Bäte blickt auf Structured-Alpha-Krise zurück: „Wir haben uns sehr, sehr schnell davon erholt“

Allianz-CEO Oliver Bäte (Bildquelle: Allianz)

„Ich fand, das Anstrengendste war für mich Structured Alpha, weil ich in der Zeit CEO war“, antwortet Allianz-Chef Oliver Bäte in einem Podcast der Wochenzeitung Die Zeit auf die Frage nach seinen schwersten Bewährungsproben im Amt. Im Zuge des Betrugsskandals wurde der Allianz-Tochter AGI US 2022 eine zehnjährige Sperre für das Angebot von Investmentfonds gegenüber US-Investoren aufgebrummt. 2025 wurde diese aufgehoben. Rückblickend spricht Bäte vom „wahrscheinlich schwierigsten, aber auch einem der besten Momente.“

Im Zeit-Podcast nimmt Oliver Bäte Stellung zu den schwersten Bewährungsproben seiner Amtszeit, den strategischen Prioritäten des Versicherers sowie zu drängenden wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen. Das Gespräch wurde bereits am 3. August 2026 aufgezeichnet und nun veröffentlicht.

Ein Fokus liegt in der Aufarbeitung des Skandals um die US-Investmentfonds Structured Alpha der Allianz Global Investors, der den Konzern finanziell und in der Reputation schwer traf. Auf die Frage nach der bisher schwierigsten Krise nennt Bäte explizit die Vorfälle um die US-Fonds. Anders als bei vorherigen Krisen wie dem Engagement bei der Dresdner Bank oder den Turbulenzen der Finanzkrise 2008 fiel dieses Ereignis direkt in seine Verantwortung als Vorstandssprecher.

Im Zuge des Betrugsskandals um Structured-Alpha-Hedgefonds wurde der Allianz-Tochter AGI US 2022 eine zehnjährige Sperre für das Angebot von Investmentfonds gegenüber US-Investoren aufgebrummt. Diese hat die Börsenaufsicht SEC 2025 und damit sieben Jahre früher als geplant wieder aufgehoben.

Für den Mutterkonzern Allianz war der finanzielle Schaden beträchtlich. Nach einem Vergleich mit dem Ministerium war der Versicherer bereit, eine Strafe von 2,33 Mrd. Dollar zu zahlen und die Anleger mit 3,24 Mrd. für ihren verlorenen Einsatz zu entschädigen. In einem separaten Vergleich zahlt die Allianz 675 Mio. Dollar an die Wertpapieraufsicht SEC. Die Einigung kam so schnell zustande, da sich AGI selbst des Wertpapierbetrugs für schuldig erklärt hat – was sehr selten vorkommt

„Ich fand, das Anstrengendste war für mich Structured Alpha, weil ich in der Zeit CEO war“, erklärt Bäte. „Das war etwas, was man selber machen muss, auch wenn die Verantwortung an ganz anderer Stelle lag. Alles, was ein großes Problem ist, ist mindestens auch ein Problem des Vorstandsvorsitzenden. Da kann man sich nicht verstecken, man muss sich selber darum kümmern.“

Zur Schadensbegrenzung entschied die Konzernführung, betroffene Investoren zu entschädigen. Bäte ordnet diesen Schritt rückblickend so ein: „Die beste Entscheidung meines Lebens war, zu sagen, wir kompensieren jeden einzelnen Investor, unabhängig davon, was das Department of Justice oder die SEC denkt, mindestens mit dem eingesetzten Kapital. Das heißt, niemand wird jemals einen Dollar an diesem Fonds verlieren.“

Das Kernteam bei den Verhandlungen mit dem US-Justizministerium sei klein gewesen. „Wir waren vier oder fünf, mehr waren es nicht, die quasi damals im Feuer beim Department of Justice standen, zusammen mit unserem Rechtsberater.“ Zur Debatte um persönliche oder institutionelle Schuld äußert sich Bäte zurückhaltend. „In Deutschland redet man ständig über Schuld. Ist für mich eine relativ irrelevante Frage, weil die, die Schuld tragen, finden Sie sowieso nie. Aber die wirkliche Frage ist: Wie kommen Sie nach vorne?“

Neben der Aufarbeitung von Krisen schildert der Manager auch den langjährigen Wandel der Allianz von einem produktorientierten hin zu einem kundenorientierten Unternehmen. Einem früheren Ratschlag aus den USA, den Konzernumbau härter, schneller und radikaler voranzutreiben, sei er bewusst nicht gefolgt, weil eine große Organisation wie die Allianz mit kulturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen weitsichtig agieren müsse.

Fehlentscheidungen im Management bewertet Bäte als Teil des Veränderungsprozesses. Als Beispiel nennt er die zwischenzeitliche Bündelung des Veränderungsmanagements in einem Ressort: „[Das] hat die Organisation komplett überfordert. Ja, und das war meine Entscheidung, die war falsch.“ Die Struktur sei nach zwei Jahren korrigiert worden.

Im Verlauf des Gesprächs äußert sich der amtierende Allianz-Chef auch zu strukturellen Problemen Deutschlands sowie zur Tragfähigkeit der Sozialsysteme. Er plädiert für mehr Eigenverantwortung und eine kritische Überprüfung staatlicher Ausgaben: „Mir geht es um das Thema, dass Gemeinschaft nicht funktioniert, wenn alle Rechte haben, aber keiner Pflichten. Das nennt man Eigenverantwortung und Beitrag.“

Kritik übt Bäte an der Effizienz des Gesundheitswesens: „Wir haben die Kosten für unser Gesundheitssystem in den letzten 20 Jahren verdreifacht, mehr als 600 Milliarden Euro pro Jahr. Etwas, was die Menschen nie sehen, weil die Kosten des Gesundheitssystems aus vielen Kanälen kommen.“

Eine nachhaltige Finanzierung sei in vielen Bereichen ohne Reformen nicht gegeben. „Unsere Gesellschaft fliegt auseinander, wenn wir nicht jetzt endlich mal die Wahrheit sagen“, mahnt Bäte.

Mit Blick auf den technologischen Wandel verweist der Manager auf die Potenziale künstlicher Intelligenz für das Versicherungsgeschäft. KI-gestützte Systeme könnten künftig administrative Abläufe vereinfachen, die Schnittstelle zu den Kunden effizienter gestalten und Zusatzleistungen wie die Vermittlung von Behandlungsterminen unterstützen. Die Allianz ist nach Angaben von Bäte für die Zukunft gut aufgestellt. „Wir sind wirklich davon überzeugt, die besten Jahre kommen jetzt.“

Autor: VW-Redaktion