere Jahrgänge und trägt somit überproportional zur Finanzierung der Sozialsysteme bei. In einem Jahrzehnt geht diese Generation in den Ruhestand und wird nur noch aus den in der Regel geringeren Alterseinkünften in das Umlagesystem einzahlen”, konstatiert Pekarek. “Die SPV steht damit zunächst vor einem erheblichen Einnahmeproblem”, ergänzt die Vorständin der Alte Leipziger-Hallesche.

“Im Lichte dieser Zahlen ist der Vorschlag für eine Pflegebürgerversicherung der Versuch, kalkulatorische Fehler beziehungsweise Versäumnisse in der SPV der Vergangenheit und Gegenwart durch den Griff in die Geldbörsen der PPV-Versicherten zu korrigieren.”

Wiltrud Pekarek, Vorstandsmitglied und Vorsitzende des Ausschusses Krankenversicherung der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV)

“In den beihilfeberechtigten Tarifen für Beamtinnen und Beamte ist der Anteil der über 65-Jährigen bereits heute höher als in der sozialen Pflegeversicherung. In den Tarifen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wird das in eineinhalb Jahrzehnten der Fall sein. Ganz anders präsentiert sich leider die Situation in der SPV. Hier fließt erst seit 2015 aus deren Einnahmen 0,1 Beitragssatzpunkte in einen Pflegevorsorgefonds, in dem bislang rund acht Milliarden Euro liegen. Jedes Jahr kommen etwa 1,5 Milliarden hinzu”, erläutert Pekarek.

Mehrheit der Deutschen befürwortet Bürgerversicherung

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen spricht sich indes für eine Bürgerversicherung aus. Laut einer repräsentativen Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des ARD-Magazins Monitor würden 69 Prozent der Befragten die Einführung einer Bürgerversicherung “gut” oder “sehr gut” finden. Überraschend sei dabei auch, dass selbst unter den Anhängern von Union (68 Prozent) und FDP (62 Prozent) eine deutliche Mehrheit der Befragten die Einführung einer Bürgerversicherung befürwortet. SPD, Grüne und Linke sprechen sich in ihren Wahlprogrammen für eine Bürgerversicherung aus, Union und FDP sind dagegen.

Zudem habe der Gesundheitsökonom Heinz Rothgang von der Universität Bremen für die Bundestagsfraktion der Linken errechnet, dass der Beitragssatz der gesetzlichen Krankenversicherung mit der Einbeziehung weiterer Gruppen und der Änderung der Beitragsbemessungsgrenze spürbar sinken könnte: “Es ist letztlich auch ein Strukturproblem unseres Systems, dass nicht langfristig gedacht und geplant wird, sondern dass man sich kurzfristig von einer Gesundheitsreform zur nächsten durchhangelt”.

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kommt zu einem ähnlichen Schluss – jedoch mit einer Einschränkung: “Allerdings würde die Beitragslast der GKV-Bestandsversicherten binnen weniger Jahre wieder das ursprüngliche Niveau erreichen”.

Autor: VW-Redaktion

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

vierzehn − 10 =